Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1915)
- Date
- 1915-07-16
- Page
- Seite 342 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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342 Leistungen zu erziehen". Und hierin spricht sich eine andere Seite von Rathenaus Wirken aus: sein fördernder Einfluß auf den deutschen Maschinenbau, im besonderen auf die Motorenindustrie. Immer neue, immer schwierige Aufgaben stellte er ihr zur Erfüllung der elektrotechnischen Forderungen, welche sein rastlos vorwärtsstürmender Geist erhob. Ja, als der Fortschritt ihm zu langsam und zögernd dünkte, griff er mit den Waffen seines eigenen Geistes ein und wurde der Dampfturbine, nachdem er ihre Vorzüge frühzeitig erkannt, dem deutschen Maschinenbau vorauseilend, ein mächtiger Förderer and Schöpfer der deutschen Turbodynamo. Und wieviel schwierige Ausgaben hatte die Elektrotechnik selber noch zu lösen! Als vor 25 Jahren Berlin vor die Frage gestellt wurde, ob es die Beleuchtung der Stadt selber unternehmen oder der neubegründeten Edifon-Gesellschast übertragen sollte, war das damalige Haupt der Stadt, der vorsichtig abwägende Herr v. Forckenbeck, lange im Zweifel. Um über einige wissenschaftliche Fragen Aufklärung zu erbitten, lud er mich eines Tages zu sich. Als die vierstündige Unterredung endete, sagte er: „Es ist mir klar, das ist keine Ausgabe, die wir mit unseren verwaltungstechnischen Kräften lösen können: das ist fast alles neu zu gestalten und neu zu erfinden. Jedes Jahr wird das Alte niederreißen und Neues erstehen sehen!" Wie klar hatte sein Blick die damalige Situation ersaßt, und wie stark zeigte sich das Genie Emil Rathenaus der Ausgabe gewachsen! Heute sieht er seine Träume zur Wirklichkeit geworden. Aus wenigen Riesenstationen saugen die elektrischen Kanäle rastlos Energie; sie tauchen seine Vaterstadt in ein Meer von Glanz und Licht und „führen Kraft ohne Ende in fleißige Hände". Und immer weiter dehnte sich sein Blick, es wuchsen ihm die Schwingen im Fluge. Aus den Zentralmagazinen der Naturkraft sah er sie, elektrisch verwandelt, hinausgetragen über das Land, in die Werkstätten der Industrie, aus den erschöpften Acker des Landes. Von allen Seiten drängte die Entwicklung nach dieser Richtung; aber Rathenau war der erste, der ihr den Erfolg der praktischen Tat verlieh. Ich sehe ihn vor mir, als er mit leuchtenden Augen die ersten Drehstrommotoren, aus seinen Werkstätten hervorgegangen, der erstaunten Fachwelt vorführte und ihre Konstruktion erklärte; denn durch diese allein rückte das Ziel erst in greifbare Nähe. In jenen denkwürdigen Tagen zu Frankfurt a. M., als die Wasserfälle des Neckar in der Ausstellung zu rauschen begannen, wurde es klar, daß die Kultur an einem neuen Wendepunkt stand. Ihm allein gebührt der Ruhm für den Vorsprung, den damals die deutsche Elektrotechnik gewann und der von Rheinfelden bis zu den Viktoriafällen in Afrika seine wirtschaftliche Bedeutung behalten hat." Emil Rathenau erlangte während seines Lebens große Ehren. Er erhielt ehrenhalber das Doktordiplom, wurde von unzähligen kaufmännischen und industriellen Gesellschaften: zum Aufsichtsratsmitglied ernannt. Er erfreute sich auch der Gunst des Kaisers, der sich gern mit ihm unterhielt und gelegentlich in Kreisen, in denen der Monarch verkehrte, die Anwesenheit des hervorragenden Mannes wünschte. In der schönen Gedächtnisrede, welche der bedeutende Sohn, Walter Rathenau, seinem Vater widmete, finden sich zur Charakteristik des Verstorbenen die schönen Worte: „Vierfach sind die Gaben, die höchsten, die der ewige Geist den Menschen spendet, die er liebt, die er mit Leiden segnet und denen aufs Haupt er die Verantwortung der Welt