Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1915)
- Date
- 1915-07-09
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus allen Berichten geht deutlich hervor, daß die russischen „Kulturträger" es ganz besonders auf die Jude n abgesehen hatten und nach striktem Befehl und Planmäßig bei ihren Raub- und Plünderungszngett vorgingen. So schreibt ein Herr, der zehn Monate unter der Russenherrschast gelebt hat, der „Reuen Freien Presse" vom 1. d. M.: Am 5. März kamen die Russen zum zweitenmal nach Tlumacz. Sie brachten in Erfahrung, daß die Bevölkerung, und insbesondere die Inden, unsere (das heißt die deutschen und österreichisch-ungarischen) Truppen mit großer Begeisterung empfangen hätten, und beschlossen, dafür Rache zu nehmen. Der Kommandant der Stadt Tlumacz, Trunor, und sein Helfershelfer Kintfchenko waren die Anführer. Am nächsten Tage der Invasion erließen sie einen Befehl, daß alle Bewohner der Stadt und Umgebung von Tlumacz an den Befestigungsarbeiten der Stadt teilnehmen müssen. Bei der Arbeit wurde die Bevölkerung nach der Konfession in ztvei Teile gekeilt: Rutheneu und Polen arbeiteten von deit Juden repariert. Diese wurden von den Kosaken ausgiebig mit den Ragaiken bearbeitet, so daß sie nach 24stündiger Arbeit mit blauroten 'Striemen am ganzen Körper nach Hause zurückkehrten. An Samstagen erschienen Kosaken in den Synagogen zur Zeit der Morgengebete und jagten die betenden Juden mit Ragaikahieben zur Arbeit . . . Die atlsgeraubten und obdachlosen Juden des Ringplatzes zogen in die Bethäuser ein und glaubten, in den Gotteshäusern ein Asyl finden w köttnen, aber die Verfolger drangen auch hierher, verjagten die Unglücklichen aus den Synagogen und zerrissen in ihrer Wut die Dhorarollen. Am 23. März ließ der Kommandant Trunor den Rabbiner Z i f f zu sich kommen und befahl ihm, daß am nächsten Tage alle Juden der Stadt mit ihren Frauen und Kindern um 8 Uhr früh vor dem Gemeindeamte sich versammeln müssen, uni daun über die Feuerlinie zu den Oesterreichern abgefchoben zu toerden. Ein jeder Pude, sei es Mann, Frau oder Kind, der diesem Befehle nicht Folge leisten würde, würde erschossen toerden. Ter Rabbiner Zisf bat den Kommandanten mit Tränen in den Augen um Sistierung dieses Befehls, aber die Tränen eines Juden konnten den Herrn Trunor nicht rühren tmd Rabbiner Ziff mußte die traurige Kunde seinen Glaubensgenossen überbringen. Die herzzerreißenden Szenen des Abschiedes der Männer von 'den Frauen und Kindern sind nicht zu beschreiben. Am folgenden Tage zogen die Juden mit ihren Frauen und Kindern aus den Platz vor das Gemeindegebftude, etwa 70b an der Zahl. Die Luden hatten Totenhemden (Sterbekleider) angelegt . . . Rach dreistündigem Warten in Todesangst erschien der Kommandant unb entließ die Versammelten mit der Bemerkung, daß von der Ausführung des oben genannten Befehls abgesehen wird . . . Viele Juden wurden tvegen Spionageverdachts erschossen, alle vollständig ausgeraubt. Am 7. April wurden alle männlichen Juden — - vom 8. Lebensjahre angefangen — ausgewiesen und nach Zloezow gebracht. Was mit ihnen weiter gesah, ist unbekannt. Am 12. Juni rückten unsere Truppen in Tlumacz ein. Den Jubel der Juden vermag niemand ztt schildern. O. W. Budapest, 2. Juli. Unter großer Beteiligung fand das Leichenbegängnis des in Baraton - Füred plötzlich verstorbenen Begründers und Chefredakteurs des ungarisch-jüdischen Blattes „Egyenlöseg" Max Szabolcsy statt. Es war eine imposante Kundgebung der aufrichtigen Trauer der gesamten fortschrittlichen Judenschaft Ungarns über den Verlust ihres Führers mtd Beraters, dem die ungarische Jndenschaft so viel Dank schuldet. Zahlreiche große und kleinere' Gemeinden hatten ihre Vorsteher und Rabbiner entsendet, sämtliche jüdischen Organisationen, Anstalten, Wohlsahrts- und kulturelle Einrichtungen, von denen die meisten einer Anregung Szabolcsys ihre Existenz und seiner Propaganda ihre Entwicklung verdanken, waren vertreten. Ter Vorstattd der Bttdapester Kultusgentieinde gab ihm vollzählig das letzte Geleite. Als der Sarg in Baraton-Füred zur Bahn gebracht wurde, hielt der orthodoxe Rabbiner der Gemeinde Esra G o l d st e i n eine sehr eindrucksvolle Rede, in welcher er, bei aller Aufrechterhaltung der Nteinungsverschiedenheiten, welche zwischen den Orthodoxen und dem Verstorbenen bestanden haben, dessen große Verdienste um das Judentum anerkannte. In Budapest wurde der Sarg von dem Ofner