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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-07-09 · Heft 28 (9.7.1915) · p. Seite 326

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 28 (9.7.1915)
Date
1915-07-09
Page
Seite 326 (sequence 2)
Language
German
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326 Pogrome — und das weiß jeder, der die russische Bevölkerung aus eigener Anschauung kennt — nicht Gemeingut aller Rechtgläubigen; er würde auf einen Wink von oben sofort verschwinden. Dort ist er nur künstlich großgezogen worden, weil die Regierung seiner als politischen Blitzableiters benötigt. Es muß doch so sein, daß in jedem Menschen etwas Raubtierartiges liegt, daß er ein Lpfer braucht, welches er zerreißt, quält oder mit dem er spielt, bis es im Spiel unterliegt. Und wir waren so sehr daran gewöhnt, daß man uns Juden quält, sein Spiel mit uns treibt, daß in unserer Vorstellung ein Rußland ohne seine Juden so wenig Raum findet wie eine Bestie ohne ihr Lpfer. Man denke sich nur einen hohen russischen Beamten, der Karriere gemacht hat, ohne in einer ganz besonderen Art der Judenverfolgung seine geistigen Fähigkeiten bewiesen zu haben! Und wie wollte man in anderen Ländern den Hochmut und Uebermut betätigen, wenn man nicht Juden hätte, über die man die Rase rümpfen tonnte! Und doch! Trotz allem und allem, ivir dürfen und werden nicht eher ruhen, nicht eher die Waffen fortlegen, als bis wir im Kampf um die Ehre des Judentums und der Judenheit einen ehrenvollen Frieden errungen haben. Die „Politik der Juden" war darum immer so schwierig, weil wir nicht in einem Territorium leben, weil wir nicht Vertreter haben, die sich zu Recht Vertreter der gesamten Judenheit nennen konnten. In jedem Lande waren wir Juden gezwungen, auf eigene Faust Politik zu treiben, weil die Glaubensbrüder im anderen Lande in ihrer Politik andere Wege gehen mußten, Wege, die durch die dortige „Judenpolitik" bestimmt wurden. Die geographische und politische Zerrissenheit aber stellt sich als größtes Hindernis einmütigem Handeln entgegen. Auch die Zerklüftung im Innern, die unendlich vielen Gegensätze in religiöser Hinsicht gaben der „Politik der Juden" stets einen kleinlichen Charakter. Man vergaß in der Hitze des Parteikampfes das große Ziel: die Erhaltung und Stärkung des gesamten Judentums. Was ist nicht außerdem alles geschehen, um durch die Verbreitung der Wissenschaft des Judentums alle Glieder der Judenheit um das alte Banner zu sammeln. Die Größe des Aufwandes und der Mühe steht in keinem Verhältnis zum Erfolg. Es sind stets die nämlichen, die ohnehin jüdisch-wissenschaftliches Interesse zeigen, die große Allgemeinheit verhält sich dazu vollkommen passiv. Welches muß deshalb mit Notwendigkeit das Ziel der „Politik der Juden" sein? Seitdem die Kriegssackel lodert, hat kein Sterblicher eine rechte Vorstellung von der politischen Konstellation nach dem Krieg. Von ihr wird auch ganz besonders die zukünftige „Politik der Juden" abhängen. Allen Schwankungen, denen sie etwa ausgesetzt sein dürfte, treten wir entgegen, wenn wir das Bewußtsein von der notwendigen Erreichung zweier Ziele zum Gemeingut aller Inden machen. Diese beiden Ziele heißen: numerische Vergrößerung und sittliche Steigerung. Unsere Oualität und unsere Quantität müssen sich bedeutend heben. Je mehr Juden, desto mehr Mitkämpfer, desto mehr Brüder, desto weniger die Vereinsamung. Die Geschichte hat cs uns zu deutlich gelehrt, daß wir unter den anderen Völkern nicht viele Freunde haben, daß wir auf unsere eigene Hilfe angewiesen sind. Vermehren wir deshalb die Zahl unserer Helfer int eigenen Lager, brandmarken wir öffentlich das Unsittliche, das in der Beschränkung der Geburtszahl liegt. Seien wir überzeugt davon, daß es das Judentum verdient, erhalten zu werden, und ist auch unser Wille, es zu erhalten, so müssen wir zunächst unsere numerische