Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-07-16 · Heft 29 (16.7.1915) · p. Seite 343

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 29 (16.7.1915)
Date
1915-07-16
Page
Seite 343 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229207--71470-3283812
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

343 reinigen! Und jener Heine soll ein Raufbold sein, der leicht das ganze Geschmeiß, das ein Gänsegeschnatter unter sich abmacht, an des Bruders Statt in seine Grenze zurücksendet, wenn Heinrich eine Sache abgemacht hat. Ich schrieb determiniert, er müsse losgehen. Wer den Schmiß bekäme, sei noch nicht entschieden. Und wenn was -rfolge, wäre der Sarg selten nötig. Ich selbst habe drei Schußwunden — niemand sieht es, bis ich es zeige. — Nicht illein der Mensch Heine müsse sich reinigen, nein: die gekränkte Würde der Literatur — verlange das." Wenige Tage später, am 24. August, kommt er aus dieselbe .'lngelegenheit zurück und bemerkt: „Ist der „Hamburger Corespondent" dort zu lesen? Dann sehen Sie das Blatt vom!1. August (Sonnabend) an. Darin finden Sie über Heine inen Bericht. Kollos, Schuster, Hamberg waren Zeugen nur rnf „Hörensagen" — Strauß will keine Pistolen, keine Degen - sondern krumme Säbel. Rießer schildert die Gestalt des -trauß als die eines Athleten — denken Sie sich die kleine sigur Heines! — Das Stück spielt zur Ehre der Literatur sehr ,ut, und so mag die Dedikation — ist die Sache ausgebissen — hm als Bändchen erteilt werden. An Heine ist ein entsetzliches, unerhörtes Bubenstück verübt oorden. Hätte die Literatur Esprit du Corps statt Neid und Nißgunst — sie, die sonst jeden Dreck beschnüffeln und beritteln, dann würde es Pflicht sein, jene Clique zurechtzuchen, damit ein Beispiel gegeben würde, daß jeder, der zur üge gemacht ist, sein Maul im Zaume hält: die Nachwehen ürchtet und fürchten lernt." Die Sache, um die es sich handelt, ist die folgende: Heine hatte 1840 sein Buch „H. Heine über Ludwig Börne" eröfsentlicht. Es war ein grimmiges Pamphlet, in dem neben ielen anderen Dingen, die hier nicht erwähnt zu werden rauchen, die große Abrechnung Heines mit Börne gehalten mrde, der in seinen Pariser Briefen nicht eben sänstiglich uit dem ehemaligen Waffenbruder umgegangen war. (Das lähere vergleiche in meiner Abhandlung „Zu Heines Schrift wer Börne in dem Buche „Das junge Deutschland", Studien nd Mitteilungen", Berlin 1907, S. 1—13.) Die Schrift aber enthielt außer den Angriffen gegen Börne uch eine recht unwürdige Herausforderung gegen Börnes ebenssreundin, die treffliche Jeanette Wohl, die seit 1832 mit .alomon Strauß verheiratet war. Durch diesen ehrenührigen Angriff, doppelt unverzeihlich, weil er gegen eine 'ehrlose Frau gerichtet war, und weil er, an sich unwahrheinlich, auch im Gegensatz zu Heines eigener Ueberzeugung and, fühlte sich der Gatte, der, durch seine Verehrung Börnes üt Jeanette zusammengeführt, während seiner Ehe diese Verirung ebenso gesteigert wie die Liebe zu seiner Gattin geährt hatte, aufs tiefste empört. Strauß und seine Gattin benügten sich zunächst damit, die gleichfalls sehr schlimmen leußerungen Börnes über Heine, die in den bisherigen rucken der Pariser Briefe ausgelassen waren, zusammenzuellen und gemeinsam mit den schnöden Urteilen deutscher ournalisten über Heines Buch zu veröffentlichen. Aber sie begnügten sich nicht mit dieser Rache, sondern trauß trabMine tätlich entgegen. Der älteste, noch immer averlüfsigste Biograph Heines, Adolf Strodtmann, hat die mche so dargestellt: „Heine glaubte den Skandal, welchen sein uch erregt, schon vergessen, er stand eben im Begriff, eine eise in daS Pyrenäenbad Cauterets anzutreten, als am 1. Juni 1841 Salomon Strauß ihm plötzlich an der Ecke der ue Richelieu und der Rue St. Marc mit injurierenden Worn in den Weg trat. Heine gab dem vor Aufregung zitternden itanne ruhig die Adresse seiner Wohnung mit dem Bescheid, aß, wenn man mit ihm zu sprechen