bürdet; vierfach herrlich, vierfach versprechend und vierfach geheimnisvoll: Die erste Gabe ist die Gabe der Einfalt, die andere ist die Gabe der Wahrheit, die dritte ist die Gabe des Schauens, die höchste aber ist die Gabe der Liebe." Der Sohn stellt in herrlicher Weise dar, wie Emil Rathenau Einfalt, Wahrheit, Schauen und Liebe im höchsten Grade beseffen habe. Ueber diese Liebe, die er besaß, heißt es: „Seine Liebe zu Menschen war stark, aber sie war nicht sanft; sie war nicht hingebend und sie war nicht weich, aber sie umfaßte den, den sie liebte, und sie zog ihn zu sich empor, und der Mensch, der ihm nahestand, fühlte die Läuterung seines Atems. Und das Stärkste, was starke Liebe wirken kann, das wirkte sie: sie entfachte Liebe. Diese Liebe ist entfacht und glüht in Tausenden von Herzen, und diese Liebe lebt und überlebt ihn." Der Redner schließt unmittelbar vor dem alten Segensspruch, den er dem Vater nachruft, mit den erhebenden Worten: „Wir bestatten deinen Leib, aber wir bestatten nicht deinen Geist. Der steigt empor mit der Kraft, die ihm die Sonne verliehen hat, empor zu den Höhen, von denen er gekommen ist und zu denen er heimkehrt. Aber dein Leben lebst du jetzt wahrhaftig . . . Und an deinem Leben laß uns, Vater, unsere Lebenssackel entzünden, an deiner Wahrheit unser Irren erleuchten, laß uns aus deiner Kraft unsere Kraft schöpfen und unseren Glauben aus deinem Glauben: zur Arbeit an unserem heiligen deutschen Lande und zur Arbeit im Dienste des ewigen Geistes." Emil Rathenau war ein Stolz unserer Glaubensgemeinschaft. Wir segnen und verehren das Andenken des ausgezeichneten Mannes. L. G. hemeltudim. Von Ludw i g Gei g er. IV. Heines Duell. n einem erst kürzlich („Zeitschrift für Bücherfreunde" » 1915, Heft 11) veröffentlichten Briefe vom 16. August 1841 schreibt Julius Campe an Dingelstedt folgendes: „Den neuesten Nachrichten zufolge hat Heine die Verbreiter jener Lüge gefordert. Ich sage Lüge — Herr Strauß, derjenige, welcher geschlagen haben soll, hat bis jetzt es nicht öffentlich behauptet. Kollos, Schuster und Hamberg, was bestätigen sie? sagt einer mit dürren Worten; den Tag, um diese Zeit, in der Gaffe usw. ist es geschehen!? Nein! Die Leute sind Heines Feinde, sie drehen und wenden die Form, aber sprechen sich nicht fest aus. Dagegen schrieb Heine an seine Mutter und schwor bei der Asche seines Vaters — bei ihrem Leben und Gesundheit: es sei ihm nichts der Art begegnet. Mag Heine sein, wie er will, er würde einen solchen Schwur nicht tun — wozu keine Notwendigkeit ihn zwang. Ich kenne ihn genau und habe nie in wichtigen Dingen eine Zweideutigkeit an ihm gefunden.. Wir arbeiten fünfzehn Jahre lang und unter allen Lebensverhältnisfen miteinander — wir haben wichtige Interessen zusammen verhandelt, ich fand ihn stets „ein Wort, ein Mann!" Bedarf es eines größeren Zeugnisses? Fast alle unserer gemeinschaftlichen Verkehre sind ohne Kontrakt geführt worden. Hätte er sein Wort.nicht halten wollen, andere hätten ihm mehr gegeben, wie ich getan habe. Er schenkte mir sein „Buch der Lieder"; später gab ich ihn: 25 Frd'or dafür, als es ging — und wahrlich, er brauchte des Geldes oft sehr nötig. Ficht er bis dahin die Sachen aus, dann ist es allerdings Zeit, ihm das Buch zu widmen. Uebrigens mag das Lumpenpack nicht zu früh jubeln, es könnte ihm schlecht bekommen. Heine selbst ist kein Held, er ist nervenleidend — aber er hat einen Bruder in österreichischen Diensten, der in einem Dragonerregiment Premierleutriant ist; dieser soll um Urlaub angehalten haben — warum? Ich müßte mich sehr täuschen, geschähe es nicht: den Namen zu r) Heinestudien I, II, III, siehe „Allgemeine Zeitung des Judentums", Jahrgang 4911, Nr. 14, 19,' 42.