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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-07-09 · Heft 28 (9.7.1915) · p. Seite 332

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 28 (9.7.1915)
Date
1915-07-09
Page
Seite 332 (sequence 8)
Language
German
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332 Jahre später, aur v. Dezember 1804, Unterzeichnete der Kaiser die neue „Verordnung über die Juden", die Graf Speranski als Ergebnis der Komiteeberatungen versaßt hatte. Das Kapitel über Bildung steht allen anderen in dieser Verordnung von 1804 voran. Von dem Grundgedanken ausgehend, daß die Umgestaltung der Lebenslage der Juden und ihr Anschluß an die Zivilisation zu bewerkstelligen seien, folgte die russische Regierung dem Geist der Zeit und dem Beispiel anderer Kuluturstaaten, die bereits anerkannt hatten, daß zur Beseitigung der hundertjährigen Fehde zwischen Christen und Juden hauptsächlich Schule und Aufklärung dienen müßten. Es gibt ein historisches Wort Alexanders l. als Entgegnug auf eine Bemerkung eines seiner Ratgeber, daß die Reorganisation der jüdischen Lage große Kosten erforderte: „Wenn es mir gelingen sollte, aus den russischen Juden bloß einen Mann von der Bedeutung Moses Mendelssohns zu erziehen, so habe ich Vergeltung genug für das unternommene Bildungsstreben." Allein mit der Praktischen Ausführung des Gesetzes hatte es gute Wege. Eine neue Steuer für die Unterhaltung der Schulen wurde schon in Vorschlag gebracht. Dieselbe Verordnung von 1804 teilte sämtliche Juden in vier Klassen ein, die innerhalb des Territoriums — das sich auf die eroberten, vormals polnischen Provinzen beschränkt — freie Berufstätigkeit haben, jedoch mit Einschränkung des Haltens von Schänken und Arrenden. Jede freiheitliche Richtung kann nur durch friedliche Entwickelung gefördert werden. Die Bildungsbestrebungen Alexanders I. haben dadurch merklich Einbuße erlitten, daß in den auf die Veröffentlichung des Gesetzes von 1804 — das 1807 bis 1808 in Kraft treten sollte — folgenden Jahren die Napoleonischen Kriege Europa zerrütteten und jede fortschrittliche Bewegung in den Hintergrund drängten. Die Regierung hatte durch die anläßlich der Kriegszustände eingetretene Störung ihrer Kulturbestrebungen das große Interesse mittlerweile gänzlich verloren, das sie beim ersten Angriff ihrer Kulturtätigkeit zeigte3). Während des „vaterländischen Krieges 1812" offenbarte die russische Judenheit eine aktive Ergebenheit an Rußland, einen bitteren Haß gegen den Feind. Zwar durften die Juden damals dem Heere noch nicht angehören, sie haben aber dennoch, wo sie nur konnten, den Feind gefährdet und die russische Armee gefördert. Ein berühmter Feldherr dieses Krieges, später Generalgonverneur von Petersburg, Miloradowitsch, als er in seinem Machtbereich die strengen Judengesetze manchmal milderte, motivierte dieses: „Diese Leute sind die ergebensten Untertanen des Kaisers; ohne sie hätten wir Napoleon nicht besiegt, und ich wäre nicht mit diesen vielen Ordenszeichen für den Krieg 1812 geschmückt"* 2). Es bestand im Volke die Hoffnung, daß nach Beendigung der anhaltenden Kriegsperiode die Zeit der inneren Reformen antreten wird, woran auch die Juden nicht umgangen werden. Das Oberhaupt der weißrussischen Chassidem, der alte Rabbi Schneer-Salonron Schncersohn, der treu und heilig bis zu seinem Tode (November 1812) die Treue zu Rußland propagierte und Gottes Gelingen der russischen Waffen anflehte, sagte: „Wenn Gott dem Kaiser helfen wird und seine Feinde niederwerfen, wird Kaiser Alexander ganz gewiß unter de» Volksmassen der Juden gedenken, ihre Lage durch Verleihung aller Freiheiten für immer bessern." Die Enttäuschung dieses frommen Wunsches zu erleben, ist dem alten Rabbi erspart geblieben. Aus den vielen a m t l i ch e n Ermittelungen in einem Regierungsorgan von