Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1915)
- Date
- 1915-07-09
- Page
- Seite 335 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Als Tochter ist sie großartig. Ob freilich der Mann dabei nicht zu kurz kommt? Aber lassen wir Selma und die Schwiegermutter — ich habe sie so gern mal einen Tag gelassen —, da draußen im Tannenwald war es reizend. Die hübsche winterliche Natur, die frischen Kinder und mein Schwager zwischen ihnen. Wie reizend er zu ihnen war und wie sie an ihm hingen! Auf mich übertrug sich auch gleich ein wenig von ihrem zutraulichen Respekt. Mir fiel ein, was Josua einmal zu mir sagte, lls ich ihm von unserem Religionsunterricht erzählte: „Sie rrmes Wesen!" Beinahe habe ich mich heute auch bedauert. Wir hatten wieder — das ist nun einmal so bei uns — in jüdisches Thema vor, aber wir hatten es mit den Kindern, und da mußte es natürlich festlich sein. Die kleine Gesellschaft hat ein kleines Chanukafestspiel ausgeführt — sehr improviiert, ohne technisches und szenisches Beiwerk — Adolph hat 's ihnen extra für den Tag verfaßt —, aber die Begeisterung md der Jubel war groß und echt. Ich hätte all die kleinen Tarsteller abküssen mögen, weil sie so ehrlich bei der Sache md ihrem Regisseur und Autor so andächtig-gehorsam waren. Ich will gar nichts wieder sagen auf deine Edersleber, ieber Schwager. Nun, nachdem ich den gescheiteren, urteilsahigeren Teil von ihnen, die Kinder, kennengelernt habe, age ich nicht mehr: „Du bist zu gut für sie." Hut ab vor der leinen Gesellschaft, und noch tiefer vor ihrem Lehrer, der sich tzren gläubigen Respekt so gewinnen konnte, da ihn die Eltern einer Zöglinge doch ganz gewiß nicht unterstützten. Jetzt beweise ich schon eher, daß Adolph sich nicht wegsehnt aus dem beschränkten Kreis, mit dem nicht viel anzufangen ist. Nun hat t ihn ja doch, indem er die Eltern in ihrem besten Teil, in tzren Kindern, meistert. Den.1913. m 11 r t mit imititn Zweifel ohiu wäre a auc wievie: leshau . m* l ihnen empels »itz uni ldlicher Ich glaube, ich halte es hier nicht mehr aus. Trotz Adolphs, wtz meiner Schwiegermutter sorgsamer Pflege, trotz all meiner guten Vorsätze. Vielleicht könnte ich den Kakao früh eher rinken, wenn Mutter nichtbei jeder Tasse sagte: „Trink ja, Lvchterchen, daß du gut aussiehst, wenn Moritz kommt." Ja, "cutter, ja, ich weiß ja, daß bit mich nur pflegst, damit dein Tohn eine gesunde Frau bekommt. Auch Moritz' gute Briefe würden mir mehr Freude machen, "enn nicht Mutter in einem Ton und mit einem Kopfschütteln, lls wolle sie sagen: „Begreifst du, würdigst du denn nur so - iel Güte?" jedesmal sagen würde: „Von Moritz! schon wiederum Moritz!" Nun ja, Mutter, Moritz schreibt mir jeden Tag, vielleicht allch noch einmal eine Karte, wenn er von irgend woher mir uoch einmal gern einen Gruß senden will. Das ist doch nicht anders, wenn man verlobt ist. Kannst du denn gar. nicht aufhören, dich zu wundern und deinen Sohn zu bewundern?! Und dann schaust du mir ins Gesicht, prüfend, lauernd, ob ich auch verklärt genug aussehe, und wenn ich so etwas merke — ich kann nicht anders, so schlecht es sein mag —, dann mache ich ein bitterböses Gesicht, und du sitzt an einem Fenster und ich am anderen, und wir haben uns nichts getan, und