Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1915)
- Date
- 1915-07-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229205--71442-3283782- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
79. Jahrgang Nr. 27 Berlin, 2. Juli 1915 Der Gemeindebote. Vellage zur „Allgemeinen Leitung deß Judentums. korrelpondkn?rn und Nachrichten. Leutschlsnd. E. R. Berlin, 27. Juni. Tie Verhandlungen der heutigen Sitzung der Nepräfentnntenversanunluug wurden von: Vorsitzenden Direktor Tr. Nt i n d e n tute folgt eingeleitet: „Ich muß leider die heutige Sitzung mit einer traurigen Mitteilung eröffnen. Ter Seminarlehrer Herr Leutnant Sender, Inhaber des Eisernen Kreuzes zweiter und erster Klasse, ist -ans dem Felde der Ehre gefallen. Er war ein vorzüglicher Mensch, das beweisen auch die Briefe, die er an uns geschrieben. So wie wir Inden seilte Auszeichnung mitetnpfunden haben, so schmerzlich berührt uns auch sein Tod/ Das Andenken des Gerechten sei zum Segen. Ich danke Ihnen, meine Herren, daß Sie sich von Ihren Sitzen erhoben haben. Deut Traurigett möge jetzt etwas Freudiges folgen. Frau -K o s a S a ch s , die Gattin unseres unvergeßlichen Loui s Sachs, schreibt mir: „Altgeregt durch dell vott Ihnen den Nepräseutallten übergebenelt künstlerischen Schmuck (der Große Kurfürst) für den Sitzungssaal habe ich ebenfalls die Bildnisse Kaiser Wilheltns II. und Kaiser Friedrichs IR. votr Herrn Pleßner arffertigelt lasselt. Der Bronzeguß wird erst nach dein Kriege stattsittdeu. Ursprünglich sollte es eine Ueberraschung zum 70. Geburtstag (6. Juli 1915) meines Gatten sein. Gott hat es anders beschlossen." In Ihrem Auftrag werde ich der Frau Rosa Sachs danken. - Meine Herren! Morgen jährt sich der Tag, an loelcheln der österreichische Thronfolger in Serajewo, der Stadt, in welcher Jllden, Sephardim itnd Aschkenasim, in Eintracht mit ihren Glanbensbrüdern ultd attderen Konfessionen gelebt haben, durch Meuchelmord dahingerasit wurde. Was haben wir in dieser Zeit alles erlebt! Tausende von Kriegern Haben ihr Leben lassen müssen, viele sind an ihren Gliedern verstümmelt worden. Gekämpft tuitrbe mit einer neuen Waffe, der Berkentudung. Uns Juden ist das allerdings nichts Nettes. Wir aber leben der Ueberzeugung, daß alles ztr einem herrlichen Siege führen tvird! — Ich habe noch mitzuteilen, daß auch unser Kollege Herr Aron Hirsch die Porträts Friedrich Wilhelms III. und Friedrich Wilhelms IV. uns zum Geschenk gentacht hat. Diese werden ebenfalls nach detn Kriege in Bronze gegossen werden. Sie sittd in detn Atelier des Bildhauers Herrn Pleßner ausgestellt. Wir danken Herrn Hirsch herzlich." — Sodann folgte eine einstüttdige geheinte Sitzung. Um 12 Uhr wurde die Oeffentlichkeit wieder hergestellt. Die Versammlung beschließt zunächst die Annahme folgender Zmoendungen: die Erbschaft des verstorbenen Kaufmanns Samuel Schreiber vott etwa 96 009 Mark, die Miterbschaft des verstorbenen Ntaschiltenmeisters Karl Friedrich Adolf Schalter zugunsten der Fürsorgekolltntission voll ungefähr 4000 Mark; von Herrn Geheimen Kommerzienrat Sigmund Aschrott den Betrag von 25 000 Mark zu wohltätigen Zwecken; von Frau Rosalie Wittner 375 Mark zu Grabespflege. — Eingegangen ist ein Antrag von Herrn Adolf L e \v i n s k i: die Bestimmung, diejenigen Mitglieder der Gemeinde vent Wahlrecht ausznschließen, toelche drei Jahre ntit den Steuern tut Rückstände sind, für dieienigen aufzuheben, toelche zum Heere einberusen sind, währntd dieser Zeit ihre Stettern nicht bezahlen und auch, nach ihrer Rückkehr nicht imstande sind, die angesamutelten Steuer-, rückstände zu begleichert. Vott seiten des Vorstandes erklärt Herr Syndikus Lilienthal: Ter Antrag sei sehr sympathisch. Die Erfüllung des Wunsches habe erhebliche Schtvierigkeiten und fordere eine Aenderung des Gesetzes. Der Vorstand lverde aber nichts unterlassen, dem Wunsche Rechnung ztl tragen. — Die Satzungen für die traschruth-Kommission tverden mit einigen unwesentlichen Aenderungen angenommen. — Beschlossen wird, daß denjenigen Hilfskräften im Genleindebureau, die während der Kriegszeit zur Vertretung in gehobelte Stellungen eingestellt tverden, höhere Bezüge getvährt tuerben können, als in der Besoldungsordnnng für Diätare vorgesehen ist. — An Stelle des Herrn Karl Chrambach tvird als Rendant des Schnl- und Talmud-Thora-Vorstandes Herr Sally B e e r, Altonaer Straße 6, gewählt, an Stelle des ausgeschiodetten Gemeindetnitgliedes der Armenkommission Herrn Georg Seckelsohn Herr Ernst Kohn, Spandauer Straße 29. — Die Berichte über die Revision der Kassen und der Speisung der