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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-07-16 · Heft 29 (16.7.1915) · p. Seite 340

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 29 (16.7.1915)
Date
1915-07-16
Page
Seite 340 (sequence 4)
Language
German
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340 D i e „E r o b e r u n g Palästinas für die I u d e n". Ein angebliches rassisches Kriegsziel. Wien, 7. Juli. Wie aus Lemberg gemeldet wird, soll angeblich der Generalissimus Nikolai Nikolajewitsch an die jüdischen Soldaten einen Armeebefehl erlassen haben, in dem er darauf verweist, daß zahlreiche jüdische Soldaten Fluchtversuche unternahmen, und dann erklärt, er wünsche dessenungeachtet, ihnen Gelegenheit zu geben, ihren Heldenmut und ihre Treue für das Vaterland zu beweisen. Eines der Ziele der Kämpfe gegen die Türkei sei, für die Juden Palästina zurückzuerobern, damit sie als Einheit unabhängig dort leben können. Der Befehl sagt: „In Gnaden ebnen wir daher euch den Weg zur Armee im -Kaukasus. Es hängt mm von euch ab, welcher Behandlung eure Rassenverwandten und Glaubensgenossen während des Krieges und nachher teilhaftig werden. Erobert Palästina für euch zurück, und dein Judentum dämmert neuer Ruhm." Danach sollen die jüdischen Soldaten angeblich nach dem Kaukasus befördert worden sein. * Das „Gemeindeblatt" der jüdischen Gemeinde in Berlin bringt neue Berichte des F e l d g e i st l i ch e n Rabbiner Dr. Baeck. Das Bemerkenswerte an diesen Berichten biegt darin, daß der Schreiber nicht seine eigene Tätigkeit ausschließlich hervorhebt, sondern daß er die Erhebung des Gemüts, die Stärkung religiöser Empfindungen besonders berücksichtigt. Dadurch gewährt er auch den zu Hause Gebliebenen einen tiefen Einblick in die Seele unserer tapferen Krieger. Aus diesem Grunde sind diese Berichte von hohem Werte. Sie mögen daher an dieser Stelle ihrem Wortlaute nach folgen: Eh a u ny, den 6. Juni 1915. In der Zeit vom 18. bis 31. Mal habe ich acht- Gottesdienste abgehalten: in Earlepont, Roiglise, Lagny, Chauny, Pargny, Ehavignon, M-argival und San eh. Daneben war ich in ernsten und frohen Stunden mit unseren Mannschaften zusammen; von ihnen sei je eine geschildert: In der Nähe des Dorfes Ehiry, das an der Straße von Nohon nach Eompiegne liegt, wurde am Sonntag nachmittag. ein neu angelegter Militärfri-edhof eingeweiht. Auf den Feldern und Wiesen rings umher befindensich verstreut, von der Zeit der großen Kämpfe her, viele Gräber unserer wie auch französischer Soldaten. Jedem wurde zwar seine Fürsorge zuteil, aber es mußte doch bei den Truppenteilen, die seit längerem in der dortigen Gegend liegen, der Wunsch rege werden, allen diesen, die für ihr Vaterland gefallen waren, auf einem gemeinsamen, geschützten- Totenacker ihre Ruhestätte neu zu bereiten. Jeder einzelne nahm an der Verwirklichmudieses Wunsches teil; durch den kleinen gleichen Beitrag von wenigen Pfennigen, den jeder Mann beisteuerte, wurde eine Summe zusammengebracht, durch die unter Jnnehaltung aller Rechtssormen eine stille, friedliche Wiese angekauft werden konnte. Sie liegt an eurem sonsten Bergesabhang, der einen freien Ausblick weithin über die an und ab steigenden Wellen der Landschaft gewährt. Alle die, die hier und dort in ihren verstreuten Stättengeruht hatten, Freund und Feind, wurden nun hierher übergeführt und nebeneinander, jeder in seinem Grabe, gebettet. Die Weihe des Ackers fand an einem schönen Spätnachmittag statt, der mit feinem flimmernden Licht die niedrigen Denksteine vergoldete und in den Blumen und Zweigen glänzte, welche die niedrigen Hügel schmückten. Ein dichter Kreis umstand den Friedhof, neben den Generalen zahlreiche Offiziere und Vertreter der Mannschaften, und alle empfanden es gewiß, was dieser Platz -erzählte von den -ernsten, schweren Tagen, die wir durchlebt, und von den guten Tagen, die wir erhoffen. Aus den W-eihereden — zuerst sprach der katholische Truppenpfarrer, danach ich und zum Schluß einer der evangelischen Geistlichen der Division — klang dies hervor. Aber das ergreifendste Wort sprach doch der stille Friedhof selbst. Neben solch ernsten Stunden des Rückblicks und Ausblicks bringt der Lauf der Tage auch frohe, in denen nur der Gedanke der Gegenwart, nur der Augenblick den Sinn erfüllt. Auch in dieser Heiterkeit der Stunde, die nur die Stunde sieht, soll sich die Spannung lösen, mit der das Erlebte und das Erhoffte das Gemüt festhält. In einem der Dörfer, in denen ich seit Monatenregelmäßig den Gottesdienst abhalte, ist jetzt ein Soldatenheim eingerichtet, um auch bei ungünstiger Witterung Stunden der Geselligkeit