Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1915)
- Date
- 1915-07-16
- Page
- Seite 338 (sequence 2)
- Language
- German
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338 schäften an den Tag gelegt. Auf der einen Seite die hartnäckigste und eifrigste Abwehr alles Fremdartigen, insofern dadurch der reine Monotheismus irgendwie gefährdet oder auch nur im entferntesten bedroht schien; auf der andern Seite die Geneigtheit, neuen Ideen sich anzuschmiegen, wenn diese sich mit den Grundanschauungen des Judentums verschmelzen ließen, sie vielleicht gar noch zu stützen oder plausibler zu machen geeignet schienen. Und diese Erscheinung lag eben in der ursprünglichen Bestimmung des Judentums, Träger des Gottesreiches zu sein, und in der während seiner ganzen Entwicklungsgeschichte sich kundgebenden Freiheit des Gedankens und Forschens. Die Angehörigen der jüdischen Religionsgenosienfchaft beteiligten sich daher, wohin sie auch kamen und sich niederließen, an dem Geistesleben der Zeit und lernten die dort herrschenden Ideen kennen, da sie sich durch ihre Religion nicht gehindert sahen; aber gar oft, ja fast immer geschah es, daß, von diesen Ideen angezogen, eine Bewegung im Innern entstand, eine Gärung verursacht wurde, die beim Beginn gefahrdrohend für den ererbten Glauben zu sein schien. Doch nicht nur oft, sondern immer gingen diese Perioden vorüber ohne Benachteiligung des Glaubens; vielmehr bewirkten die fremdartigen und gleichwohl verwandten Ideen einen Scheidungs- und Läuterungsprozeß. Fremdartiges, das sich im Laufe der Zeit ansetzte. Irriges wurde dadurch ausgeschieden, und auch das als Beimischung eingedrungene Fremdartige und Irrige wurde nach und nach wieder ausgeschieden. Um diese Erscheinung nur an einem einzigen Beispiel zu demonstrieren, möchte ich. auf das Kapitel der Geschichte der Juden in Alexandrien Hinweisen, die ebenfalls den Geist und die Ideen der Zeit in sich aufnahmen. Dagegen hatten damals die palästinensischen Juden die Ucbersetzung der Bibel ins Griechische durch die alexandrinischen Weisen für ein so großes Unglück angesehen und für ein Vergehen gleich dem der Anfertigung des goldenen Kalbes.. Wird auch heute jemand ein solches Urteil fällen oder diesem Urteil beistimmen? Welcher Gelehrte betrachtet nicht jede aus dem Altertum gerettete geistige Tätigkeit als ein kostbares Besitztum der Wissenschaft? Wohl mag damals manches Nachteilige daraus besorgt worden oder gar entstanden sein. Das entschuldigt, rechtfertigt aber nicht und zeigt jedenfalls das Unrecht und die Unkorrektheit, die begangen wird, wenn man aus einer einzelnen Phase auf den ganzen Entwicklungsgang eines geschichtlichen, organischen Verlaufes Schlüsse aufzubauen sich untersteht. Wir sind weit entfernt, durch theoretisch konstruierte Bedingungen Prognosen über die Gestaltung der Zukunft Israels auszustellen. Das eine jedoch wissen wir: das Judentum kann nicht untergehen. Schön und tiefsinnig drückt dieses Verhältnis Israels zur Welt in der Zerstreuung auch der Talmud aus. Es heißt lZacharia 2, 10): „Denn wie die vier Winde habe ich euch zerstreut," spricht der Herr! Was meint der Prophet? Meint er etwa, daß Gott Israel i n die vier Weltenden zerstreut habe? Dann müßte es ja heißen in die vier Winde, nicht aber wie die vier Winde. Nein, das meint er: So wie die Welt nicht bestehen kann ohne Winde, so kann sie auch nicht ohne Israel bestehen; wie das Wehen der Winde die Welt vor Fäulnis bewahrt, so ist Israel da, um alle Fäulnis in der Welt zu vernichten. Dir Woche. Berlin, den 13. Juli 1915. uch die vergangene Woche hat schöne Erfolge auszuweisen gehabt. Ein italienisches Schlachtschiff ist torpediert worden; in Polen und Galizien wurden Fortschritte gemacht. Freilich sind die Erfolge der letzten Woche nicht so glänzend wie die der vergangenen. Aber der Umstand, daß die ungeheure Uebermacht der Italiener auf der einen, der vereinig ten Engländer, Franzosen, und Belgier aus der anderen Seit? (die letzteren rühmen sich, ihre Armee wieder aus 100 000 Mann gebracht zu haben und prahlen mit neuen Uniformen, die fü dieses Heer angeschafft worden sind) nichts gegen die Oesterreicher am