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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-07-02 · Heft 27 (2.7.1915) · p. Seite 322

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 27 (2.7.1915)
Date
1915-07-02
Page
Seite 322 (sequence 10)
Language
German
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Inhalt, die infolgedessen eine Mischung von Bösem und Gutem ergab. Ein Exemplar der preußischen Gesetzgebung aus den Jahren 1790 und 1797 sür die Juden in Breslau und in den Preußen neu erschlossenen polnischen Provinzen, in polnischer und deutscher Abschrift, auch mit einer russischen Uebersetzung versehen, ist dem — in der handschriftlichen Sammlung der kaiserlich-russischen öffentlichen Bibliothek befindlichen — Derschawinschen Original angeheftet. Der Senator entlehnte weitgehende Reformen auch aus dem Muster dieses Juden-Reglements in Preußen, die Juden zu einem besseren Leben zu erwecken, doch gab er seinem Bericht einen gehässigen Ton. In einem Punkt aber verhielt sich der Senator einigermaßen sympathisch zu den Juden: in der Sache der Aufklärung. In diesem Punkt allein liegt auch die historische Bedeutung der „Meinung" Derschawins, als einer e r st e n Anregung, europäisches Unterrichtswesen zu verbreiten. Er bezog sich unter anderem auf die kulturelle Tätigkeit Mendelssohns und aller jüdischen Gelehrten Deutschlands, die „mit den höchstaufgeklärten Männern Europas gleich stehen". Die Derschawinsche Anregung ist etwas später in Betracht gezogen worden. Aus der fünfjährigen Regierungszeit Kaiser Pauls sind außer manchen gesetzgeberischen Ordnungen der jüdischen Genieindeverhältnisse und deren Verwaltungen als besonders lennzeichnend folgende Verfügungen nachzutragen: 29. Dezember 1796, daß auch die jüdischen Angehörigen der Kaufmannsgilden doppelte Abgaben für ihre Privilegien sonne die Poststeuer doppelt leisten müssen, und diejenigen Juden, die dazu nicht in der Lage sind, sollen für drei Jahre im voraus zahlen und ins Ausland übersiedeln. 11. September 1799 ist diese Bestimung dahin gemildert worden, daß die Rückständigen in den zweifachen Abgaben, o h n e die Steuer zu bezahlen, das Land verlassen sollen. Nach Jahresfrist wiederum - 17. September 1800 — ist dieselbe Verfügung besonders hart verschärft worden: die die doppelten Zölle rückständigen Juden sollen zur Zwangsarbeit in die Bergwerke deportiert werden. Erst 1824, im vorletzten Regierungsjahr Alexanders I., hat diese äußerst böse Maßregel ausgehört'). Allen russischen Monarchen seit Paul hat oft lichtvolles deutsches Wesen vorgeschwebt, zumal mütterlicherseits durchweg deutsches Blut in ihren Adern floß. Der russische starke Einschlag, die kirchenpolitische Sphäre, ließ aber die deutsche Einwirkung nicht aufkommen. Manche humane Idee war deutschen Ursprungs, die besten Bestandteile für Aufklärung und Menschenrechte, auch zur Emanzipation der Juden, kamen vom Westen ins nordische Reich; sie haben aber im rauhen Norden kaum ein greifbares Gebilde erhalten können. Die starke echt-russische Strömung, ein dunkles Fahrwasser, lies in voller Wucht entgegen und überschwemmte manche moderne Richtung, vernichtete manche junge Kulturstätte. Hätte die russische Regierung wirklich die Absicht, die Juden in den alten polnischen Provinzen aus ihrem Zustande in einen kultivierten Zustand zu versetzen, so müßte man die bezweckte Kultur der Juden nicht als neue Quelle der Staatseinnahme, sondern als eine Aufgabe der Menschlichkeit betrachten, deren Lösung auch dem Staatsinteresse heilsam wäre. Die kaiserlichen Ukase konnten keine tiefere Wirksamkeit auf Leben und Denkart der Juden Rußlands äußern, als Eigennutz der Regierung und Bestechlichkeit der Regierungsbeamten die Ergebnisse verwirkten^). (Fortsetzung folgt.) h Aufsatz von I. Hessen im Jahrbuch (russisch) der „Budusznost" 1900, S. 85. Berschadsky in der russischen Monatsschrift „Woschod" 1895, Hest 1 bis 5. Scheinhaus, „Zur Geschichte der russischen Juden im 19. Jahrhundert", S. 5 ff.; Berlin 1901. -) Ersch u. Grober, Allgem. Enzyklopädie nsw. (Leipzig 1850), 27. Teil, §. 