zu ermöglichen, die die engen Quartiere nicht gestatten. Eine geräumige Scheune ist hierzu umgewandelt, Fenster und Türen sind angebracht, Bänke und Tische sind ausgestellt, geschickte Hände haben die kohlen Wände mit Inschriften und Gemäldengeschmückt. Hier blieben wir, die die Andacht soeben ver-ein-t hatte, noch zu geselligem Kreise für zwei Stunden, die nur zu schnell verflogen, zusammen. Es gab unter uns Vortrags- und Sangeskundige, welche altes und neu -erworbenes Könnenim Singen und Sagen darboten; gemeinsame Lieder wechselten damit ab, ein Glas Bier und Zigarren, für jeden sein bestimmter Teil, wurden gespendet. Gäste, die zu den offenen Türen hereinkamen, nahmen an unserem- Frohsinn teil, bis die festgesetzte Stunde an den Abschied mahnte und eine kurze Ansprache, wie sie unser Zusammensein eingeleitet hotte, so es wieder beschloß. Die Gottesdienste, die ich zu Beginn nannte, und ebenso diese und ähnliche frohe Stunden galten vor allem der Feier unseres Wochen festes. Daher waren sie, nach Möglichkeit, in die Tage des Festes wie in die Tage vor und nach ihm hineingelegt. No hon, den-18. Juni 1915. Ueber meine Tätigkeit vom 1. bis 16. d. M. berichte ich ergebenst: Ich habe in dieser Zeit Gottesdienste abgeholten in Vezaponin, Audign-ieourt, Chirh, Bille, Earlepont, Roiglise und Lagny. Einer von diesen Gottesdiensten stand unter dem nahen Eindruck der in den amtlichen Berichten -erwähnten heftigen Kümpfe, die bei A!oulin-s-sous'-To-uvent stattfanden. Jeder Tag und jeder Platz des Krieges hat seinen drohenden Ernst; überall kann den Soldaten der Gedanke erwarten, daß es dos Leben e-inzusetzen gilt. Aber es ist doch noch eine besondere, andere Stimmung, die im Angesichte des Kampfes wach ist. Die Stimmung des Kriegsansong-s, wo das Außerordentliche noch nicht zum Gewohnten und Alltäglichen geworden war, kommt wieder. Die Gefahr ist wieder nicht das Gelegentliche bloß, sondern das Eigentliche; sie bildet nun den wogenden Inhalt des Tages, sie ist nicht bloß die Welle, die herandringen kann. Der Ernst erreicht jetzt wieder alle. In den stilleren Zeiten des Krieges erlebt trotz allem der -einzelne ein einzelnes, -erfährt feine Unruhe und seine Rast. Der Komps bringt dagegen -ein Gesamterl-ebnis: die Empfindungen und die Gedanken schließen sich zusammen in ein Gemeinsames, -in das Hoffen und Bongen, in die Zuversicht und die Entschlossenheit-, das Beten und das Wollen, das in allen gleich ist. Es ist wie ein Druck von außen nach innen und von innen noch außen, der eine feierliche, seelische Z u so nun engehör igkeit schasst; man rückt unwillkürlich innerlich nahe aneinander, die vielen werden -ein Ganzes. lieber solchen Stunden liegt ein gewisses Schweigen; wie alle tiefsten Empfindungen hat auch die starke, spannende Erwartung ihre Stille. Selbst die Unterhaltung sinkt, fast ungewollt, zu leiserem Don. Ein Gefühl schwingtin allem Denken und Sinnen mit: das Gefühl der Pflicht, das Bewußtsein der gestellten Aufgabe. In ifym wohnt etwas inne, das wie eine Andacht ist, die -alle erfüllt. Es ist die Gewißheit der Pflicht, aber man kann es-ebenso die Uebcrzeuguug von der Gerechtigkeit der Sache, für die man kämpft, nennen-, -oder auch die feste Zuversicht aus den Sieg, oder auch das Gefühl dafür, daß der Krieg ein Volkskrieg, daß er die Sache aller ist. So viele Namen es sind, sie bezeichnen doch alle dieses selbe: diese Grundstimmung, die, im stillen bleibend, gegenüber den nahenden ernsten Stunden alle zusammenschließt. Nichts liegt ihr ferner als hallende tönende Sätze mit ihren groß einherschr-eit-enden Worten. Diese kommen weit mehr ans müßigen als aus mahnenden, fordernden Stunden hervor; sie werden oft in den sicheren, behaglichen Winkeln vernommen, aber kaum je dort, wo die drohende Gefahr, die besiegt werden soll, gegenübersteht. So waren denn auch schlichte Worte, mit denen die, welche sich zur Andacht zusammenfanden, einander begrüßten. Wir waren in einem Dorfe zusammengekommen, in dessen Nähe einzelne Truppenteile in Reserve standen, in Erwartungder Stunde, die vielleichi auch sie in die vordere Reihe führen würde. Einzelne Mannschaften aus diesen rückwärtigen Stellungen, eine kleine Anzahl, konnten sich für eine kurze Stunde zum Gottesdienst versammeln. Alles ringsumher, das, was an das Ohr herandrang, das Rollen und Klingen der Geschütze, wie das, was hin und wieder vor den Blick trat-, die Verwundeten, die zu dem Verbandplätze getragen wurden, das mannigfache, sorgende Kommen und Gehen, alles schien die ernste Andacht zu gebieten. In einem kleinen, geschützten- Raume der-

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