habe, man wohl noch ulige Wochen bis zu seiner Rückkehr warten könne, indem >an schon zwölf Monate ihm nichts, geschenkt." Die neueren Biographen haben dieser Schilderung nichts tatsächlich Neues hinzugefügt. Die Heinesche Erklärung aus Cauterets vom 7. Juli, erschienen in der „Allgemeinen Augsburger Zeitung" vom 19. Juli ist vielfach, zum Beispiel in der 'Sammlung von Heines Briefen in der Karpelesschen Ausgabe Bd. 9, S. 175 fs., abgedruckt. Sie richtet sich besonders gegen die von deutschen Journalisten mehrfach verbreitete Nachricht, Strauß habe ihn tätlich angegriffen und er (Heine) habe sich, nachdem er Prügel erhalten, feige zurückgezogen. Für die ganze Geschichte dieser Begegnung ist die am Anfang dieser Bemerkungen abgedruckte Briefstelle Campes von der äußersten Wichtigkeit. Zunächst wegen der Erwähnung des Briefes an die Mutter Heines, der bisher nicht bekannt ist, sodann wegen der Zeugen. Die drei Männer nämlich, die hier erwähnt sind, waren Deutsche, die in Paris lebten und in dem Börne-Heineschen Kreise häufig erwähnt werden. Sie standen freilich zu Börne in näherer Beziehung als zu Heine. Der erste, Eduard Kollos, stammte aus Friedland im Mecklenburgischen, war dann Lehrer des Bunsenschen Instituts in Frankfurt a. M., entfloh nach feiner Teilnahme am Frankfurter Aufstand am 3. April 1836 nach Lyon und lebte lange als Kunstkritiker in Paris, Der zweite, K. W. Schuster, war früher Privatdozent an der Universität Göttingen. Er war nach Frankreich geflohen, nachdem er sich an der hannöverschen Revolution beteiligt hatte, und nahm in Paris eine bedeutende Stellung als oberster Leiter des Bundes der Geächteten ein, stand mit der Heimat in naher Verbindung und wurde, wie Glossy in seinen zuverlässigen Anmerkungen zu den „Literarischen Geheimberichten aus dem Vormärz", Wien 1912, behauptet, recht geschätzt; allerdings wird er in den Briefen Heines und in seinen Werken nicht erwähnt. Von dem dritten, Hamberg, weiß ich nichts zu sagen, außer seinem Vornamen Anton. Wahrscheinlich also fand zwischen Strauß und Heine im Juni 1841 nur eine Anrempelung statt; das eigentliche Duell wurde auf mehrere Monate verschoben. Die Freunde Heines haben nun sehr arg gegen Strauß gewütet und geradezu von seiner Drückebergerei gesprochen; sie haben behauptet, daß er nur fähig gewesen sei, einen Wehrlosen zu überfallen, sich aber gescheut habe, mit der Waffe in der Hand dem gleichfalls Bewaffneten sich zu stellen. Doch läßt sich für ein solches Verfahren absolut kein Zeugnis auffinden. Nicht minder haben sie sich lustig gemacht über den wackeren Gabriel Rießer, der freilich unberufen, aber eben als Anwalt der Gerechtigkeit sich erbot, nach Paris zu kommen und Heine wegen seiner schnöden Verletzung der Ehre einer geachteten Dame zur Rechenschaft zu ziehen. Heine selbst hat zu dieser Art der Beurteilung das Signal gegeben, indem er von einer Donquichotterie sprach und sich bei der Erwähnung der ganzen Angelegenheit, namentlich Campe gegenüber (23. August 1841), der ehrenrührigsten Ausdrücke bediente. Daß diese Heinesche Art der Beurteilung von christlicher Seite häufig wiederholt worden ist, kann nicht wundernehmen; daß auch Juden sich dieser Auffassung angeschlossen, ist bedauerlich. Ich gestehe, daß ich das Auftreten Rießers immer bewundert habe, er hatte wirklich nicht nötig, Aufsehen zu machen; sein Eintreten ist nur diktiert durch edlen Zorn und seinen starken Sinn für Gerechtigkeit. Seiner Meinung nach war Börnes Andenken durch Heine besudelt; als deutscher Mann und als Freund der Juden wollte er solches Gebaren nicht dulden. Indessen hatte Rießer nicht nötig, als Kämpe auf dem Schlachtplatz zu erscheinen, denn Strauß, der einige Wochen verstreichen ließ, bevor er auf die Forderung einging, stellte sich seinem Gegner. Das Duell fand am 7. September 1841 statt. Heines Zeugen waren Herr Tessier de Molo und der deutsche

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.