Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1915)
- Date
- 1915-07-09
- Page
- Seite 334 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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(Epoche der gotischen Bauart entstauben —, und der die Decke tragenden Säule gegenüber, wo ein Pfeiler die Mauer stützen müßte, ist auf die Wand eine Säule gemalt, bescheiden, primitiv, als wollte sie sich entschuldigen: dies ist nur ein schlichter, armer Judentenlpel, für den ist es auch so gut genug! In der Mitte des Tempels ein kleines Podium für den Borbeter. Dieses Podium ist völlig von einem Eisengitter umgeben, auf allen Seiten und auch oben: dieses Gitter gleicht einem großen Käfig und bestellt aus schönem alten Schmiedeeisen. An der östlichen Wand, wie in jedem jüdischen Tempel, ein Schrank für die heiligen Schriften, die Thora. Dieser Schrank ist von einem Rermissanceportal um-- rahmt. Auch dieses ist natürlich abgenutzt und verwittert, doch es ist klar zu sehen, daß es ehemals, vor Jahrhunderten, eine meisterhafte Arbeit war. Bon der Decke hängen uralte, schöne Bronzelüster. Ihre Ornamentik ist prachtvoll. Und in dieser Ornamentik findet sich etwas, was in einem jüdischen Tempel ganz beispiellos ist: menschliche Figuren, Profile mittelalterlicher Ritter, au§ Bronze geschmiedet und mit den Armen des Lüsters zusammenkomponiert. Es sind die Bilder König Kasimirs und anderer Könige, erklärt unser Führer, der Tempeldiener. Menschliche Gestalten dürfte es in einein Tempel nicht geben. Dies aber haben wir, so wie es ist, vom. großen König bekommen und so ist es seit Jahrhunderten dageblieben: niemand nimmt Anstoß daran. Ich kann in der Eile die Ueberlieferungen nicht kontrollieren, die! die Legende des Polenkönigs Kasimir mit der von Esther und Mordechai vermengt: Der König hat eine spanische Jüdin geheiratet, und die Bedingung, die das Mädchen vor der Ehe stellte, war die, daß. ihre Glaubensgenossen eine Stadt und einen Tempel erhalten sollten: so wären sie zum Krakauer Ghetto gekommen, das man nach dem judenfreundlichen König Kasimir-Borstadt benannte. Der Tempel war - - nach dieser Ueberlieferung.die Bibliothek des Königs. Nach aller Wahrscheinlichkeit war er seine ganze Bauart spricht dafür — ursprünglich als christliche Kirche erbaut worden, etwa im 14. oder 15. Jahrhundert: irgendein Beherrscher Krakaus überließ sie dann den Juden, die sie verhältnismäßig - wenn inan ihre Armut in Betracht zieht - - ziemlich gut erhallen haben, obgleich es an barbarischen Restaurierungen nicht fehlt. An Stickereien, Gold und Silber besitzt der Tempel viele schöne, alte Schätze: diese sind jedoch fortgeschasft worden, als Krakau im Kriege eine exponierte Nolle zu spielen begann. Es ist Samstagnachmi'ttag, da Nur den Tempel besuchen. In ihren langen Kaftans beten die Gläubigen laut und inbrünstig, doch unter Besuch, unser Interesse, die Erklärungen des Dempeldieuers stören niemand. In Friedenszeiteu besichtigen viele Fremde diese seltene Insel, ein Denkmal jüdischen Mittelalters. Der Tempeldiener lädt uns noch in den eigenen Betraum der Frauen ein. Es ist ein ganz gesondertes, kahles Zimmer, das nur durch Fenster mit dem Tempel verbunden wird. „Gibt es hier etwas zu sehend" „Zu sehen gerade nicht", und der ausgezeichnete Führer zuckt mit den Schultern. Wir danken für die Führung und wollen ihm Geld geben. „Ich bedaure, es ist Samstag, ich kann kein Geld annehmen." Einen Augenblick lang stehen wir ratlos. „Tie Herrschaften können aber" - meint unser Führer - „das Geld vielleicht auf den Tasch legen . . ." Natürlich legten wir es hin; wir gehen und der Diener schließt die Tür des Frauenraumes sorgfältig mit einem mächtigen Schlüssel. Jetzt verstehen wir schon, warum wir Herkommen mußten, wo gar nichts zu sehen ist. Es gibt noch eine Reihe kleiner Betsäle in den Häusern des Krakauer Ghettos, dumpfige, schlechtriechende Zimmer mit abgeschlossenen, armseligen Möbeln: doch findet sich auch vieles, Alkes, Traditionelles in ihnen, ein schöner Armleuchter, heilige Bücher in abgegriffenen, schönen Ledereinbänden, etwas von der Lust, der Ursprünglichkeit der Vergangenheit' — das, was in erster Linie in der neuen Synagoge in Krakau fehlt, ebenso wie in allen im gleichen halben Jahrhundert nach gleichem, sogenannt orientalischem Muster erbauten, jüdischen Tempeln. Woher hat man dieses Muster genommen, das in Galizien ebenso