zwischen uns sind tausend böse Geister. Als du mich einmal dabei betrafst, daß ich einen Brief von Margotle zweimal las und mir dabei eine Träne abwischte — das Kind schreibt so rührend, voller Sehnsucht nach mir hast du den ganzen Tag nicht mit mir gesprochen. So eifersüchtig bist du, Mutter, wenn es sich um deinen Sohn handelt. Vielleicht wäre es doch richtig, ich spräche mich einmal mit Adolph aus. Vielleicht bekäme ich etwas von seiner verzeihenden Milde, von seiner leisüberlegenen Duldsamkeit. Aber nein, wohl doch nur, solange ich um ihn wäre; sobald mir die Schwiegermutter dann wieder in dieser geradezu zudringlichen Weife Moritzels Kinderstreiche erzählte und immer wieder so herausfordernd dabei lachte — ja ja, ich weiß ja nun, er hat im blauen Tragmäntelchett entzückend ausgesehen (folgen die einzelnen Lobsprüche der entzückten Nachbarinnen bis zur Frau Landrat hinauf, die immer ans Fenster gepocht hat, wenn der Kinderwagen vorbeifuhr). Und wenn er die Suppe nicht hat essen wollen, hat er mit den Hündchen hineingepatscht und klug gesagt: „Nu Suppe bäbä!" — großer Himmel, ich wachse mich aus bei all diesen Drolligkeiten und j Gescheitheiten, die nun seit über einem Vierteljahrhundert > den Vorzug der Antiquität haben. Wenn dann noch Selma kommt und Mutter ihr all die Witze mit der Einleitung: „Eben erzähle ich Edithchen" wiederholt — Selma hat sie schon zum Ueberfluß doch alle selber miterlebt, sie war damals schon acht! Jahre — und sie lachen dann gemeinsam wieder Tränen —, | lieber Himmel, an was halte ich mich denn? Zu welcher Gott- ' heit bete ich denn, daß sie mich von all dieser inneren Bosheit! befreit, die mich fast aus den Grenzen der äußersten Höflichkeit! preßt. Ich habe immer das Gefühl, ich muß grob werden vor! innerer Ungeduld. Den.1913. | Ich habe mich mit Schwager Adolph ausgesprochen.! Kein Wort nur des leisesten Spottes oder Tadels gegen die! Mutter seiner Frau, obgleich er unter ihren Schwächen doch j sicher schon mehr und länger gelitten hat als ich.! Er schalt mich, wenn ich dieses sanfte Ermahnen schelten nennen darf. Er sprach von meiner Jugend — die Jugend sei immer unduldsam — und sagte mir, daß unsere Schwiegermutter trotz der kleinen Eigenheiten, die ihr Bild aber absolut nicht trüben könnten, eine Frau sei, die die größte Hochachtung und Verehrung verdiene. Na ja, er ist ja auch Geistlicher neben seinem Lehramt.! Gut denn, so will ich von morgen an wieder hochachten und i verehren. Den.1913. Gott sei Dank, ein bißchen gebessert hat mich die Aussprache s mit Adolph doch. Ich mache jetzt ein ergebenes und kein bös-! artiges Gesicht mehr, wenn die Schwiegermama ihr einziges! Thema, das sie auch als mein einziges betrachtet, vor hat.! Aber freilich, während sie sich ulnlnterbochen bemüht, mir klar- - zumachen, ums für ein großes Los mir da unverdientermaßen! in den Schoß gefallen ist, wühlen in mir alle bösen Geister und j machen mich unruhig und schlecht. Großer Gott, gib mir Klarheit! Was soll ich tun? Was soll ich tun? Wo liegt meine Pflicht? Wo fängt mein Unrecht an? Vielleicht reizen mich die unausgesprochenen Vorwürfe, die mir die Mutter ihres Sohnes wegen macht, nur so sehr, weil sie klein sind gegen die, mit denen ich mich selber quäle.