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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-07-02 · Heft 27 (2.7.1915) · p. Seite 323

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 27 (2.7.1915)
Date
1915-07-02
Page
Seite 323 (sequence 11)
Language
German
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328 Bedenken des modernen Menschen werden feinfühlig berücksichtigt, so daß auch der gebildete, anspruchsvolle Leser durch diese Predigten gefesselt werden dürste. Rosemanns Wiener Kriegspredigten und Leimdörfers Neujahrs- Predigt Vereinen vaterländische und religiöse Stimmungen und schlagen kraftvolle Klänge an, die wuchtig ins Gewissen unserer Zeit hineindonnern, ebenso wie die in Prag gehaltene Chanukapredigt von Schwarz und die gedankentiefe Predigt des Frankfurter Rabbiners Nobel: „Der Tag des Kampfes". Zum Vorlesen geeignet durch ihre klare Gedankenführung und einfache, natürliche Sprache sind die Kaiserrede und Kriegspredigt von Bezirksrabbiner Pmkuß, Heidelberg, wie die Kaisersgeburtstagspredigten von Lion Wolff, Tempelburg. Brr lange Kack. Roman von AnnaGoldschmidt. (8. Fortsetzung.) Den.1913. Sonderbar, noch immer hatten wir uns nicht näher kennen gelernt. Er scheint sehr beschäftigt zu sein, der Schwager. Heute abend habe ich mich gar nicht gelangweilt. Ich glaube, das kann einem mit Adolph auch kaum geschehen. Ein Dank wurde nur schnell in Gedanken in die Heimat gesandt, ein Dank an Freund Iosua, der mich ein wenig eingeweiht hat in die Fragen, von denen mein Schwager so warm erfüllt ist wie er. Adolph freute sich, daß ich mich so für die Judenfrage interessierte, daß ich so mancherlei von der Geschichte unseres Volkes wußte. Freilich merke ich erst immer in solchen Augenblicken wieder, wie grausam wenig ich weiß. Wir müssen morgen mehr darüber sprechen. Den..... 1913. Ich will eine gute jüdische Hausfrau werden, weiß es Gott! Eine, die mit keinem Gedanken an etwas anderes denkt als an ihren Mann und später an ihre Kinder, eine, an deren Seelenkleid kein Stäubchen ist. so wie es mir Moritz von seiner Mutter beschrieb, und wie man es ihr auch anmerkt. Ein Hauch von Ehrbarkeit und Wohlanständigkeit weht um sie. Mutter, nimm mich in die Schule. Ich will nicht bös und versteckt und mokant sein, wie ich cs von Natur aus bin, ich. will brav sein und empfänglich für alles Gute, und all die winzigen Nebensachen, deine kleinen Schwächen will ich übersehen. Du warst doch auch einmal jung, aber nicht wahr, du hast nie an einen anderen gedacht als an den, der heute noch wie von einem Thron herabschaut von seinem Ehrenplatz über dem Sofa? „Mein seliger Mann!" Wenn du das sagst, dann liegt alle Liebe, alle Treue, alle Ehrerbietung darin, die du ihm noch über das Grab hinaus erweisest. Mutter, kann man 'das besser, wenn man fromm ist? Ich meine, wenn man alle religiösen Vorschriften hält? Bedingt die Treue in so kleinen Dingen auch Treue im großen? Dann will ich einen frommen Haushalt haben, Mutter. Morgen verspreche ich es dir. Und wenn ich es versprochen habe, dann bin ich gebunden. Es muß doch, esmußdoch Frieden in mir werden. Den.1913. Die Mutter hat sich über meinen Vorsatz sehr gefreut, und sie sagte: „Das merke dir, mein Töchterchen: die ganze Frömmigkeit der jüdischen Frau liegt im Fleischkoschermachen." Darin? nur darin? Gott verzeih mir, ich habe mich entsetzt. Nur das Mechanische: eine halbe Stunde wässern, eine Stunde salzen — das ist alles? Spielt denn die Frau in der jüdischen Religion eine so