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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-07-16 · Heft 29 (16.7.1915) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 29 (16.7.1915)
Date
1915-07-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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19. Jahrgang Nr. 29 Berlin, 16. Juli 1915 Allgemeine Ein unparteiisches Mrgan für alles jüdische Interesse Zeitung des Judentums. vegrun-et von Rabbiner Vr. Ludwig Philippfon I ** Suf,nbu„3en f4t Unter Leitung des Expedition sind an die Adresse: Verlag der Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Nuüolk Masse, verlin, Jerusalemer Strasse 4S-4S I ****** oon a”>et( a<tlin~ Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnement s«P re'ls; durch den Buchhandel oder die Post (in Berit« unv Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 IN. — Postscheckkonto 32^. >Trtflt^ 6um 9. Ab. Von Dr. V. Selitzkowitz, Köthen. — Die fUJjl4l4+ Woche. — Emil Rathenau. Von L. G. — Heinestudien. im Ludwig Geiger. — Eindrücke aus Galizien. Von Dr. Jacob änger, Feldrabbiner der XI. Armee. — Tie „Wohltaten" des Hauses omanow. Von Leo Scheinhaus. — Feuilleton: Der lange Rock, oman von Anna Goldschmidt. — Heldentod der Mädchen von chidlowec. Von Marie Luise Becker. — Berichtigung. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judennrs"). Berlin, Danzig, Breslau, Hamburg, Friedrichstadt, Essen, Nürnberg, ürth, Franksurt a. At., Gens, Paris. — Von Nah und Fern. Lum g. pb. Von Dr. B. Seligkowitz, Köthen. 8 ist charakteristisch, daß, je dunkler der Himmel ist, der Vsich über dem Buch des so schwer geprüften Propheten eremia ausbreitet, desto freundlicher und heller an ihm der egcnbogen des Friedens und des Trostes erscheint, den wir n Ausgang der großen Trauerreden erblicken. Der größte rvphet der Klage ist zugleich der Prophet des Trostes und er Verheißung; sein tiefer Schmerz ist durch die Stärke seiner esinnung verklärt in dem erhabenen Bild von der Zukunft iraels, von seinem unzerstörbaren Beruf in der Weltschichte. Und welch ein Brief ist es, den Jeremia auf den ninen Jerusalems an die Gefangenen von Babel schreibt, dem er sie in Milde und Sanftmut ermahnt, das Beste der >adt, wohin sie Gott geführt, zu suchen, ja, für sie zu beten, enn in ihrem Frieden wird euer Friede sein!" Von dem Propheten Jeremia an bis zu Deutschlands Erdung, wo der jüdische Jüngling zu den übrigen deutschen aterlandskämpfern sich gesellte und sein Blut auf den chlachtseldern vergoß, von jener uralten Zeit bis zu den heulen schweren Tagen des blutigen Völkerringens gilt für den uden als heilige Satzung: Bestrebe dich, ein guter Bürger! fein in dem Land, das du bewohnst, ein treuer Angehörir des Staats, unter dessen Schutz du stehst. Daß diese Lehre otz der vielfältigen Mißhandlungen und schrecklichen Verlgungen bei den Juden in Fleisch und Blut überging, scheint lerdings unbegreiflich und eben darum wohl auch sehr elen unglaublich; aber deshalb nur, weil ihnen das richtige erständnis der jüdischen Religionslehre fehlt. Jene Grund- :tze werden fälschlich für Zugeständnisse gehalten, aus Klugoit oder aus Furcht freiwillig aufgestellt, während sie doch it logischer Notwendigkeit aus dem jüdischen Gottesglauben ießen und aufs innigste mit seiner durch die Religion eingeoßten Lebensanschauung verschmolzen sind. Wie bitter auch die Erinnerung an den 9. Ab für uns ist, o tut uns dennoch wohl; denn sie erzählt uns nicht nur vom ud, sondern auch von der Kraft des jüdischen Stammes, nicht n>r von seiner Not, sondern auch von seinem Mut; sie erzählt on seiner begeisterten Hingebung an die hohen Güter der Kenntnis, des Rechts und der Tugend. Man begegnet vielfach der falschen Auffassung, die die Zerstörung Jerusalems und den Untergang des jüdischen Reiches als den Grenzstein, den die Weltgeschichte dem Schalten und Walten des jüdischen Geistes gesetzt, und die Einäscherung des Tempels als das Ende der jüdischen Geschichte betrachtet. Freilich, wenn nur jene Völker eine Geschichte haben können, die innerhalb bestimmter Landesgrenzen einheitlich Zusammenleben, die, mit staatlicher Machtvollkommenheit ausgerüstet, einer nationalen Idee leben, dann müssen wir Juden es uns eingestehen, daß wir seit fast zweitausend Jahren eine Geschichte nicht mehr haben. Wenn aber die mit Heldenmut und Todesverachtung geführten Kämpfe und die mit den Waffen des Geistes errungenen Siege eines Volkes welthistorische Taten genannt werden müssen, dann wird jeder zugeben, daß unsere Geschichte seit der Zerstörung Jerusalems wohl eine eigenartige, aber eine um so reichhaltigere geworden ist. Was heißt eigentlich Geschichte? Heißt Geschichte das un- 'ablässige Ringen mit bewaffneter Hand, das Kämpfen und Verwunden mit roher Faust? Heißt Geschichte das Getriebenwerden von Genuß und Gewinnsucht? Oder heißt Geschichte: in Liebe mit den Menschen vereint zu wirken und beizutragen zur Veredlung und Vervollkommnung der Menschheit? Heißt etwa Leben der Völker, heißt Geschichte, das Blut von Millionen auf den Schlachtfeldern um kleinlicher, niedriger Zwecke der Machthaber willen zu verspritzen, oder, wie Hobbes sagt, ein Krieg aller gegen alle? Oder heißt Leben der Völker bas Heranringen der Völker aneinander, das gemeinsame Streben zu dem einen hohen Ziel der ganzen Menschheit, zur Einheit und Freiheit? Und in diesem Sinn ist das Judentum das einzig geschichtliche zu nennen. Es hat seine Bahn noch nicht vollendet, Nur wenn das Herz des Menschen vom tödlichen Pfeil getroffen wird, wenn es aufhört zu schlagen, wird der Mensch aus der Reihe der Lebenden gestrichen; nur wenn der Herzpunkt.eines Volkes angegriffen und vernichtet wird, hört es auf, ein Volk zu sein. Der Herzpunkt des jüdischen Stammes ist seine religiöse Idee, und solange diese in ihrer Reinheit besteht, so.lange lebt in Wahrheit das Judentum; so lange hat es noch weiter seine Aufgabe zu erfüllen, der Träger und Verbreiter zu sein des Gedankens der Einheit Gottes und der Verbrüderung der Menschheit. Darum sind alle jene Klagen über Dekadenz des Judentums, wie man sie in der letzten Zeit zu vernehmen pflegt, so sehr sie auch, von einem einseitigen Gesichtspunkte betrachtet, berechtigt zu sein scheinen, von der hohen Warte aus gesehen, durchaus nicht stichhaltig, und die Schwarzseher, die schon die Auflösung des Judentums vor Augen haben, sie brauchten sich nur eine andere Brille aufzusetzen, um die wahre Zukunft Israels zu erblicken. Das Judentum hatte von jeher zwei einander widersprechend erscheinende, in Wahrheit aber bei genauerer Beobachtung leicht ihre Erklärung findende Eigen-

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