Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1915)
- Date
- 1915-07-09
- Page
- Seite 327 (sequence 3)
- Language
- German
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— 327 Front und andere Momente schließen), daß, nachdem es seine ganze Kraft sechs Wochen lang vergeblich gegen Oesterreich gewandt hat, es nun auch gegen die Dardanellen einen Teil seiner Flotte zu senden und in Frankreich gegen die Deutschen zu kämpfen entschlossen ist, obgleich bis zum Augenblick weder an die Türkei noch an Deutschland der Krieg erklärt worden ist. Ob dies wirklich geschehen wird, vermag man nicht zu sagen. Jedenfalls Haben die Hetzereien und die Prahlerischen Siegesbulletins aufgehört. Die Minister mahnen vielmehr zur Ruhe, sie gestehen schwere Verluste ein; die Schlachtberichte beginnen recht dünn und armselig zu werden. Ueberhaupt kann man konstatieren, daß alle Mächte eingestehen, daß sie sich gründlich geirrt und verrechnet haben. Ein Anzeichen dafür ist, daß, nachdem England ein neues Ministerium sich gegeben hat, in Frankreich vier neue Unterftaatssekretäre im Kriegsministerium ernannt worden sind. Dies ist zum mindesten ein Zeugnis dafür, daß sich die Erkenntnis verbreitet hat, es gehe so wie bisher nicht weiter. Auch in Rußland werden Minister entlassen, im Ministerium des Innern sind sämtliche Gehilfen abgesetzt worden, neue Berater der Krone sind ernannt; alles Zeichen für die Rat- und Hilflosigkeit, die bei unseren Feinden herrscht. Es ist nur zu wünschen und zu hoffen, daß in England, Frankreich und Rußland die neuen Helfer ebenso versagen, wie die alten es getan haben. Mögen auch manche Nachrichten unserer Zeitungen übertrieben sein über die Teuerung, ja über die Not, die in England herrscht, über die Erschöpfung in manchen Kreisen Italiens, über die Desertion oder wenigstens Kampfunlust vieler Soldaten, über die völlige Ermüdung Frankreichs und die dort hervortretende Unmöglichkeit, Mannschaften und Munition zu finden, über die Anzeichen einer Revolution in Rußland — Tatsache ist, daß alle diese Völker, die während der ersten Monate des Krieges den Mund so ungemein voll nahmen, beginnen still zu werden, daß die Schmähungen gegen Deutschland schwächer werden, ja, daß in den Zeitungen der feindlichen Länder die Unbesieglichkeit Deutschlands geradezu eingestanden wird. Es mehrt sich auch die Zahl der Verständegen in Frankreich, die unerschrocken genug sind, den Hochstand deutschen Geistes zu bekunden; es mehren sich in England die Stimmen der Opposition, die sich nicht beschwichtigen und durch keine hohlen Reden täuschen läßt; es steigert sich in Rußland der Schrei nach der Duma. Das alles sind Anzeichen einer Wendung. Freilich, von Frieden oder auch nur von Waffenstillstand ist so wenig die Rede, daß in vielen Ländern, auch in Deutschland, nicht nur die Möglichkeit, sondern die Wahrscheinlichkeit oder selbst Gewißheit eines neuen Winterseldzuges erwogen, ja verkündet wird. Das sind freilich wenig erfreuliche Aussichten, um so unerfreulicher, als jeder Verständige sich sagen muß, daß die Riesenlast der Schulden, die jedes Land durch den ungeheuer lange andauernden Krieg sich aufbürdet, fast llnerschwinglich ist, und daß die Unsummen, die nötig sein werden zur Entschädigung der Krüppel und der Verwundeten, zur Erhaltung der durch den Tod ihrer Ernährer beraubten Familien, daß die Milliarden, die gebraucht werden zur Wiederherstellung und Ergänzung der Kriegsmaterialien aller Art, eine solche Höhe annehmen, daß die kühnste Vorstellung dabei erlahmt. Und doch wollen wir die Hoffnung nicht aufgeben und brauchen es auch nicht bei den ungeheuren Fortschritten, die wir in den letzten Wochen gemacht haben, daß Deutschland über alle seine Gegner triumphieren wird und muß. Wir trachten nicht nach Länderzuwachs und werden wohl auch schwerlich auf eine Milliardenentschädigung seitens irgendeines Gegners zu hoffen haben, aber wir werden und müssen siegen und unserem Vaterlande eine Stellung bereiten, die auf lange Zeit hinaus jedem Gegner die Lust gründlich vertreiben wird. mit uns anzubinden, die jeden