139: Artikel „Juden" (Geschichte) von S. Cassel. Lriegspredigten. Von Rabbiner Dr. Beer mann, Heilbronn. uch die jüdisch-religiöse Literatur unserer Tage spiegelt den Weltkrieg wider. Eine ganze Reihe von Predigten Ist erschienen, in denen die gewaltigen Kampfereignisse von religiöser Warte alls beleuchtet werden. Mit dem königlichen Gebete Goethes an der Spitze: „O gib mir Gott im Himmel! Daß ich mich der Höh' und Liebe nicht überhebe!", gibt der Elberselder Rabbiner Dr. Norden in 15 kurzen Predigten ein Charakterbild des Kaisers, in dessen starken Händen jetzt das Schicksal des Vaterlandes auch in diesen erregten Zeiten sicher ruht. Schlicht in: Ausdruck, frei im Ausbau gehen diese knappen Reden ohne Umschweife auf das Wesentliche und ergeben, im Zusammenhang gelesen, in der Tat ein scharf umrissenes Bild von der kraftvollen Persönlichkeit unseres Herrschers. Im Anschluß an Psalm 45 wird der Kaiser als begnadeter Redner und als kraftvollste Persönlichkeit unter den Königen der Zeit geschildert. Aufrichtig und grundehrlich in Wort und Werk, ein Mann, der nicht nur sür das Heer, sondern sür alle Herrscheraufgaben Teilnähme hegt, offenbart er Verständnis sür Volkserziehung und ist durch sein Leben voller Arbeit und Pflichttreue ein Vorbild des Fleißec für sein Volk. Es wird trefflich gewürdigt, wie der Kaiser Kunst und Wissenschaft fördert, für die beseligende Macht der Religion Verständnis hat und warmherzig Nächstenliebe bekundet. Ein moderner Mann, ein Arbeiterkaiser und ein Friedenshort, dessen Deutschtum gleich bedeutend ist mit Kultur und Freiheit, ist er ein Meister im Herrscher beruf, der als vorurteilsloser Menschenfreund über den Parteien steh- und in ihnen allen den Gemeinsinn über den Parteisinn, siegen lasse! möchte. In „Seligmanns Vaterländischen Reden in großer Zeit" ist wirklic! etwas von dein machtvollen Sturmeswehen dieser eisernen Wochen zi spüren. Flammende Begeisterung führt hier das Wort und spricht voi unse rem guten Rechte, das uns auf Gottes Seite stellt und uns bei Sieg geben wird, preist Deutschlands Weltberuf, Schirmherr de Friedens und König der Gerechtigkeit zu sein, und weist auf den Geis der Güte hin, der über die Schauer der Zeit hinwegtrügt und daopserreiche Kriegsjahr in ein segenvolles Jahr Gottes umwandelt, an dessen blutigen Wegspuren der Friede emporkeimt. Unsere Weisen sagen: Es gibt dreierlei Arten von Frieden. Es gib einen Frieden, der gleicht einem Gefäße, das ins Feuer gesetzt ist - Glut von beiden Seiten —, das ist kein rechter Frieden. Dann gibt >tv einen Frieden, der gleicht dem Fluge des Vogels: der Streitende flieh den Ort des Streites — auch das ist noch kein rechter Frieden. Dam gibt es aber einen Frieden, der dem Strome gleicht, von dem es heißt „Siehe, ich lenke dir den Frieden zu, wie einem Strome, an dessen Usern die der Strom verbindet, die Menschen gottgesegnet zusammenwohnen. Das ist der rechte Friede. Der Frieden, den wir bisher so nannten, glich dem Gesäß, das in Feuer gesetzt ist — Glut von beiden Seiten. Nur eines schürenden Armec nur eines flammenden Spans bedurfte es, um die Glut des Welt krieges auflodern zu lassen, daß sie in roten Flammenbächen sich ergoß Gerüstet in eiserner Wehr, mit feuerspeienden Kriegswafsen standen di Völker lauernd, voll Argwohn und Mißtrauen einander gegenüber zitternd vor dem Augenblick, da das entfesselte Entsetzen über die Völkc einherfahren würde. Mußte dieser bewaffnete Frieden nicht Schis bruch leiden? Oder der Frieden, den wir bisher so nannten, glich dem Fluge de? Vogels, der Streitende floh den Ort des Streites. Nur durch Nac! geben und Verzichten, nur durch Zurückstellen gerechter Ausbrüäkonnte der Frieden erhalten bleiben. Diese Reden atmen stellenweise dichterischen Schwung und ve> dienen das Lob, das ihnen Prof. Niebergall, Heidelberg, jüngst in ix' „Christlichen Welt" gespendet hat. Des Schweinfurter Rabbiners Dr. Stein bei Kauffmann erschiene!-' „Gottesdienstliche Kriegsvorträge" verzichten auf rednerischen Schrmu sie sind, in innigen, schlichten' Tönen gehalten, treugemeinte Worte tn > Welt und Leben zugewandten Seelsorgers, der die Nöte und Bedün msse der Seinen kennt und mit Takt und Ernst sie zu beraten weis . Die ineisten Reden stellen einen der Kriegspsalmen in den Mittelpunkt der Betrachtung und heben die Seite des Liedes hervor, die sich mit Stimmungen unserer Zeit berühren und den Menschen unserer Tas< Trost und Kraft zu verleihen vermögen. Die religiösen. Zweifel mo

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