Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1915)
- Date
- 1915-07-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 9. Juli l9l5 70. Jahrgang Nr. 28 Allgemeine eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse i Diese Zeitung erscheint wöchentlich.! A bonnements«pre>s: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32<t. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Phiiippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adreffe: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums^ Berlin SW, Ierusalemer Straße ^6-^9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. ITflftÄft* Iudenpolitik und Politik der Juden. Von Rabbiner Dr. Gelles, Lissa. — DieW oche. — I. B. Lamm. Von L. G. — Kriegsliteratur. Von Ludwig Geiger. — Tie „Wohltaten" des Hauses Romanow. Von Leo Schein haus. — Von der Aja Sofia bis zur Synagoge. — Feuilleton: Der lange Rock. Roman von Anna Goldschmidt. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Breslau, Leipzig. Schwerin i. M., Hörde, Schönebeck, Frankfurt a. M., Wien, Budapest, Salonoki. — Von Nah und Fern. Iudenpolitik und Politik der Juden. Von Rabbiner Dr. Gelles, Lissa. einrich Heine sagte einmal, wenn es nur ein Häuflein Juden gäbe, das an einem versteckten Winkel der Erde wohnte, würden sich die Gebildeten aller Völker aufmachen, um diese lebenden Zeugen einer uralten Kultur zu schauen; da sie sich aber in großen Massen unter allen Nationen aufhalten, geht man an ihnen vorüber, ohne sie zu achten. So ganz entspricht dieses Wort Heines nicht der Wahrheit. Wer da weiß, was die •- im Verhältnis zu allen anderen Völkern — so wenigen Juden der Welt schon zu schaffen machten, könnte gar leicht zu dem Ergebnis gelangen, man schenkt ihnen zu viel Beachtung, man kümmert sich zu sehr um sie, ist überall und immer zu schnell dabei, den „Juden" als solchen von allen anderen Menschen zu unterscheiden. Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollten wir den historischen Nachweis führen, daß das Wort „Jude" im Laufe der Zeit das internationale Signal für unsere Verfolgung geworden ist. Ist es doch eine psychologische Tatsache, daß das Wort „Jude" im Munde eines Nichtjuden unsere ohnehin schon große Empfindlichkeit noch mehr gereizt 1«t. Erst die letzten Jahrzehnte, die ein allseitiges Erstarken t>es Judentums aufweisen, haben auch hierin eine Umwandung unserer Seele bewirkt, und wer uns heute Jude „schimpft", Bst in uns nur das Gefühl des Stolzes aus. An sich wäre es nicht sonderbar, daß sich die jüdische Gemeinschaft von wenig freundlich gesinnten Völkern umgeben iah; finden wir doch kaum eine Nation, von der man schlechthin sagen könnte, sie hätte keine Feinde, Wenn wir genauer Hinblicken, entdecken wir, daß gerade das Bewußtsein, in der Hand andever nur Objekt zu sein, die Staaten dazu veranlaßt, immer mehr und mehr Subjekt zu werden oder — um es mit anderen Worten zu sagen — sich die politischen Lebensbedingungen nicht von anderen diktieren zu lassen, sondern sie selber zu diktieren. Um aber solches tun zu können, muß man innerlich einig sein, nach außen hin eine Gemeinschaft bilden und als solche vertreten sein. Daß die Einigkeit im Innern und die gemeinsame Vertretung aller Juden nach außen fehlen, machte die „Politik der Juden" stets zu einer tragischen. Aber auch die „Judenpolitik" unterscheidet sich sehr von jeder anderen Politik. Sie läßt sich nicht von großen, staatsmännischen Ideen leiten, von Gedanken, die Gemeingut der größten Politiker aller Länder sind, sondern von niedrigen Leidenschaften. Und wenn es eine Wahrheit ist, was einst ein großer Staatsmann sagte: „In der Politik gibt es keine Moral," so haben wir den klassischen Beweis für dieses Wort in der „Judenpolitik". Das Unmoralische der „Judenpolitik" liegt nicht nur in ihren Mitteln und Zielen, sondern auch in ihrem Versuch, sich moralisch zu rechtfertigen. Man denke nur an die vielen grobsinnlichen Beschuldigungen, die man im Mittelalter gegen uns erhob, an die Verdächtigungen psychischer Art, mit denen man uns in neuester Zeit bekämpft. Immer und immer ist es das Streben, sich und anderen einen rechtlichen Grund für den Judenhaß zu suggerieren. Es wird sicher einmal eine Zeit kommen, in der man die „Judenpolitik" als Maßstab an einen Staat anlegen wird, um die Höhe seiner Kultur sestzustellen. Vorläufig sind wir Juden leider noch immer die einzigen, die diesen Gradmesser gebrauchen. In dem großen, wissenschaftlichen Streit, der um die Vererbungstheorie entbrannte, hörte man viel von dem psychologischen Gesetz: „Funktionen schassen sich Organe." Auf die „hohe Politik" übertragen, können wir betonen, daß die Funktionen des durch Vererbung übernommenen Judenhasses gleichfalls ihre Organe sich geschaffen haben, und zwar im Staate selber. Wie sehr ein solcher Staat auf die Dauer unhaltbar ist, wie sehr er auf seinen eigenen Untergang hinarbeitet, lehrt die Geschichte Spaniens. Zu Recht besteht noch immer die Lehre des Aristoteles, daß der Staat in der Erziehung des Volkes zur Tugend seine Hauptaufgabe erblicken, daß er entgegenkommen müsse dem Verlangen der Menschen, sich einander anzuschließen (ocvSpioTto; cp63si -'iXtrr/.ov £<j>c.v), daß er keine Daseinsberechtigung habe, wenn er Haß und Zwietracht säe und erhalte, anstatt die Glückseligkeit der Bürger in einer vollkommenen Gemeinschaft des Lebens zu fördern. Aber die Staaten — und darin liegt das Unmoralische einer jeden Politik - - richten sich nicht nach philosophischen Maximen, sondern nach Opportunitätsgründen, und nichts schwankt mehr als das Ziel der Politik. Bei eingehender Betrachtung der „Iudenpolitik" kommt man zu dem Ergebnis, daß sie in den verschiedensten Ländern die verschiedensten Gestalten hat. Je höher ein Land in der allgemeinen Bildung steht, desto tiefer sitzt der Antisemitismus in der ganzen Bevölkerung. Je niedriger die allgemeine Bildung eines Landes ist, desto mehr ist der Antisemitismus nur ein politisches Instrument in der Hand weniger. Was haben wir nicht in unserem deutschen Vaterland vor dem Krieg gegen den Judenhaß kämpfen müssen: auf Schritt lind Tritt begegneten wir ihm, bald zeigte er uns ein politisches, bald ein gesellschaftliches Antlitz, bald war er religiös, bald wirtschaftlich, obwohl doch ohne Zweifel das deutsche Volk das gebildetste ist. In Rußland dagegen ist der Antisemitisinus trotz aller