nüchtern nachgeahmt wird wie m rein ungarischen Städten? Die wirklich alte Krakauer Snagoge ist kein orientalischer, sondern ein gotischer Bau, mit Ergänzungen im Stile der Frührenaissance. Auch anderswo, wo mittelalterliche Bethäuser erhalten geblieben sind, weisen diese keinerlei Gemeinschaft mit dem weitverbreiteten, eigentümlichen, meist nicht sehr herzersreuenden Synagogenstil aus. Diese Art des Tempelbaues ist also in erster Reihe nicht das, wofür sie angesehen und weshalb sie beibehalten wird: sie ist nicht traditionell, sondern im Gegen teil neu, man könnte sagen, modern, und ihre Mode geht nicht viel weiter zurück als beiläufig bis zu jener Zeit, seit der — in Oesterreich und Ungarn — die Juden volle politische Freiheiten genießen und nach Wunsch Tempel bauen können: also auf etwas mehr als aus ein halbes Jahrhundert. Ter orientalische Charakter der Mode aber ist nicht so zu verstehen, wie er gewöhnlich verstanden wird. Er bedeutet nämlich keine alten, jüdischen, spanischmaurischen Traditionen, wie es die jüdische Ueberzeugung allgemein annimmt, die sich an den derartigen Bau der Synagogen als an eine religiöse Ueberlieferung klammert. In der Tat äußert sich orientalischer Geschmack in diesen Bauten: wer aber au& Ursachen, die mit dem Krieg Zusammenhängen, Galizien und die Bukowina öfter bereist hat, der kann unter feine nebenbei gesammelten Erfahrungen anfzeichnen, daß er die Quelle dieses Stils in den Kirchen der christlich-orientalisichen Religionen gefunden hat. AManchmal ist die Aehnlichkeit zwischen dem Dom und der Synagoge geradezu verj bluffend: die gleichen Kuppeln, die gleiche zentrale Anordnung, die gleichen halbkreisförmigen Tür- und Fensterbogen, der gleiche romantisierende Giebelschmuck. In der orientalischen Kirche bedeutet dieser Stil Byzanz, das Urchristentum, die Aja Sofia. Ihre Formen sind auch in dieser Verwendung schon meist barbarisch, verkümmert. Und die galizischen Juden haben vielleicht unbewußt diesen pai* excellence kirchlichen Stil nachgeahmt, und von ihnen haben auch wir ihn übernommen, selbst an Orten, wo sich keine Spur von Orthodoxie oder galizischen Einflüssen findet und wo diese späte Variante der mittelalterlichen christlichen Bauart als spanisch-orientalische Ueberlieferung figuriert. . . . In Ezernowitz hat der rumänische griechisch-orientalische Erzbischof-Metropolit einen mächtigen und in vieler Hinsicht imponierenden Palastkomplex. Anfangs der fünfziger Jahre hat ihn ein Meister böhmischer Abstammung erbaut. Seine mit Stein vermengten Rotziegelwände weisen die Formen eines willkürlichen orientn lisch-romantisieren den Gemisches auf; sie zeigen Geschmack und Talent, aber nicht in dem Maße, in dem diese Gebäudegruppe der ganzen Bukowina, ganz Ostgalizien, selbst Rumänien imponiert, wo sie mit staunender Bewunderung als die Verkörperung von Geschmack, Glanz, Pracht und Kunst betrachtet wird. Eine halbe Stunde von Ezernowitz befindet sich Sadagora, eine kleine, durch Ihren Wunderrabbi bekannte Stadt, mit dem Tempel des Wunderrabbis. Die Russen haben davon faitm etwas anderes übriggelassen als das Gebäude selbst. Und dem kleinen, schlichten Tempel, der etwa seit einem halben Jahrhundert steht, sieht man es ganz genau an, daß vor den Augen seines Erbauers als fernes Ideal, als hohes Ziel der damals noch in ganz neuem Glanze leuchtende Palast und Dom des griechisch-orientalischen Kirchensürsten in Ezernowitz schwebte. Ten rohen Ziegel ersetzte er durch rote Farbe, den Stein durch Tünche. Die Proportionen sind kleinlich und gleichen dem Urbild nicht. Doch die Uebereinstimmnng von Ort und Zeit und Fermen und die Art, wie berühmte neue Paläste auf primitive Ballten ihre frische Wirkung übertrugen, lasseil keinen Zweisedaran ailfkommen, daß der Judentempel voll Sadagora oljiu den erzbischöflichen Palast von Ezernowitz nicht so geworden wäre wie er ist. Tausende lind Tausende pilgern alljährlich nach Sadagora cn\: ganz Galizien, Rumänien, Obernngarn; wer weiß, bei lvievic: jüdischen Tempeln als Keim zu einem Formenbilde das Gotteshau von Sadagora als traditionell jüdischer Bau gedient hat. Was würden die guten jüdischen Gläubigen sagen, wenn jemand von ihnen zu behaupten wagte, daß der Rundbogen am Tore ihres Tempels von der altchristlichen Aja Sofia über den Tom von Ezernowitz und weiß Gott durch wieviel Hände noch in die Mauer des ländlichen ungarischen Tempels gelangt sei?