Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1915)
- Date
- 1915-07-09
- Page
- Seite 330 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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330 Der Schlußsatz der Schrift -lautet so: „Der Friede ist nicht etwas Passives, nicht nur Ruhe und Abwesenheit von Krieg, sondern ein Positives, eine Schöpfung, ein Element steter Wirksamkeit. Eines der Mittel zur seiner Verwirklichung ist die Wahrheit, die zur Gerechtigkeit führt. Wir wollen nach unseren schwachen Kräften dazu beitragen, daß zwischen den Völkern gegenseitige Erkenntnis, Aufrichtigkeit, Wahrheit und Gerechtigkeit herrsche. Tann wird dieser Weltkrieg vielleicht der letzte Krieg in der Welt sein." Das klingt zwar sehr gut und schön, aber einstweilen und leider noch für recht lange Zeit stehen wir nulten im Kriege und müssen zunächst suchen, als Sieger daraus hervorzugehen. Was dann kommt, wer will es wissen? — Schließlich hat Deutschland trotz seines Militarismus bisher die erste Stelle eingenommen im Handel wie in der Industrie, in der Wissenschaft und Geisteskultur, und soviel wir gegen den Militarismus aus dem Herzen hatten, er soll, wenn er uns einen glorreichen Frieden schafft, trotz allem gesegnet sein. Die kleine Schrift Ludwig Fuldas?) bei der uns nur stört, daß ein deutscher Fabrikant sie gleichzeitig zur Anpreisung seiner Waren benutzt, liefert den Nachweis, daß die Analphabeten in Deutschland geringer und das; die Zahl der Gebildeten in Deutschland ausfallend größer ist als in Englandund Frankreich. (Von Italien konnte noch nicht die Rebe sein, da der Aufsatz vor der Teilnahme Italiens am Kriege geschrieben wurde.) Der Tiefstand Rußlands brauchte nicht erst erwiesen zu werden. Fulda hebt z. B. hervor, daß zwei so hochstehende Männer, wie Zola und Grey, kein Wort in einer andere;; Sprache als ihrer Muttersprache verstanden und verstehen. Er tadelt mit ernsten Worten die Deutschen, daß sie überall versuchen, die fremden Sprachen zu reden, und daß sie selbst fremde Namen in ihrer Originalform lviederzugeben versuchen. Allerdings rühmt er ihre Universalität, und warnt davor, sie anfzugeben (S. 14): „Schon darum nicht, weil es unser eigener Schaden wäre, wollten wir aus Groll auf unsere Gegner uns ebenso einkapseln wie sie und damit preisgeben, was wir vor ihnen voraus haben. Nein, wir werden auch künftig ihre Sprache lernen, auch künftig in ben Kern ihres Wesens und ihrer Leistungen dringen. Wir werden das Ehrenbürgerrecht, das nur ihren größte;; Männern verliehen haben, nicht widerrufen, werden vor jeder neuen Größe der Kunst und des Gedankens bereitwillig den Schlagbaum aufziehei;, ohne nach Paß und Geburtsschein zu fragen." Aber wir müssen - in diesen Gedanken klingt seine Mahnung aus -- lernen, die Nachahmung ausländischen. Wesens und ausländischer Sitten abznlegen, und vor allen Dingen.- wir müssen uns daran gewöhnen, nicht von vornherein jede von dein Auslande importierte geistige Ware hochzuschätzen (S. 30): „Sorgen wir dafür, daß unsere Kultur ans den; Flammenbade in geläuterter, schlackenloser Herrlichkeit hervorsteigt. Geben wir unserer Gesittung den Willen, ans dem eigenen Volktsum zu schöpfen, unserer Wesensart den Akut, sie selbst zu sein. Schaffen wir für unsere Kunst, unsere Dichtung freie Bahn und freien Atemramu. Dringen wir darauf, daß die deutsche Gastfreundschaft wählerischer wird und nimmermehr zweifelhaften Geistern zuliebe den tüchtigen Landsmann von der Tafel weist." Man lvird gewiß diesen ernsten und klugen Worten seinen Beifall schenke;;. Auch eine neue Veröffentlichung des unermüdlichen Adolf Kohut°) kann;uan in diesem Zusamenhang behandeln. Es sind wirklich goldene Worte, die hier zusammengestellt werden. Tie Anssprüche sind nach folgenden Rubriken eingeteilt: „Selbstbekenntnisse: Preußen und die Monarchie: Oesterreich-Ungarn und das deutsch-österreichische Bündnis; Landtag, Reichstag, Bundesrat, Sozialpolitik; Armee und Marine: Landwirtschaft, Handel, Industrie; Religion, Christentum, Kirche: Welt und Leben." Ai an könnte diese Einteilung gewiß auch anders gestalten, aber man muß sagen, keines der hier abgedruckten Worte ist gleichgültig,;venn auch vielleicht nicht jedes hochbedeutend ist. Die hier gesprochenen Worte sind zu den allerverschiedensten Zeiten entstanden. Von den fünfziger Jahren an bis zu der letzten Lebenszeit des Reichskanzlers: sie berücksichtigen vielfach einzelne Ereignisse, aber sic sind im 5) Deutsche Kultur und Ausländerei. Don Ludwig Fulda. Berlin, Max Kühl. iIn 40 000 Eremplaren für die Kunden der Firma vervielfältigt.) 