Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1915)
- Date
- 1915-07-02
- Page
- Seite 324 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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324 nicht für mich und meinesgleichen, So soll ich hier ewig ohne innere Heimat sein, soll nicht den Boden lieben dürfen, auf dem ich geboren, mit dem ich verwachsen bin? . . . Ihr sagt ^var: Ihr gebt dem Land, in das euch das Schicksal gesetzt hat, das, was ihr ihm schuldig seid. Hier klafft doch aber eine Lücke, Iosua? Ein Vaterland kann man doch nur haben. Entweder das dort, das nur nicht kennen und wohl nieinals sehen werden, oder das hier, in dem wir geboren sind? . . . Ich habe das Judentum durch dich kennen gelernt und den Zionismus. Und du hast mich gelehrt, das eine sei das andere. Wie kommt das, Iosua? Hier sehe ich doch einen Inden, einen denkenden, begeisterten Juden, der kein Zionist ist? Den.1913. Ich weiß, warum Mutter so lieb ist, daß ich unseren Haushalt koscher einrichten null. Sie denkt, der liebe Gott wird dann seine Insassen, besonders den Hausherrn, mit wohlwollenderen Blicken betrachten, ihm eine größere Praxis und eine festere Gesundheit schenken. Die Mutter ist fromm, unglaublich gewissenhaft. Ich glaube, Schwager Adolph verziehe leichter eine kleine Abweichung von den Vorschriften als sie. Aber sie hat ein eigenartiges Verhältnis zu Gott, soweit ich heraushöre. Sie fürchtet ihn im wahrsten Sinne des Wortes und sucht, ihn bei guter Laune zu erhalten. Adolph hat ihr nach einer Unterredung mit dem Arzt dringend geraten, dieses Jahr Jomkippur nicht zu fasten. Aber sie hat es doch getan. Sie hat die feste Meinung, wenn sie den lieben Gott nicht gehorcht, bis ins kleinste gehorcht, dann straft er sie an ihrer empfindlichsten Stelle, an ihren Kindern. Sv kommt mir Mutters ganze Religiosität manchmal wie ein Kalifvertrag mit ihrem Herrgott vor. „Ich tue das für dich; nun tu du auch das für mich!" Ten Menschen gegenüber verpflichtet sie ihre Frömmigkeit zu nichts. Ich finde, Mutter ist ziemlich hart, wenn andere ein Unglück trifft. Mir schien sie fast erbittert gegen das Wohltätigkeitskomitee, das mit einem Gesuch um Unterstützlmg an sie herantrat, just, als habe es sich nicht zum Besten der Ueberschlvenlinten zlisaiilinengetan, sondern aus eitel Bosheit, um ihr das Geld aus der Tasche zu ziehen. Aber deul Schächter und dein Schammes schickt sie alle Rauschhaschvnvh ein Bestimmtes. Das gehört wieder zu ihrem Kalifvertrag. Es gibt so viele Arten von Frömmigkeit. Den.1913. Nun kenne ich auch schon den Edersleber Bekanntenkreis. Ich bewundere meinen Schwager, wie er diese Leute so inilde, mit einer gewissen bescheidenen Höflichkeit erträgt. Ich finde, die danken es dem gar nicht so. Gestern der dicke Viehhändler, mit dem Mutter und Selma so viel hermachten, sprach in einem Ton zu Adolph, der mich empörte. Ich weiß ilicht, so laut, so übersicher. Ich machte ihm daraus ein etwas hochmütiges Gesicht, das wieder Mutter und Selma nicht recht zil sein schien. Ich fand sie viel zu liebenswürdig zll dem dicken, ungebildeten Mann, der so selbstgefällig alle möglichen geschäftlichen Spitzfindigkeiten von sich erzählte, die alle darauf hinausliefen, daß er der einzige Schlaukopf ist und die Gutsbesitzer und Schlächter, mit denen er zu tun hat, die Idioten sind. Mir war ganz übel von dem Mann. Den.1913. Herr Louis Friedberg, das Ekel, das ich vorigen Sonnabend keilneillernte, ist der Mann