untergeordnete Rolle? Ach, könnte ich doch heute abend einnral Iosua sprechen, nur einen Augenblick! Wenn meine Schwiegermutter recht hätte, bereute ich heute abend, was ich heute morgen versprochen habe. Den.1913. Heute war ich bei Kaufmanns. Ich traf meine Schwägerin in großer Aufregung. Große Wäsche, schlechtes Trockenwetter, Anmaßungen einer Waschfrau, die die ständigen von Lene weit hinter sich zurückließen — das alles gleich aus dem Korridor —, da tat sich mir die Erlösung auf in Gestalt der Tür, die zu Adolphs kleinem Arbeitszimmerchen führt. Aber bald wurde es groß und weit. Platz genug darin, daß sich mein Herz endlich einmal weiten und dehnen konnte. Bei der Schwiegermama, die immer so schrecklich viel und so Wichtiges zu tun hat, kann es das nicht und bei den Bekannten, denen ich zur Schau gestellt werde, wo wir sie nur treffen, ebensowenig. Aber hier ist es mir, als sei ich in meiner Welt, so sehr sie doch von meiner daheim im Elternhaus verschieden ist. Auch von der, in die mich Iosua hat schauen lassen und Moritz. Der Schwager und ich sind wie zwei alte Kameraden. Ich setzte das Gespräch fort, das ich gestern mit der Mutter gehabt hatte. Von den unendlich vielen zeitraubenden Vorschriften des Rituals, von den Festgeboten und Verboten (so schrecklich viel Verbote!) sprachen wir, die der Mutter so grausam viel Arbeit machen, und die sie mit fast angstvoller Genauigkeit befolgt, so, als seien es eherne Gesetze, deren Sinn ich doch nicht verstehe, und die mir beinah nur dazu angetan erscheinen, dem Menschen Mühsal und Hindernisse in den Weg zu legen. Bei Adolph schauen sie mich ganz anders an. Ich kann mir denken, daß sie, von einem Erinnerungszauber umkleidet, einen tiefen, frommen Reiz für einen behalten können, und daß sie einem bedeutungsvoll bleiben können, schon als Beweise einer wunderbar weit vorausschauenden Weisheit unserer Gesetzgeber. Adolph wird nicht müde, mir ihren tiefen Sinn zu erklären, und immer mußte ich ihm zugeben — sehe ich von dem Heute ab und der rein persönlichen Frage, ob sie ein Heutiger noch halten will oder nicht —, sie bergen so viel feinen Takt und Zartsinn, so viel weise Fürsorge für Körper und Seele, daß man in andächtiges, frommes Staunen versinken muß und sie einem heilig erscheinen können, auch wenn man sie nicht wie Adolph doch sicher (ich habe an diese heikle Frage nicht gerührt) für göttlichen Ursprungs hält. Ein lieber, kluger Mensch ist mein Schwager, mild und gescheit, viel ernster als mein Moritz und nicht so streitbar wie Iosua. Ich habe Iosua viel zu danken. Er hat michaufgerüttelt aus meiner gedankenlosen Dumpfheit und Stumpfheit, mir klargemacht, daß der Standpunkt, auf dem wir standen und lebten, nicht der rechte, daß er überhaupt keiner war. Ich habe vieles verehren gelernt, was ich früher verschämt zudecken zu müssen glaubte, und erröte jetzt über mancherlei, aus dem ich mir früher eine Ehre machte. So weit, Iosua, danke ich dir. Aber du hast mich so ruhelos gemacht, so zwiespältig. Du hast mir so mancherlei gesagt, was ich nicht begreifen, was ich mit all meinen wachen, folgewilligen Sinnen nicht begreifen kann, obgleich du es doch sagst, Iosua, von dem ich so viel und so gern gelernt habe. Man kann nicht zum Frieden kommen bei deiner Lehre, weil du immer sagst, daß man doch halb, doch fremd, doch Gast bleibe, wenn man nicht in dem Land ist, in das zu kommen ich doch keine Möglichkeit sehe. Du auch nicht, wenigstens

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