Steigerung im Auge haben. Nicht weniger ist aus unsere qualitative Hebung zu achten. Das Schandmal der gesellschaftlich Ausgestoßenen soll sich durch uns in sein Gegenteil verwandeln, soll eine veredelnde Wirkung auf uns ausüben. Nannte man uns früher das „Volk s der Bibel", das „Volk der Religion", soll man uns in Zukunft! das „Volk des Charakters" heißen. Das erreichen wir nur dann, wenn wir Jahrzehnt um Jahrzehnt an uns selber arbeiten, wenn es wie eine innere Offenbarung von Seele zu Seele geht: „Niemand soll behaupten dürfen, wir sind ausgeschlossen worden, weil wir in ethischer Beziehung niedriger stehen." Ein Beispiel müssen wir Juden werden für wahrhaftigen Charakter, für selbstloses, gerechtes Handeln, für anständige Gesinnung, für diskretes Benehmen. Wir müssen streng werden gegen uns selber und streng gegen unsere Glaubensbrüder, denn uns Juden fehlt noch viel dazu, um ein nachnahmenswertes Beispiel zu werden. Das aber muß unser unerläßliches Ziel sein — die „Politik der Juden". Schon der jüdische Schüler soll es in seiner Jugend immer und immer wieder hören, er muß sich durch seinen Charakter auszeichnen. Ja, er muß dazu erzogen werden, jeden Verkehr mit einem Menschen aufzugeben, dem nicht die Lauterkeit der Gesinnung und die Geradheit des Wesens das höchste Ziel sind. Wie es jüdische Turn- und jüdische Literaturvereine gibt, sollte man besonders ethische Vereine gründen, damit wir die unjüdischen Eigenschaften ablegen, die wir in der Ghettozeit annehmen mußten. Das Wort „Jude" muß seinen schönen, vollen Klang nicht nur in unseren Ohren haben; alle Welt soll durch uns umlernen, daß „Jude" fein gleichbedeutend ist mit dem Streben nach einem vollkommenen Charakter. Sind wir groß an Zahl und groß an Seele, so bleiben wir bestehen, so brauchen wir keine politische Konstellation z» fürchten, so sind wir im schlimmsten Fall stark genug, uns mutig zu wehren. Dir Wochr. Berlin, den 6. Juli 1915. chon hat der zwölfte Monat dieses entsetzlichen, wenn auch für uns bis jetzt glorreichen Krieges begonnen. Auch die verflossene Woche war reich an großen Erfolgen. Die verbündeten deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen sind unaufhaltsam in ihrem Vormarsch gewesen und haben unendliche Beute davongetragen. Die Zahl der Gefangenen des Monats Juni ist geradezu enorm und die gemachte Beute so riesengroß, daß man in der Tat staunen muß, wie Rußland bei diesen alles Maß überschreitenden Einbußen noch immer über neue Hilfskräfte verfügt. Ebenso erstaunlich ist der Widerstand, den die Russen an vielen Orten leisten. Und doch hat man bei dem fluchtähnlichen Rückzug an vielen Stellen und dem ständigen, freilich unter den erbittertsten Kämpfen erfolgenden Zurückweichen an anderen Orten den Eindruck, daß ihre Kraft allmählich erlahmt, und daß trotz der ungeheuren Menschenmengen, über die Rußland ungeachtet der enormen gar nicht abzuschätzenden Verluste gebietet, und die das Zaren reich befähigt, die Lücken immer wieder auszufüllen, über kur oder lang versagen muß. Ungemein wichtig ist auch, daß in Italien, wo sich di> Oesterreicher, in Frankreich und Belgien, wo sich di> Deutschen auf die Defensive beschränken, die vier gegen uns ii Waffen stehenden Mächte, Italien, Belgien, Frankreich uni England, keinen Schritt vorwärts gekommen sind. Im Gegen teil. Die Verluste der Italiener bei den wiederholten Angriffe!' am Jsonzofluß sind außerordentlich. Selbst die Zahl der ge fangenen Franzosen ist im Laufe der letzten Woche eine rech erhebliche gewesen bei dem einzigen Male, daß die Deutscher selbst einen kräftigen Vorstoß unternahmen. Das Erfreulichste aber an dieser ganzen Sache besteht darin daß die Gegner furchtbar kleinlaut werden. In Italien ist'eirecht still geworden. Es hat zwar den Anschein (darauf lasten Nachrichten über die Reise des Ministers Salandra an dir

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