Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1915)
- Date
- 1915-07-09
- Page
- Seite 336 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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336 Den.1913. Heute nachmittag sind wir zu Frau Betty Friedberg eingeladen. Mutter fragt, ob ich kein schwarzseidenes Kleid habe. Hier trägt eine Braut gewöhnlich bei einem Kaffee schon ihr Standesamtkleid. Das muß also immer ein schwarzseidenes sein! Jetzt müßte Erna hier sein. Also noch nicht mal in dem Punkt mache ich den Ederslebern Freude. Abends. Bei Friedbergs war es so, wie ich es mir gedacht habe. Die Damen sprachen von Gänseeinkauf, Dienstmädchen und Kindern, sprangen aber dann mir zu Ehren schnell zu den Theateraufführungen, der letzten Saison über und waren sämtlich in Berlin gewesen, „iveil man hier ja nichts an wirklicher Kunst hat." Auch hatten sie alle „Die Memoiren einer Sozialistin" gelesen und hatten „nicht davon gekonnt, so hatte es sie gefesselt", und soundso viele von ihnen hatten Berlvandte in meinem Heimat- oder einem Nachbarort, die sämtlich unserer allerhöchsten Hautevolee angehören. Den.1913. Es wäre doch ein großes Unrecht von mir, wenn ich das, was mir an meines Bräutigams Familie nicht gefällt, etwa auf ihn übertrüge. Vielmehr muß man staunen, bewundernd staunen, was die Jahre, die er vom Hause fort war, und die Welt aus ihm gemacht haben. Wenn er seiner Schwester auch merkwürdig ähnlich sieht, was hat dieser hübsche, elegante, feingebildete Mann, der unendlich viel mehr kann und weiß als ich, mit Selmas enger Hausbürgerlichkeit zu tun!? Den.1913. Ich habe ein heißes Verlangen, Adolph Kaufmann einmal mit Jvsua Djaloszinski znsammenzubringen. Ich denke, das müßte Josua wunderbar gut tun: die beiden Männer müßten sich gleich als Freunde erkennen und eine reine Freude aneinander haben. So verschieden sie sind, sie haben die tiefe ivarmherzige Begeisterung für ihr Judentum, die innere Wahrhaftigkeit und den religiösen Ernst, der allein schon Religion ist, gemeinsam. Den.1913. Wie kommt es, daß mir Moritz noch nie von seinem Schwager erzählt hat? Er kennt ihn doch seit 14 Jahren, seit er sein Schwager ist? Und kennt ihn doch nicht! Er war immer ein bißchen kleinlaut, wenn von dem Mann seiner Schwester die Rede war. Na ja, meinem Moritz drücken sich immer die Ansichten seiner Umgebung auf! sv sah er mit seiner Mutter Augen, daß seine Schwester den - jüdischen Lehrer geheiratet hat, während Betty Aronsvhn Louis Friedberg bekam, den reichsten Viehhändler in Edersleben. Ten.1913. Beinahe ist es mir, als wüßte ich jetzt, was mir gefehlt hat. Mit heißem inbrünstigen Jubel ward ich es inne, um mich dann in meinem Zimmer auf mein Bett zu werfen und zu weinen, zu weinen, als könne ich nie wieder aufhören. Was ist mir geschehen? Nichts weiter, als daß mir mein Bräutigam nach einem acht Seiten langen Brief, den ich heute morgen bekain, noch eine Karte aus dem „Jugendbund" geschrieben hat, aus der unter vielen anderen Namen „Herzlichen Gruß Freund Josua" stand. Er hat mich schon öfter durch Moritz grüßen lassen, aber das ist das erstemal, daß er selbst geschrieben, daß ich überhaupt seine Handschrift gesehen habe. Meine Schwiegermutter war so freundlich und zärtlich zu mir wie noch nie, schaute mir immer wieder mit gerührtem Lächeln in mein verweintes Gesicht und erzählte mir eine lange Geschichte aus der Zeit, wo Moritzchen klein gewesen und ihr Mann auch einmal längere Zeit verreist gewesen sei und sie tagtäglich geweint habe, bis der Doktor gesagt habe „Frauchen, das dürfen Sie nicht, das schadet dem Kinde." Während ihrer Erzählung habe ich einen Entschluß gefaßt. Ich fahre übermorgen nach Hause. (Fortsetzung folgt.) Litrrsrilchr Mitteilungen. — L e h r b u ch der jüdischen Geschichte u n i> Litera t u r. Ursprünglich bearbeitet von E. Hecht und Dr. Nt. Kahserling Nach der in Verbindung mit Professor Dr. Biach, Rabbiner in Brüx hergestellten achten Auflage neu bearbeitete neunte Auflage vor Dr. Doctor, Landrabbiner in Kassel. Leipzig, Gustav Engel. 