Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1915)
- Date
- 1915-07-09
- Page
- Seite 328 (sequence 4)
- Language
- German
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328 Es handelt sich hier um Flüchtlinge und Geächtete, die namentlich auch den Pogromen von 1906 zu uns gekommen sind. Wer ist bei uns der verantwortliche Minister, der die Polizei zu einem derartigen Vorgehen veranlaßt hat? Mir kommt nicht zu, in diesem Augenblick, wo das befreundete und verbündete Rußland schmerzliche Stunden durchlebt, davon zu erzählen, wie es viel zu lange die Juden behandelt hat. Es hat sie aber behandelt, wie unsere Vorfahren im Mittelalter sie behandelt haben. Wir suchen überall Sympathien zu erlangen; die elende Drohung, die unseren jüdischen Flüchtlingen geworden ist, wird uns möglicherweise die Sympathie von 2% Millionen amerikanischer Inden kosten, die in New?)ork so einflußreich sind. Ich verlange zu wissen, welche Maßnahmen die Negierung gegen die Polizeibeamten ergreifen wird, die das geheiligte Recht der Gastfreundschaft in der Person dieser Flüchtlinge verletzt und damit Frankreich und die Republik beschmutzt haben. * Eine geschätzte Mitarbeiterin sendet uns folgenden Ausschnitt aus den zu Wien erscheinenden „Ukrainischen Nachrichten": Die Juden und der K r i e g. Wie „Rjetsch" berichtet, fand in Petersburg am 25. Mai (alten Stils) ein öffentlicher Vortrag A. M. Goldsteins über das Thema „Die Juden und der Krieg" statt, der von dem Vertreter der Polizeibehörden unterbrochen wurde. Der Prälegent sprach nicht länger als 20 Minuten. Zuerst wies der Prälegent darauf hin, daß die Juden in allen Ländern ihre militärische Pflicht ehrlich erfüllten. Der Krieg zerstörte die Legende von der jüdischen Feigheit. Die Juden haben mehr Schaden als die andere Bevölkerung erlitten, da sie keinen Boden besitzen. Ferner ging der Prälegent zur Besprechung der Lage der Juden in Polen über und erzählte von dem Polin sck>-jüdischen Streit. Die Juden zählen in Polen 14 Prozent, aber die Polen wollen, daß sie nicht 14, sondern bloß 6 Prozent zählen. Nach diesen Worten wurde der Vortrag wegen der Abweichung vom Thema von dem Polizeibeamten abgebrochen. * Ueber die Gärung in Rußland und über die Aktion gegen die Juden schreibt das „Berliner Tageblatt": Stockholm, 28. Juni. Der über russische Verhältnisse wohlinformierte „Socialdemokrat" schildert in einem Spezialberichte aus Petersburg dieGärung in Rußland. In Petersburg und Moskau haben verschiedene politische Gruppen Zusammenkünfte abgehalten, um die Situation zu erörtern. Den Geist solcher Zusammenkünfte erkennt man wohl am besten daran, daß sogar das Zentralkomitee der halbreaktionären Oktobri st en Partei soeben in Moskau sich für eine unmittelbare Einberufung der Reichsduma und für die Bildung eines verantwortlichen Ministeriums mit eingreifender Um Organisation des ganzen Negierung s s y st e in s ausgesprochen hat. Ein ähnlicher Beschluß wurde auch von anderen Parteien gefaßt. Vor einigen Tagen versammelte sich im Gebäude der Reichsduma eine Anzahl von in Petersburg sich befindlichen D u m a m i t g l i e d e r n unter Rodziankos Vorsitz. Auch dort war die Stimmung die gleiche: Rußland steht vor einer Katastrophe, wenn nicht baldigst durchgreifende Aenderungen geschehen. Man ist endlich im klaren, daß es vergebens war,- der Regierung die weitestgehende Vollmacht zu überlassen, damit sie nur ja jede Opposition im Keime ersticke. Das Resultat ist: Der Arinee fehlt Munition und Artillerie; nutz- und aussichtslos werden Massen von