damals, „Nordische Post", führen wir nur *) Scheinhaus a. a. O. S. 10 ff. 2) Lilienthal (1840), Brief IV in der „Allgem. Ztg. des Judentums" 1855, S. 60. einzelne Fälle an. Ein Jude hat dem Feldherrn Miloradowitsch Dienste angeboten, und als der General ihm Geld geben wollte, um sich seiner zu bedienen, um ihn zur Berichterstattung zu ermuntern, lehnte er das angebotene Geld entschieden ab: „Es ist jetzt an der Zeit, daß wir Juden dem Vaterlande Dienste ohne Bezahlung leisten." Als die Juden in Janowitsch einen französischen Kurier ergriffen, lehnten sie jede Geldablösung des Franzosen für seine Freilasiung ab und übergaben ihn und sämtliche Vorgefundene Dokumente dem russischen Heerführer. Alexander säumte nicht, in offener Kundgebung den Juden für diese die kriegerische Operation aufklärende Tat zu danken. Die Juden in Lepel haben die verwundeten Russen in ihre Krankenhäuser ausgenommen und unter gedeihlicher Pflege meistens gesund entlassen. Noch eine weitere, unbedingt lobenswerte Tat vollbrachte die jüdische Gemeinde des Städtchens Lepel. Als am 15. Oktober die Franzosen vertrieben wurden, steckten sie eine Schleuse des Beresina-Kanals in Brand, um den Uebergang der verfolgenden Russen zu hindern. Da beeilten sich die jüdischen Einwohner Lepels, das Feuer sofort zu löschen; die Schleuse blieb unversehrt, und statt der abgebrannten morschen Zugbrücke haben sie schleunigst eine neue Brücke aufgeschlagen, wozu sie die Balken und alles Material beizeiten bereit hatten, und die russische Armee konnte ungehindert passieren und den Feind verfolgen. Ein analoger Fall wird von dem Oginsky-Kanal — der durch verschiedene Nebenflüsse die Stromläufe Dniepr und Niemen verbindet — offiziell berichtet. Da war es der Pinsker I.-Gilde-Kaufmann Saul Lewin, der den wichtigen Kanal vor feindlicher Zerstörung bewahrte; während der feindlichen Invasion wandte er besonders emsige Sorgfalt an, die Wasserbau-Anlagen des Kanals zu schützen und die Schiffahrt aufrechtzuerhalten, nahm Wächter und Arbeiter an, um an den Schleusen Wacht zu halten und die feindlichen Schäden sofort zu ersetzen. Aus derselben alten offiziellen Quelle ist genau ersichtlich, daß die Juden größere Geldsummen zu Militärzwecken leisteten, und als das Land von den Franzosen befreit wurde, bekundeten sie ihre große Freude. In Minsk, Berditschew usw. feierten die Juden Siegestriumphe mit Musik, Gesang und Festgottesdienst und spendeten größere Summen für milde Stiftungen2). „Alexander I. wollte die erwiesene und erpxobte Treue der Juden belohnen," sagte ein Kriegsteilnehmer von 1812, General Löwenstern. Die Betätigung dieses Wollens hat aber nicht stattgefunden. Das Manifest am Ende des Krieges, am 30. August 1814, überhäuft die höheren Stände mit Gunst und Wohlwollen. Die breiten Steuermassen aber — Bürgerschaft und Bauernstand —, die am meisten die Lasten und Unbilden des Krieges trugen, verweist das Manifest auf die erwartende Vergeltung von Gott. Für die Juden ist selbst von diesem Lohn mit keinem Wort gedacht. Von den Opfern und erlittener Heimsuchung Rußlands von 1812 fiel ein nicht unbedeutender Teil aus das Los der russischen Juden; sie glaubten, die treue Ergebenheit, die sie allerorts an den Tag legten, wird richtig eingeschätzt, und ihre Rechtslage nach Schluß des Krieges wird eine wesentliche Besserung erfahren, zum mindestens jedoch keine Verschlimmerung. Die Wirklichkeit trügte hart ihre Erwartung. Nach dem Kriege trat eine böse Reaktion ein. Das letzte Jahrzehnt seiner Regierung wich Kaiser Alexander von den liberalen Vorsätzen zurück, die sich kaum eingebürgert hatten; alle Pläne der Reform und Fortbildung wurden ausgegeben, 3) „Geschichte Rußlands" III, S. 32 ff. Ausführlich S. M. GinSburg „Der Vaterländische Krieg 1812 und die Juden" (russisch), Petersburg 1912.

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