6) Goldene Worte des Altreichskanzlers. Aussprüche des Fürsten Bismarck über Politik, Leben und Weltanschauung. Zusammengestellt von Tr. Adolf Kohut. Mit Bismarcks Bildnis. Leipzig, Druck und Verlag von Philipp Reclam jun. allgemeinen von dem weltumfassender; Standpunkte aus getroffen, den der Kanzler einnahm. Es ist sehr merkwürdig, daß dieser große Mensch eimnal erklärt, er rnöchte am liebsten eine Ameise sein und von einer Spinne sich sein Lebensprogramm vorschreiben lassen. Das Preußentum spielt bei ihn; eine große Rolle, aber das deutsche Bewußtsein siegt darüber. Sehr schön lvird der Wert der Einheit Deutschlands in den verschiedensten Variationen ausgedrückt. Ganz herrlich sind die Würdigungen Kaiser Wilhelms I. und Kaiser Friedrichs. Für unsere Zeit und für den Weltkrieg, in dem wir stehen, sind besonders folgende Sprüche geeignet (S. 32, 33, 80): „Wenn wir Zusammenhalten, werden wir den Teufel aus der Hölle schlagen." „Wenn wir einig bleiben, bilden nur einen schweren, harten Klotz inmitten Europas, den niemand ansaßt, ohne sich die Finger zu zerquetschen." „'Heute gilt es uns wenig, ob die Feinde von Ost und West selbst vereint gegen uns heranziehen wollen. Wir hauen sie doch alle in die Pfanne." Man kann das Buch ansschlagen, wo man will, überall erweckt es das größte Interesse. Wenn man auch bei den; einen oder anderen Ausspruch etwas bedenklich den Kopf schütteln mag, im ganzen und großen hat man das Gefühl starker und staunender Bewunderung. Wie ich über die Schweizer Neutralen denke, habe ich bei Gelegenheit des Herrn Spitteler in diesen Blättern auseinandergesetzt. Trotzdem halte ich es nicht für unnötig, noch einmal auf eine in dem neutralen Lande der Schweiz eben herausgekommene internationale Zeitschrift7) hinzuweisen, und zwar aus den; Grunde, weil hier der Versuch gen;acht werden soll, trotz des Weltkrieges, ja selbst während desselben daran zu erinnern, daß es internationale Bande gibt, die stärker sind, als jetzt in der allgemeinen Uneinigkeit erscheinen möchte. Freilich die Zeitschrift selbst hat schon vor ihrem Erscheinen mit Widerwärtigkeiten zu kämpfen gehabt, und wie schnell die Zeit schreitet, geht schon daraus hervor, das; in einen; Anssatz von einem Bunde der Neutralen gesprochen lvird, wozu noch Italien gerechnet wird, während dieses unselige Land seitdem das Schwert gezogen hat und auch danach strebt, seine Prügel zu erhalten. Unter den zehn Beitrügen, aus denen das erste Heft besteht, sind manche ganz zeitgemäß, z. B. der „Wie Gerüchte entstehen"; aber die meisten anderen muten uns als für den Augenblick so grenzenlos gleichgültig an, daß wir deren Drucklegung gerade in; jetzigen Augenblick nicht verstehen. Gerade der Aussatz, der an; zeitgemäßesten hätte werden können, „Dokumente der Menschlichkeit", lvird von der Redaktion abgebrochen mit der Bemerkung „Aus Raummangel". In diesem Aussatz findet sich auch der köstliche Satz: „Jeder Tag bringt uns doch den; Frieden näher", ein Satz, der geradezu wie Hohn klingt. Alan muß sagen, die Redaktion hat für das Erscheinen ihrer Zeitschrift den schlechtesten Moment gewählt und hat sich der großen Ausgabe, die sie erfüllen will, sehr wenig gewachsen gezeigt. Zlvei Gedichtsammlungen sind sehr zu empfehlen. Die eine^) bringt uns einen Dichter näher, der gerade dem Publikum dieser Zeitung wegen seiner verbreiteten jüdischen Balladen sehr sympathisch ist. Es sind teils Gedichte aus früheren Sammlungen, teils Verse, die erst kürzlich entstanden sind. Das Wort der Vorrede, daß „die eigentliche Kriegsdichtung 1870/71 ebenso gering an Wert ist, wie heuer", ist leider vielen aus der Seele gesprochen. Die Balladen unserer Saunnlung, lvelche die Kämpfe früherer Zeit behandeln, sind zum Teil sehr schön. Als Probe der übrigen Gedichte mag das folgende kurze „Lied der Zurückgebliebenen" dienen, das einen gewissen alttestamentarischen Anklang hat. Es lautet: Was steht Ihr am Grabe Mit weinendem Blick? Laßt Gott seine Gabe Und tretet Zurück, — Von ihm das Leben Zur Erde gekommen. Von Stürmen und Stößen umtobt. Der Herr hat's gegeben, Der Herr hat's genommen, Ter Name des Herrn fei gelobt! 7) Internationale Rundschau. 1. Jahrgang, 1. Heft, Juni 1915. Druck und Verlag Artistisches Institut Orell, Füßli, Zürich. Preis 50 Pf. *) Alte und neue Balladen und Lieder des Freiherrn Börries von Münchhausen. Auswahl fürs Feld. 1.—5. Taufend. Egon Fleischel u. Co., Berlin. Im Kriegsjahre 1915.