Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1915)
- Date
- 1915-07-02
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Sydow, ferner Abgesandte aus dem Kriegsminist-erium und dem Reichsmari neamt. Die industriellen Werke nicht allein Groß-Berlins, sondern ganz Deutschlands waren durch ihre leitenden Männer vertreten. Aus der Finanzwelt sah man die weiter unserer großen Bank- und Handelsinstitute. Ferner waren als Vertreter der Stadt Berlin Oberbürgermeister Mermuth und Bürgermeister Tr. Re icke sowie Geheimer Justizrat Cassel nebst vielen Stadtverordneten erschienen. Ter Zweckverband Groß-Berlin war durch Professor Giese. der Zentralverband vom Roten Kreuz durch Generalleutnant v. Schüler vertreten. Trauerklänge eines Trompeterkorps eröffneten um 11 Uhr die Feier. Dann trat Tr. Walter R a t h e n a u an die Bahre seines entschlafenen Vaters. Er zergliederte das Wesen des Dahingegangenen, indem er aussührte, wie Emil Rathenau die vier entscheidenden Gaben, des Menschen: Einfalt, Wahrheit, Schauen und Liebe, verliehen waren. Er schloß mit dem Segensspruch „Der Herr segne dich und behüte dich" und ließ dabei anklingen, daß der Vater dem Glauben seiner Väter treu geblieben war. Es folgte eine Reihe von Kranzdeputationen, die mit kurzen Ansprachen Lorbeerzweige niederlegten, so Franz v. Mendelssohn für die Berliner Handelskammer, Dr. Meyer für den Verein deutscher Ingenieure, Professor Klingenberg für den- Verband deutscher Techniker, Geheimer Baurat Max Krause für den Verein zur Beförderung des Gewerbefleißes und der Bürger-, meister der Gemeinde Oberschöneweide, deren Ehrenbürger Rathenau gewesen. Abermals ertönte Trauermusik. Die Feuerwohr der Kabelwerke zog in die Halle und faßte vor dem Sarge Posto: ein kurzes Kommandowort, und sie hob den Sarg aus die Schultern, um ihn hinauszutragen. Unter Voranführung von Fahnen und Emblemen ging es durch das Spalier der Arbeiter über die Rathenaustraße zum Friedhof, während von den Kirchtürmen der Gemeinde die Glocken läuteten. Am Grabe sprach Rabbiner Dr. Weiße ein mit Worten der Erinnerung an die großen Wesenseigenschaften des Verstorbenen verflochtenes Gebet. Dann erfolgte die Beisetzung in dem von Alfred Messel erbauten Erbbegräbnis, das, in alttestamentarischem Charakter gehalten, noch späteren Geschlechtern kündigen wird, daß hier ein seinem Väterglauben treu gebliebener ruhmgekrönter Sohn Israels ruht. — Aus Anlaß des Hinscheidens des Geheimrats R a t h e n a u sind bei den Hinterbliebenen zahlreiche Telegramme eingegangen: Der Kaiser sandte folgendes Telegramm: Ich nehme an dem schweren Verlust, den Sie und die Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft durch den Tod Ihres von nur hochgeschätzten Vaters erlitten haben, wärmsten Anteil und spreche Ihnen und den übrigen Hinterbliebenen rnein herzliches Beileid aus. Was der Verewigte in seinem arbeits- und erfolgreichen Leben auf dem Gebiete der elektrischen Industrie geschaffen hat, sichert ihm ein unvergängliches Ruhmesblatt in der Geschichte der deutschen Industrie und Technik. Ich werde seiner charaktervollen Persönlichkeit stets gern gedenken. Wilhelm I. R. - Der Reichskanzler depeschierte: In Ihrem Vater verliert das neue Deutschland einen der größten und erfolgreichsten Vorkämpfer der industriellen, wirtschaftlichen und organisatorischen Stärke, die sich in diesem Weltkampfe stolz neben die Ruhmestaten unseres Heeres und unserer Flotte stellen kann. Sein Andenken wird unvergessen bleiben. Ich sage Ihnen meine aufrichtigste herzlichste Teilnahme und bitte Sie, deren auch Ihrer Frau Mutter zu versichern. Bethmann Hollweg. — Des ferneren gingen Beileidsdepeschen ein vom Staatsminister v. Breitenbach, vom Handelsnünister S h d o w , vom Fürsten B ü l o w , von den Staatsministern v. L o eb ell, v. J ago w, Dr. H elf f er ich, von dem Staatssekretär Dr. Sols und von dem Reichsbankpräsidenteu H a v e n st e i n. 2XD Berlin, 29. Juni. Am Sonntag, den 27. d. M., fand im Bureau des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, Berlin, Steglitzer Straße 9, unter dem Vorsitz des Herrn Geh. Justizrats Timendorfer die 7. Jahresversammlung des Vereins „Israelitische Erziehungsanstalt für geistig, zurückgebliebene Kinder W i l h e l m - A u g u ste - V i k t o r i a -- S t i f tu n g" in Beelitz statt. Aus dem Berichte für das verflossene Jahr ergibt sich aufs neue, daß die Anstalt, deren bisherige Räume mit 33 Knaben und 12 Mädchen voll beseht war, einem dringenden Bedürfnis entspricht. Ein als Lehrlingsabteilung gedachter Anbau des