Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1915)
- Date
- 1915-07-16
- Page
- Seite 344 (sequence 8)
- Language
- German
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344 Schriftsteller Heinrich Seuffert, Strauß' Sekundanten waren der Franzose Raspail und Anton Hamberg. Außer diesen waren die beiden schon genannten Deutschen, Dr. Schuster und Eduard Kollos, zugegen. Als Waffen waren Pistolen gewählt, die Entfernung war aus dreißig Schritte mit zwanzig Schritten Barriere festgesetzt. Strauß hatte den ersten Schuß; seine Kugel streifte die Hüfte des Dichters und schwärzte die Knochenhaut, ohne jedoch eine ernstliche Verletzung zu bewirken. Heine, an welchen jetzt die Reihe kam, schoß in die Luft (Strodtmann S. 278). Damit war der sogenannten Ehre Genüge getan. Salomon Strauß und seine Gattin sind, soweit man Nachweisen kann, nicht weiter gegen Heine aufgetreten, obgleich dieser Beweise haben wollte, daß sie in ihren Intrigen nicht nachließen, und obgleich er die mannigfach verunglimpfenden Notizen, die über ihn in deutschen Blättern erschienen, auf Anstiften des Ehepaares zurückführte. Aber wirkliche Beweise konnte weder er für diese Vermutung anführen, noch haben sie seine Biographen ausfindig machen können. Erst nach mehreren Jahren beendete Heine die widrige Angelegenheit dadurch, daß er einen Brief an L. Wertheim richtete (22. Dezember 1845, abgedruckt in der „A. A. Z." 1846, Nr. 3), in welchem er Jeanette die vollkommenste Ehrenerklärung ausstellte. Wir sind nicht der Ansicht, daß ein Duell die rechte Art ist, literarische Streitigkeiten auszusechten, und meinen nicht, daß der Ehre Genüge geschehen ist, wenn ein Kugelwechsel stattgesrrnden hat. Eine Züchtigung hatte Heine wegen seines ganz unerhörten Auftretens gegen Börne und Jeanette Wohl- Strauß gewiß verdient, aber Campe hat gewiß recht, wenn er ausführt, daß das Anbieten oder das Allsteilen von Ohrfeigen llicht dazu beiträgt, die Würde der Literatur zu erhöhen. Lmdrückr aus Gattzien. Bon Tr. Jacob Länger, Feldrabbiner der XI. Armee. ls ich seinerzeit noch im friedlichen Berlin den ersten jener Briefe las, in dem mein Freund und Berliner AintskvUege, der jetzige Feldrabbiner der IX. Armee, Dr. Artur Levy, von den unsagbaren Greueln berichtete, die die Russen an Juden und jüdischem Eigentum zu begehen sich scheinbar mit zur Ausgabe dieses Krieges gemacht haben, da sträubte sich Herz und Sinn gegen solchen Wahnwitz. Allüberall, wo man in jüdischen und nichtjüdischen Kreisen darüber las und davon sprach, wollte man nicht begreifen, worin nun die neue Kultur bestehen sollte, die uns „deutschen Barbaren" zum Heil, zur Rettung und zur Freiheit für ewige Zeiten gebracht werden sollte. Und heute, wo ich seit vielen Wochen in Galizien weile und eine Fülle von Eindrücken und Erfahrungen sammeln konnte, da erscheint es mir leider fast als eine Ausnahme, wenn Inden in irgendeinem Orte, den die Russen berührten, unangetastet blieben. Ich habe nun schon viele Orte Galiziens besucht, habe überall Gelegenheit gesucht und in reichlicher Menge gefunden, mir von den Aermsten der Armen erzählen zu lassen, was sie alles gelitten, wie sie wachen-, ja monatelang in Kellern hausten, wie junge Mädchen während der ganzen Zeit der Russenbesetzung von ihren eigenen Vätern und Brüdern eingemauert wurden, um der ihnen drohenden Schande zu entgehen, wie man in dunkler Nacht ihnen unter Gefahren das Nötigste an Nahrung brachte, kurz, wie man 7—9 Monate hindurch in Todesängsten und in bitterster Not dahinlebte. Erst in diesen Tagen trat ich in einen: ganz zerschossenen Dorf an den armseligen, aus einer alten Holzkiste bestehenden