Jsonzo und nichts gegen die ungeheuer ausgedehnt? Verteidigungslinie der verhältnismäßig schwachen deutschen Truppen in Belgien und Frankreich auszurichten vermochte:, ist von der allergrößten Wichtigkeit. Gewiß rückt uns dies alles keinen Schritt dem Friede: näher, wohl aber können zu dem ersehnten Ziele die Bekenntnisse führen, die namentlich in England laut werden. Bisonders charakteristisch dafür ist eine Verhandlung im englischem Oberhaus und ein Artikel einer englischen Zeitung, über welch? die Tageszeitungen in folgender Weise berichten: London, 8. Juli. Im Oberhaus 'brachte Lord Mdleton eine Resolution ein, daß d? .Regierung Schritte tun müsse, um die nichtmilitärischen Staatsau - gaben zu verringern. Er sagte dabei, daß die letzten Tage eine beträchtlich veränderte Haltung der Regierung betreffs des Krieges zeigte i. Reden, wie die Eurzons, ließen erkennen, daß die Regierung en - schlossen sei, das Volk nicht länger im Zweifel zu lassen, daß die Mas? abgenommen und der Ernst der Lage völlig dargelegt werden soll?. Die Kriegsschuld würde März 1916, wenn der Krieg dann beend t wäre, 1293 Millionen Pfund betragen, die Zinsen würden 58194 00 », die Kriegspensionen etwa 19 Millionen Pfund Sterling ausmach t. Demgegenüber ständen, vorausgesetzt, daß die Verbündeten und i'.e Dominions alle aus den Anleihen entstandenen Verpflichtungen t;= füllten, nur 62 750 000 Pfund zur Verfügung, so daß -ein jährlich? Defizit von 14 250 000 Pfund vorhanden sein würde. Dabei fehlt n Maßnahmen zur Abtragung der neuen Schuld. Midleton kritisierte die einzelnen Ressorts und griff die Finai Politik der liberalen Regierung, namentlich die Ausgaben für Sozi Ipolitik und Schulpolitik, an und sagte: Wir scheinen ebensowenig ftnr izielle wie militärische Vorbereitungen für den Krieg getroffen zu habui. Lord Lansdowne stimmte im allgemeinen den Ausführungen Mid tons zu. Lord Staldwyn tadelte, daß der Schatzkanzler nicht sost.i bei Kriegsbeginn die Besteuerung erhöht habe. Lord Haldane stimmte der Ansicht zu, daß die Ministerien sehr verschwenderisch wirtschaftet! i, aber die Debatte mache den Eindruck, als ob es nach dem Krieg genüg n würde, neue Steuern zu erheben und im übrigen sortzufahren wie tu -- her. England werde indessen nach dem Krieg ein ganz anderes, w-il viel ärmeres Land sein. Es werde die Vorteile des Prestiges, der V- - gangenheit und der Tradition verloren haben, die England eine emgi r artige Stellung im Handel und in der Industrie gegeben hätten u D die es bis jetzt genossen hätte, weil es sie in Besitz hatte, ohne d B Rivalen hineinkommen konnten. Jetzt aber würden die Rivalen i s Feld einbrechen. England werde nicht so viel Ueberfluß an Kapi' >t haben als andere Länder. Die Kaufleute und Industriellen wärt u auf ihre eigenen Hilfsquellen, aus ihr eigenes Geschick, ihre Findigt 1 und ihren Unternehmungsgeist angewiesen sein. Es sei daher m > wendig, sich jetzt darauf vorzubereiten. Eine bessere Erziehung i nötig. Die Kaufleute und Industriellen müßten eine bessere Bort düng erhalten, wenn sie sich gegen die neue Konkurrenz .behaupt n sollten. Sparsamkeit müsse aufs entschiedenste geübt werden, aber n Schulwesen ebensowenig wie bei den Armeen an der Front. Amsterdam, 8. Juli. Die „Daily Mail" schreibt: Glauben wir wirklich, daß wir mit ho i> organisierten Völkern, wie die Deutschen und ihre Verbündeten?s sind, fertig werden, weil wir es mit Ach und Krach bei dem ha. - bewaffneten agrikulturellen Burenvolk fertig bekamen? Sir I " Hamilton, der hervorragende 'Schriftsteller, erzählt uns ein wenig üt. i einen kleinen Teil des Dardanellenkrieges und läßt eine Menge ou gesagt. Die Welt kennt unser Fiasko. Deutsche Unterseeboote tan n durch das Mittelmeer, schnitten unsere Armee von der 'Seebasis ab u $ versenkten zwei englische Kriegsschiffe in zwei Tagen. .Hamilton ha? keine Ahnung, daß dies Möglich sei, hatte auch keine Ahnung, daß - - Türken mit der Teuselsersindung, wie er sie nennt, nämlich not Maschinengewehren, ausgerüstet sein könnten. Monatelang ist uns t? Wahrheit verschwiegen worden. Aber die Deutschen und die Ne'.- tralen haben sie gewußt. Läßt sich England das länger gefallen,