1914. Im Gegensatz 31t dem an dieser Stelle später 31t besprechenden, abge wiesenen Bliche von Kottek kann dieses Werk empfohlen werden. Ur sprünglich von Hecht und Kayserling bearbeitet, ist es von Biach vor ändert, von Doctor in diese neue Gestalt gebracht worden. Auch haben Vorschläge von Jakob und Hermes dem Verfasser genutzt. Es ist eil verständig eingekeiltes und angemessen geschriebelles Buch, in dem Ge schichte und Literatur gleichmäßig berücksichtigt werden. Das Urtei ist vorsichtig, durchaus ohne Fanatismus; vergleiche z. B. den Abschnit über Spinoza (S. 162 ff.) oder über Luther (S. 164). Man muß abel auch hier tadeln, daß Deutschland während des 16. Jahrhunderts ncw Holland inr 17. Jahrhundert behandelt wird. Kleine Jrrtümer in einzelnen finden sich mannigfach. So wird bei Reuchlin fälschlich ge sagt, daß sein Prozeß zu seinen Gunsten in Rom entschieden wurde während in der Tat nach der günstigen Speyrer Sentenz 1516 sein Verurteilung zu Rom 1522 erfolgte. Mendelssohn heiratet nicht 1762 wie es S. 172 heißt, sondern 1763. Von Mendelssohn zu sagen (S. 174). er wurde „der Schöpfer des deutschen wissenschaftlichen Stils", ist znu mindesten übertrieben. Der Standpunkt der Verfasser ist ein rech gemäßigter, nicht gerade ganz orthodox, aber auch nicht liberal. Die Bemerkung über die sogenannten Sammler, daß sie „bei wahren Wert der Aufklärung verkannten" (S. 178), erscheint inr unhistorisch. Ter kleine Abschnitt über meinen Vater (S. 197) ist uich eben warm, aber auch nicht ungerecht, nur hätte seine wissen schastliche Bedeutung tiefer ersaßt, seine Hauptwerke, wenn nich analysiert, so doch zunr mindesten ausgeführt werden müssen. — Au die Darstellung, die nur etwa 200 Seiten des stattlichen Bandes füll! folgen Literaturproben (82 Seiten), die mit den Apokryphen bc ginnen und mit Hermann Cohen schließen. Auch hier hätte wohl so gu wie Graetz, Güdemann u. a. auch mein Vater berücksichtigt Werder können. Aber das Buch macht im gauzen einen nicht üblen Eindrm und kann wohl empfohlen werden. L. G. * — Der To lern u z g e d a n k e in der deutschen L i t e r a t 11 r z u r Z e i t Ni e ndelss 0 h n s. Bon Dr. Alfred Wolfs Berlin, Mayer u. Müller, 1915. Die vorliegende Schrift wurde bei dem ersten Preisausschreibei der Nkeudelssohn-Loleranzstiftnug mit dem ersten Preise gekrönt. T ich selbst zu den Preisrichtern gehörte und gerade auf diese Arbeit, di meinem besonderen Dezernat zugefallen war, ausdrücklich hinwies so bin ich in gewisser Weise befangen. Doch glaube ich berechtigt zsein, nachdem ich nun die gedruckte Arbeit nochmals durchgesehen Hab mein Lob, das sich durch die Lektüre nur bestärkte, auch öffentlich am zusprechen. Nach einer lichtvollen Darlegung der Entwicklung de Toleranzgedankens in anderen Ländern und in Deutschland bis <v Mendelssohn bespricht der Verfasser die deutsche Literatur zur Zei Mendelssohns: die moralischen Wochenschriften, Lessings Lustspiel „Di Juden" und sein Schallspiel „Nathan der Weise", Nikolai, Basedou Eberhard, Claudius, Mendelssohn selbst, Lavater, Schlözer, Gleim, un schließt ulit Josephs II. politischen Edikten. Das ganze Buch zeug von gründlichem Studium, gibt Zeugnis von einer ruhigen, sehr ge schickten Darstellung, hält sich völlig frei von Phrase, bekundet ein« große Gewandtheit in Darstellung und im Aufbau mit weiser Be schränkung auf das Notwendige. Die Schrift war durchaus des Preises würdig. In dem bibliographischen Anhang, der den Schluß des Ganzen ausmacht, hätten die Werke mit Ort und Zeit von ihren Erscheinen angeführt werden sollen. 1«. 0.