Menschen geopfert; die Kranken befinden sich ohne genügende Pflege; den Spezialtruppen fehlt die notwendigste Ausrüstung, aber jeder General, der eine Schlacht verliert, läßt das an den Juden in jenem Gebiet, wo er Herr ist, aus. Tausende von ihnen werden a u s g e w i e s e n, ohne die vielen Unglücklichen, die infolge Angebereien gehängt oder erschossen wurden, mitzuzählen. Es ist bezeichnend, daß bei Beginn der letzten Riesenschlacht alle russischen Zeitungen, sogar der offizielle „Russkij Jnwalid", verkündeten, daß eine mächtige deutsche Offensive aus der Richtung von Krakau zu erwarten sei. Man Hütte wohl voraussetzen können, daß nun die militärische Leitung ihre ganze Aufmerksamkeit auf diese große Gefahr konzentrieren würde. Aber statt dessen bereitete der Generalstab seine Defensive dadurch vor, daß er am selben Tage, als Mackensen die Offensive ergriff, über die ganze Front ein Zirkular Nr. 1193 an alle Befehlshaber sandte, man solle auf die jüdischen Soldaten achtgeben! Damit die Opposition später nicht den Vorwurf erheben könnte, diese Maßnahme wäre eine parteiische, war man vorsichtig genug, die Behörden zu ermahnen, daß sie auch über eventuelle lobenswerte Handlungen der jüdischen Soldaten berichten möchten. Während also die Deutschen vordrangen, erhalten die einzelnen russischen Generalstäbe die Order, „Aufklärungen" über die Juden zu sammeln. Das Verfahren gleicht ungefähr der Art, wie die Pogrome organisiert zu werden pflegen. Wenn es oben schon so traurig aussieht, so treiben natürlich unten die sogenannten „Kontrarekognoszierungskorps", das sind Provokateure und Spitzel, in ihrer Weise ihr berüchtigtes Spiel. Ein Prozeß in Lamsche hat neulich dieses Spitzel wesen bloßgestellt. Ein Spitzel installiert ein Telephon bei einem jüdischen Kinobesitzer, worauf das Telephon „entdeckt" und der Jude vor das Kriegsgericht gestellt wird. Diesmal war das Spiel über doch zu plump. Das Ganze lies nur auf eine Erpressung hinaus: man wollte für die Freilassung des Juden 5000 Rübe l, Der öffentliche Ankläger weigerte sich, als dies festgestellt wurde, überhaupt zu sprechen, und das Urteil lautete dahin, daß zwei Agenten zu sechs Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurden; der dritte, der die Sache enthüllt hatte, wurde freigesprochen. Dagegen wurden infolge eines ähnlichen Vorgehens der Provokateure siebzehn j Juden gehängt. Das ist aberkein einzelner Fall, das alles ist das Ergeb-! nis eines ganzen Negierungssystems, desselben Systems, dem es zuzu-; schreiben ist, daß die halbe sozialdemokratische Reichstagsgruppe depor- I tiert wurde. Nun ruft man wieder nach einer parlamentarischen Re-! gierung, aus der aber, wie das genannte schwedische Blatt sagt, so! lange nichts werden wird, bis wieder einmal Rußlands Arbeitermassen den entscheidenden Anstoß hierzu gegeben haben werden. tj. L. Lamm '. | I. B. Lamm, geboren 1804, gestorben 1882, war ein bescheidener Lehrer, aber seine Schicksale sind derartig interessant, daß ich mich berechtigt glaube, sein Bild nebst Notizen über sein Leben, die einer pietätvollen Schrift seines Sohnes entnommen sind, hier folgen zu lassen. Lamm wurde in Mittelshofen, einem bayerischen Dorfe, geboren. Er besuchte die Elementarschule in Wittenheim, dann die Jeschiba an demselben Orte, bildete sich 1823 in Bamberg zuerst privatim, dann in dem dortigen Lehrerseminar aus, ') Jsak Bernhard Lamm. Der erste jüdische Volksschullehrer in Bayern. Aus alten Familienpapieren von Louis Lamm. Berlin, Verlag von L. Lamm, 1915. Istrk Bernhard Lamm.