zwingen wird, uns die Stellung einer Hauptmacht zu gönnen, wenn dies auch widerwillig geschieht, die wir uns errungen haben und deren wir, wie unsere Tapferen in einem so unvergleichlichen heldenmütigen Ringen gezeigt haben, vollkommen wert sind. m Ueber die antisemitische Stim m ung i n E n g - l a n d und die dadurch hervorgerufenen Ausschreitungen schreibt ein Neutraler in der „Voss. Ztg.": Erst später fing man in einem Viertel Liverpools an, einen deutschen Laden zu plündern. Auch hier muß ich wieder eine Einschränkung machen, denn Deutsche waren die Inhaber eigentlich nicht, sondern in England naturalisierte Juden. Ich persönlich hatte durchaus den Eindruck, daß es sich bei der ganzen Bewegung und Erregung mindestens zu gleichen Teilen um Judenhaß wie um Deutschenhetze handelte. Mau sah denn auch bald in allen Geschäften, deren Schilder jüdische Namen trugen, Anschläge, daß die Inhaber in England geboren seien und daher um Schonung bäten. Sie wurde allerdings nicht immer gewährt. Denn selbst wenn der Mann auch als Engländer geboren war, so konnten doch seine Ettern ans Deutschland herübergekommen sein, und Blut galt auch in diesem Falle für dicker als Wasser. Wer konnte denn wissen? Man richtete sich nach dem Bibelspruch, daß die Sünden der Väter bis ins vierte Glied heimgesucht werden sollen. Warum sollte man jetzt gerade schon beim zweiteil Halt machen? Man muß es den Leuten lassen: die Arbeit wurde rasch und fein sauber getan. Zuerst kamen die Weiber und holten sich alle einigermaßen wertvollen Gegenstände aus dem Laden, dann erst erschienen die Männer, Zerschlugen die Fenster, alles feste Mobiliar und was sonst noch übriggeblieben war, und zuletzt trat die Polizei aus den Plan, ließ große Bretter vor Fenster und Türen schlagen und sorgte achtsam dafür, daß der Bürgersteig von Scherbell und Trümmern gereinigt wurde. Auf diese Weise konnte ein Laden in fast dreiviertet Stunden gründlichst erledigt werden. Da sich die Inhaber meistens schon beim ersten Ansturm geflüchtet hatten, kam es fast nirgends zu Körperverletzungen. Nur an einer einzigen Stelle war ein armes junges Mädchen so naiv gewesen zu glauben, das; sie das Hab und Gut ihrer Eltern verteidigen müßte und dürfte. Der Mob konnte daher nicht umhin, sie zu erschlagen! Vielleicht hat dieser Totschlag die Polizei ein wenig beängstigt, vielleicht haben auch die jüdischen Magnaten, die in Liverpool nicht nur durch ihre Zahl, sondern auch durch ihren Reichtum starken Einfluß haben, dem „Pogrom" ein Ziel gesetzt, jedenfalls waren von jenem Tage an alle jüdischen Geschäfte, die gefährdet sein konnten, unter scharfer Bewachung. Und damit hörten auch die Krawalle auf. Sie hörten in Liverpool auf, aber doch nur, um in London wieder anzufangen. Hier aber hatte die Bewegung durchaus keinen antisemitischen Charakter. Viel eher einen alkoholischen! * Ueber die Lage der Juden in Frankreich geben nachstehende Auszüge aus der „Post" und der „Deutschen Tageszeitung" Kunde: Französischer A n t i s c mitis m u s. Die „Aetion Fran^aise" verlangt Abschub oder Internierung der russisch-polnischen Juden, zumal die Antimilitaristen eine zweite Kommune vorbereiten. Der Präsekt Laurent erklärte dem „Petit Parisien" zufolge, das Gesetz bleibe für alle gleich, Juden aber seien gefährlich, und deshalb sei disziplinäres Borgehen nötig. Einige für die Fremdenlegion angeworbene Juden hätten sich störrisch und ungehorsam erwiesen, weshalb sie streng bestraft seien, und seither betrieben die Juden unverhohlen Propaganda gegen die Regierung. Sozialistische Blätter klagen den Präfekten an, er verletze die Haager Konvention, denn er wolle die Inden dem russischen Galgen ausliefern. B c Hand Iu ng ru s s i s ch e r Iudcn i n F r a nkre i ch. Die russischen Juden in Paris sind kürzlich insgesamt vorgeladen und ausgesordert worden, entweder schleunigst nach Rußland znm Eintritt ins Heer zurückzukehren oder sich in die Fremdenlegion einreihen zu lassen, widrigenfalls sie als Verdächtige in ein Konzentrationslager übergeführt werden würden. Hierzu bemerkt Hervä in der „Gnerre sociale":