von Selmas bester Freundin. Die Frau ist annehmbarer als er. Ihr verkafferter Anzug und ein gelvisses angenehmes Phlegma beruhigt über die plumpen Brillanten an Ohren und Händen. Wenn Herr Louis und Frau Betty da waren, sind meine Schwiegermutter und Selma jedesmal ein bißchen verstimmt. „Betty hat eine glänzende Partie gemacht," haben sie mir beide schon dreimal mit einem kleinen Seufzer erzählt. „Und sie hat nur zehntausend mitgekriegt." Selmas Mitgift betrug nämlich 15 000, wie mir die Schwiegermama nun des öfteren berichtet hat. In mir empört sich etwas, das für meinen Schwager Partei nimmt. Wie kann man die beiden Männer nur in einem Atem nennen! Ich finde, Adolph wird längst nicht genug anerkannt, auch nicht von seiner Gemeinde. Bei diesem dicken Viehhändler, der nur von unreellen Drehereien zu prahlen weiß, die er als Kapitalwitze zum besten gibt, fällt es mir am unangenehmsten auf. Aber ich finde auch sonst, die jüdischen Herren könnten dreist den Hut etwas tiefer vor ihm ziehen. Die christlichen Edersleber scheinen ihn besser zu schätzen zu wissen. Sie geben ihm alle möglichen Vertrauensposten, und aus jedem Gruß, ober wenn der oder jener Nachbar ihn anspricht, merkt man, wie beliebt er ist und tvieviel persönliche Achtung er genießt. Wie kommt es, daß die Inden ihre Beamten nicht besser behandeln? Sogar hier in Edersleben, wo Adolph doch, wie meine Schwiegermutter noch heute nicht ohne leisen Vorwurf gegen seine bescheidene Stellung betont, „in so eine bekowete Familie hineingeheiratet hat". Mutter, findest du es wirklich, Selma ist hinabgestiegen? Ach, du großer Himmel! Nun ja, wenn da, wo Herr Louis Friedberg sitzt, oben ist, sitzt Adolph Kaufmann freilich unten. Aber sonst? — Ich wundere mich noch immer im stillen, daß Adolph so zufrieden, daß er ein so wirklich glücklicher gutjüdischer Ehemann ist. Den.1913. Darin teile ich Adolphs Schicksal: auch ich kann mir meiner Schwiegermutter Kind nicht ganz abverdienen. Es ist zu viel des Glückes für mich. Vielleicht macht uns das zu zwei so guten Kameraden, unausgesprochen sogar zu Verbündeten. Der Heymaunsche Familienstolz ist zu groß, die Eigentümlichkeiten, in die sich die Familie eingesponnen hat, zu augenfällig, als daß wir uns beide nicht unendlich viel zu erzählen haben würden, was uns, den Fremden, von außen Gekommenen, ausgefallen sein mußte. Wenn wir nur anfingen! Aber wir fangen nicht an. Wir wissen voneinander, daß wir, jeder für sich, innerlich ein wenig lächeln, sogar auch einmal ein wenig bitter lächeln über den! starren Egoismus, mit dem die Schwiegermama stundenlang z die eigenen Kinder lobt und die Schwiegerkinder nur als ihr i Beiwerk betrachtet. Ein Glück, du lieber, seiner Schwager, daß du auch nicht mit einem Blick aufschautest — schon er hätte den Bann brechen können —, als Mutter dir gestern abend mit Gewalt den Schäl aufpackte für den Heimweg und, da du dich gegen dieses Monstrum der Bekleidungsbranche wehrtest, in einem Ton, der mehr gebieterisch als besorgt klang, sagte: „Da tu ihn doch um bei dem scharfen Wind, Adolph. Du kriegst es wieder in den Hals, und Selma hat doch so genug zu tun". Nein, mit keinem Blick schautest du auf und zu mir hin, du Guter. Wir mokieren uns nicht über unsere Schwiegermntter, wir sind zu anständig dazu. (Fortsetzung folgt.) Lprrchlasl. Wir erhalten folgende Anfrage: Welches jüdische Sanatorium, Nerven- und Spezial-Kehlkopf-Behau-dtun'g, nimmt Soldaten auf? Kriegsteilnehmer 1914/15,