Oberrabbiner Dr. Arnold Kisch nach einer poetisch gehaltenen Rede in Empfang genommen. Die eigentliche Tranerseier fand anläßlich der Bestattung der Leiche auf dem Retten Friedhose statt, wo die Chewra-Kaddischa, als Eigentümerin des Friedhofes, dem Verstorbenen aus dem für berühmte Juden reservierten Ehrenplätze eilt Ehrengrab widmete. Hier hielt zunächst Dr. Elias Adler, Rabbiner in Budapest, ein intimer Freund der Familie, die Trauerrede, welche eilten mächtigett Eindruck hervorrief. Rach ihttt sprachen Rabbiner Dr. Simon Hevesi, ferner der Präsident der israelitischen Landeskanzlei Moritz Bl e z e i, der Präsident der Pester Chewra-Kaddischa Hofrat Julius Winter b erg, der Präsident des Landesrabbinerverbandes Oberrabbiner Dr. Eduard R e u nt a it n , Groß-Kanisza, namens des Verbandes der Budapester Journalisten Ernst Mezei, ferner Dr. Alexander Lederer und Dr. Joses Feldmann. Sämtliche Gemeindehäuser, Synagogen und öffentlichen jüdischen Gebäude in Budapest, wie auch in zahlreichen Provinzstädten hißten die Trauerfahne. Ebenso wurde beschlossen, zum Andenken alt deit Verstorbenen in den Synagogen Trauergottesdienst abzuhalteu. Der imgarisch-israelitische Landesfonds beschloß, zum Andenken an Max Szabolcsy eine Stiftung von 5000 Kronen zu errichten, deren Zinsen jährlich an einen vorzüglichen Schüler des Bttdapester Rabbinerseminars gegeben werden sollen, ferner aus seiner Mitte ein Komitee zu wählen, dessen Aufgabe es sein toird, itn ganzen Lande eine Sammlung einzuleiten, um ttamens der gesamten fortschrittlichen Judenschaft Ungarns dem Verstorbenen ein würdiges monumentales Grabdenkmal zu errichten. Der Redaktion des „Eghenlöseg" sowie der trauernden Familie sind Tausende vonBeileidsdepeschen und Zuschriften zugegangeit. Schließlich sei ttoch erwähnt, daß nach einer Beratung der Redaktionsmitglieder die Leitung des Blattes auf den Sohn des Verstorbenen, Dr. Ludwig Szabolcsy, der seinen Vater während der Krankheit vertreten hatte unb auch sonst eifrig an dem Blatte mitarbeitete, übergegaugen ist. Griechknland. K. Z. Saloniki, im Juni. Innerhalb einer kurzen Frist langten hier verschiedene Gruppen von Inden ans dem Heiligen Lande an, was dem türkenfeindlichen Teile der Presse Anlaß zu recht heftigen Ausfällen gegen die türkische „Gewaltherrschaft" gab. Selbstredend hat man dabei die eigentlichen Gründe, die diese Ausweisungen veranlagten, ganz außer acht gelassen, weil ja sonst keine Veranlassung für diese Ausfälle vorhanden gewesen wäre. Um ganz sicher zu gehen und von den Ausgewiesenen selbst Genaues über das Vorgehen der türkischen Behörden zu vernehmen, wurde hier folgendes sestgestellt. Zunächst hatten die türkischen Behörden die betreffenden Israeliten, welche nicht osmanische Staatsangehörige waren, sondern französische, russische oder ettglische Pässe besaßen, nicht so behandelt, wie es mit den christlichen Staatsangehörigen der Dreiverbandsmächte der Fall war. Das heißt, die Türken gingen nicht gleich mit dem Ausweisungsbefehl gegen diese Israeliten vor, als der Krieg ausgebrochen war, sondern sie boten ihnen gewisse Erleichterungen dar, indem sie sie einluden, osmanische Staatsangehörige zu werden, ohne von ihtten zu fordern, daß sie bereits fünf Jahre in Palästina ansässig sein müßten, um sich naturalisieren zu können. Dieses Anerbieten wurde von einer großen Anzahl fremder Israeliten angenommen. Es ist doch nur folgerichtig, trenn die türkische Regierung gegen die übrigen den Ausweisbesehl aufrechterhielt. Diese entschlossen sich attch bald zur Abreise und wähltet: eben zunächst den Weg nach Saloniki. Sie erklärten hier, in keiner Weise von den türkischen Behörden belästigt worden zu sein, und bezeichnen alle gegenteiligen Behauptungen als Erfindung. Jene Fälle, wv die türkischen Behörden sozusagen gewaltsam eingegrissen hätten, beschränkten sich auf solche Personen, die angaben, die Reise nach dem Ausland nicht antreten zu können, weil ihnen die Mittel dazu fehlten. Die türkischen Behörden sorgten also dafür, daß auch diese Leute eingeschifst wurden, und bezahlten die Kosten der Fahrt; dabei ist es in keiner Weise ztt Gewalttätigkeiten gekommen. Der Einschiffung wohnten der Kaimakam von Jaffa, der deutsche und der spanische Konsul bei; sie haben sich überzeugt, daß ein Grund zu irgendwelchen Klagen nicht vorlag. Die Israeliten also, die nicht osmanische Staatsbürger werden wollten, haben ihre Wohnsitze freiwillig verlassen. m