Laden eines jungen schönen jüdischen Mädchens heran, um mir von seinen Erlebnissen erzählen zu lassen. Wenn man hörte, wie sie die glückliche Braut eines von den Russen als Geisel Weggefährten jungen Mannes gewesen ist, von dessen Schicksal sie keine Ahnung hat, das sie Besitzerin eines Wäschegeschäftes gewesen, in dem sie zwösi junge Mädchen beschäftigte und ihnen selbst Brot gab, daß sie und ihre Eltern jetzt weder Bett noch Tisch besitzen und ms nackter Evde in ausgebranntem und ausgeplündertem Haute ohne Polster und Decke traurige Nächte verbringen müssei. und wenn man dann sieht, wie dieses arme abgemagerte G> schöpf von früh bis spät auf der Straße steht, um durch de > Kleinverkauf von Schokolade und Streichhölzern die allerno wendigsten Heller zu verdienen, dann krampst sich uns „den - schen Barbaren" das Herz zusammen ob solcher Kriegführung armen, wehrlosen Geschöpfen gegenüber. Was mich aber am meisten empörte, war die Tatsache, daß auch mancher russiscljüdische Soldat seine Glaubensbrüder bei dem Raub und dir Plünderung nicht verschonte. In Radymno rühmte sich ei i russisch-jüdischer Soldat, mit dem in Stücke gehauene i Klavier eines Juden seinen Tee bereitet zu haben, und ei i anderer raubte am hellen Tage einen Glaubensgenossen unter Todesdrohungen aus. Ich kann mich allerdings dabei dm Empfindens nicht erwehren, als ob einzelne russisch-jüdiscl r Soldaten durch solche Schandtaten an ihren eigenen Glaibensgenossen die wohlwollende Aufmerksamkeit ihrer Vorgesetzten auf sich lenken wollten. Wie der galizische Jude vo i der russischen Militärbehörde eingeschätzt wird, das möge so gender Maueranschlag dartun, den ich in Rzeszow vorgefiu - den habe. Ich lasse ihn wörtlich mit allen seinen Fehler i folgen: „Kundmachung. Die Erfahrungen des Krieges haben uns die feindlicl e Stellung der jüdischen Bevölkerung Polens, Galiziens nur der Bukowina deutlich gezeigt. Jedesmaliges Verlassen di ses oder jenes Rayons und dessen Einnahme seitens unser! Gegners führt zu heftigen Maßnahmen gegen die uns syn pathisierende Bevölkerung, gegen welche die Juden sowohl d r Oesterreicher als auch die Reichsdeutschen aushetzen. Um d e uns ergebene Bevölkerung vor Grausamkeiten und unse r Truppen vor Spionage, welch letztere die Juden auf dm ganzen Front ausüben zu beschienen, hat der „Allerhöchste Armeekommandant" durch einen Erlaß das Verbleiben der Juden t > Rayon der Armee und deren Zutritt im Rayon weh lich. der Stadt Jarvslau verboten, und zur Verhii derung eventueller Verleumdungen seitens der Judei friedlicher uns sympathisierender Bevölkerung und die etwaige Auffindung von Spionen — Juden anbefohlen, Geiseln ’.i nehmen, auf welche die Strafe auferlogt wird — Todesstra durch den Strang — für jeden, einer Strafe seitens der Ödste reicher oder Reichsdeutschen, unterworfenen friedlichen B wohner, und für jeden gefangenen Spion-Juden, werde i zwei Geiseln zur Verantwortung gezogen. Diese Maßregel wird ausschließlich im Interesse der srie lichen, uns sympathisierenden Bevölkerung getroffen, zu derc i Schutz vor den Anhetzereien auf dieselbe unseres Gegners cu i Grund der Verleumdungen der Juden, und erscheint als e zwungenes Resultat einer sechsmonatlichen Geduld und fest> > Ueberzeugung der Unloyalität und Grausamkeit der Jud> i der Ortsbevölkerung gegenüber." (Ein weiterer Artikel folgt.) Die „Wohltaten" des tzsulrs Somanoo Von Leo Scheinhaus. V. (Fortsetzung.) ie Politik des gewalttätigen Glaubenseifers und das Rc pressivsystem erreichten ihren Höhepunkt in der Re gierungszeit Nikolaus I. (1825—1855). Staatsökonomisch' Gründe standen allerdings den religionspolitischen entgegen