Knabenflügels, der neben den für seinen Sonderzweck notwendigen Räumen noch der Aufnahme von weiteren 14 Zöglingen dienen kann, soll, da Zurzeit Mangel an Handwerksmeistern ist, mit jüngeren Zöglingen belegt werden. Bereits liegen zehn geeignete Anmeldungen vor, und schon in der nächsten Woche wird die Uebersührung der neuen Insassen erfolgen. Eine große Arbeitslast liegt, da beide Hilfslehrer eingezogen und pädagogische Hilfskräfte nicht zu beschaffen sind, auf den Schultern des Jnspektorpaares. Eine zweite Schwierigkeit erwächst auf finanziellem Gebiete. Durch den Neubau, der ca. 40 000 Mark beansprucht, ist das Vermögen des Zungen Vereins zum größten Teil aufgezehrt und die für den jetzt besonders teuren Anstaltsbetrieb so notwendigen Zinseinnahmen fallen fort. Dazu kommt, daß durch die Zeitverhältnisse dem Verein eine Anzahl von Mitgliedern verlorengegangen ist und daß die Angehörigen der Zöglinge sich vielfach außerstande erklären, die Verpflegungsbeiträge zu leisten. Unter diesen Umständen ist es dringend erwünscht, daß dem seiner schweren Aufgabe in erhöhtem Maße genügenden Verein neue Gönner erwachsen, die ihn durch größere Zuwendungen in den Stand setzen, seine Wohltaten nicht nur den 60 unglücklichen Kindern — so groß wird in kürzester Zeit die Zahl der Anstaltszöglinge sein —, sondern auch deren bedauernswerten Angehörigen zugute kommen zu lassen. Berlin, 29. Juni. Wir erhalten mit der Bitte um Veröffentlichung folgenden A u f r u f: Das im Einvernehmen mit dem „Deutschen Komitee für Sammlungen zugunsten des Roten Halbmonds" gegründete jüdische Hilfskomitee „Roter Halbmond" hat im Kreise der deutschen Juden über 100 000 Mark aufgebracht. Dieser Fonds wurde zum Ankauf von Sanitätsartikeln nach den Wünschen der Zentrale des „Roten Halbmondes" verwendet. Das angekaufte Material wird demnächst in einem Sonderzuge nach Konstantinopel überführt werden. Diese Gelegenheit dürfte weiteren Kreisen willkommenen Anlaß bieten, dem uns verbündeten tapferen türkischen Heere, in dessen Reihen auch viele deutsche Soldaten und Seeleute kämpfen, weitere Gaben und Spenden zukommen zu lassen. Das Unterzeichnete Komitee spricht daher die dringende Bitte aus, Liebesgaben jeder Art für die türkische Armee und Marine ihm zur Verfügung stellen zu wollen, die mit dem voraussichtlich Anfang Juli abgehenden Sonderzuge nach Konstantinopel mitgenommen werden können. Besonders erwünscht sind — laut Angabe der türkischen Behörden — folgende Gegenstände: Obst-, Gemüse-, Fisch- und Fleischk o n s e r v e n (mit Ausnahme von Schweinefleisch), Dauerzlvieback, Leibwäsche, Trikotagen, Schokolade. Bon Tabakwaren nur Zigaretten. Für die deutschen Soldaten in der Türkei kämen auch geistige Getränke und Zigarren in Betracht. Alle Gaben sind portofrei zu richten au die Adresse des Vorsitzenden des jüdischen „Hilfskomitees Roter Halbmond" Kommerzienrat G e r s o n Simon, in Firma Jacob u. Richter, Berlin SW 19, Kommandantenstraße 85/86, mit der Bezeichnung: „Für den Roten Halbmond". Weitere ebenfalls noch dringend erwünschte Geldspenden sind zu richten au das Bankhaus Veit, S e l b e r g u. Cie., Berlin W 8, Französische Straße 49 (Postscheckkonto: Berlin Nr. 4396 „Für Roter Halbmond"). Ein Bericht über sämtliche Gaben und Spenden wird in der Zeitschrift „Der Orient" veröffentlicht werden, die nach Abschluß der Tätigkeit des Komitees jedem einzelnen Spender zugehen wird. G. Tost O./S., 25. Juni. Eine ehrenvolle Auszeichnung wurde der Frau des hiesigen Hotelbesitzers und Weingroßhändlers K o r n b l u in zuteil. Für ihre verdienstvolle Tätigkeit in der Kriegssürsorge wurde ihr jüngst die silberne österreichische Ehrenmedaille vom Roten Kreuz mit Kriegsdekoration verliehen. Unter den zahlreichen (348) Offizieren der deutschen und österreichischen Armee, die vor dem Einmarsch in Polen die Gastfreundschaft des K.schen Hauses genossen, befindet sich auch u. a. der Sieger der Winterschlacht in Masuren, Generalmajor v. Below, von dessen Hand ein paar liebenswürdige Gedenkzeilen das Fremdenbuch ihres Hauses zieren. B. Schwersenz, 25. Juni. Am 12. d. M. starb Frau Röschen Kaatz von hier, eine typische Frauenerscheinung in der Art, wie sie für sämtliche Institutionen des Judentums eintrat und dahin allzeit wirkte, daß diese auch durch unsere Gemeindemitglieder gefördert wurden. So hat sie hier ein ganzes Menschenalter gewirkt. Edel, hilfreich und gut, wie sie war, haben Arme und Bedrängte immer in ihrem Hause eine Zufluchtsstätte gefunden, die sie für einige Zeit ihr Elend vergessen ließ. Die