Gefangenen am Pessachfeste sowie der Rechnungsabschluß der Kontlnission für bauliche Angelegenheiten erhalten Enttastltllg. - - Herr Dr. G i n s b e r g referiert über den Religionsunterricht amKallmorgenschen Lyzeum. Er spricht seine Freude darüber atts, daß jetzt so vielfach Religionsunterricht erteilt wird: erbittet, einetl Beitrag von 480 M. jährlich ztl bewilligen ntit der Bestimmung: die Lehrkraft darf nur von der jüdischett Gemeinde präsentiert werden, der Schulvorstcherin tvird zur Pflicht gentacht, kein besonderes Schulgeld für den Unterricht zu erheben. — Für die Erneuertulg des Kessels in der Wäscherei des Hospitals tverden 885,25 M. nachträglich bewilligt. — Ueber die Erhöhung des Borgartengitters der Synagoge Levehowstraße referiert Herr Emil P i n c u s. Auf dem Gotteshaufe ruhe ein besonderer Unglücksstern. Vor 1A Jahren ist es eröffnet ltnb jetzt schon Reparaturen halber geschlossen. Ueber das Vorgartengitter sind 2 Damen gestrauchelt. Herr Gewerberat Plottke bittet, doch ettvas mehr auf die Bauleitung ztl achten ltnd bei Ausführung des Gitters nicht zu sparen, leider sei ztl viel gespart worden. Die Decke ist schadhaft, eilt Stück Putz ist heruntergefallen. Die Versammlung bewilligt 2900 Nt. — Gemietet tverden die Wiltnersdvrfer Festsäle zur Veranstaltung von Haupt- und Jugendgottesdienst an ben hohen Feiertagen für 2000 M. Als Beitrag zu den Kosten für die Entsendung von drei weiteren jüdischen Feldgeistlichen tverden getvährt 961 Nt. 38 Pf. für Altsrüstung, 1280 M. 84 Pf. für bereits gezahlte Feldzttlage und lausend 480 Ni. 91 Pf. monatlich für die Datier des Krieges an den Verband der deutschen Juden. - Die Bewilligung eines eimnaligen Zuschusses für Ferienkolonien jüdischer Kinder att ben Verein für Ferienkolonien, 1300 M. im ganzen, erfolgt. — Herr Jnstizrat Ignatz E oh n teilt mit, daß in Ausführung des Gedankens des Gemeindevorstandes, für alle Mitglieder der Gemeinde zu sorgen, die Synagoge in der Pestalozzistraße in Gemeindebesitz übergegangen ist. Der Rittts tvird derselbe wie in der Synagoge Heidereutergasse sein. Somit ist beit Konservativen der dortigen Gegend Genüge getan. Herr Dir. Minden stellt auch in diesem Falle die Einmütigkeit der Versamntlltng fest. — Ueber die Gestaltung des Jngeudgottesdienstes nach altem Ritus bemerkt Herr Professor B l a s ch k e: Auf seine Anfrage, ob dieser Gottesdienst für Knaben und Mädchen sei, habe Herr Rabbiner Tr. Petnchowski bejahend geanttvortet, die Altersgrettze sei von 12—17 Jahren. Herr Professor Blaschke spricht darüber sein Bedenken ans, es müsse eilt sehr geschickter Prediger sein, der da beit richtigen Ton treffe. Er liest eilt deutsches Gebet vor: „Wir haben keinen Tempel und könnetl kein Opfer bringen", statt dessen bitte er zu setzert: „Wir bringen keilt Opfer!" Auch im Mincha-Gebet am Jom Kippur bitte er Livikicus Kap. 19 zu lesen. Bei Kapitel 18 stellen pädagogische Bedenken die religiösen in den Schatten. Auch Pansen von 20 Minuten vor der Predigt, währettd die Thorarollen auf dein Betpnlt liegen, halte er für ullgeeignet. Herr Emil Pincus hält Pausen von einer halben Stltnde nach deut Morgengebet für überflüssig. Die ltitcl) konservativer Vorschrift erzogenen Kinder sind gewöhnt, länger im Gotteshanse ztl verweilen. Inzwischen ist ein Antrag von Herrn Geheimrat Bl tt nt enthal eingegangen, für die Thora-Vorlesung zu Mincha am Versöhnuugstage unbedingt Kap. 19 festzusetzen. Schließlich einigt man sich, die Ausführung dieses Jugendgottesdienstes dem Gemeindevorstand zu überlassen. Hieraus schliefst Herr Direktor Dr. Minden die Sitzung mit tief empfundenen Worten. Auch in dieser ernsten Zeit, betont er, haben Vorstand und Repräsentanten vollkommen ihre Pflicht getan. Die Einberufung der Repräsentalttenversammlnltg während der Ferienzeit ist nicht ausgeschlossen. Berlin, 29. Juni. Auf dem interkonfessionellen Friedhof zu Oberschöneweide wurde am 23. d. M. Emil Rathen au unter sehr großer Beteiligung zu Grabe getragen. In einer der beiden Werkstätten der AEG stand die sterbliche Hülle des Entschlafenen aufgebahrt. Frisches Grün umrankte die Wände, die zahlreiche Kränze schmückten. An der Nordseite der Halle türmte sich ein Hügel prächtiger Blumen. Hier stand der Sarg auf einem erhabenen Podest. Rings an den Wänden grüßten Banner und Fahnen, die herangetragen waren von Abordnungen der großen industriellen Anlagen Berlins uttd von den verschiedenen Werkstätten der AEG. An der Spitze der zahlreichen Trauerversammlung bemerkte man neben den Familienangehörigen die Minister v. B r e i t e n b a ch und