Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1915)
- Date
- 1915-07-02
- Page
- Seite 321 (sequence 9)
- Language
- German
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Aufgedrängter und, was noch schlimmer war, aus dem Volke der alten Erbfeinde. Er tat auch fast gar nichts, um das jüdische Volk für sich zu gewinnen und so populär zu werden. Verhaßt machen mußte ihn schon die Art, wie er die regierende, durch die Taten im Freiheitskampfe mit einer Gloriole geschmückte Familie der Hasmonäer verdrängte und durch die Gunst von Antonius und Augustus auf den Thron gelangte, zuerst dem einen, dann dein anderen, stets aber den Römern dienend. Und diese schützten und förderten ihn, solange er ihnen nützlich war. lim die Gunst seiner Protektoren, den Beifall der Griechen 31t erwerben, beschenkte er reichlich die heidnischen griechischen Geineinden in Kleinasien und Griechenland, erbame er Hypobrome, Zirkusse und Theater in Jerusalem und in anderen städten des Heiligen Landes, was alles den Juden ein Greuel war. Selbst für die Erbauung eines neuen Tempels konnten sie dem Halbjuden nicht dankbar sein. Es kam wiederholt zu Emeuten und Verschwörungen gegen ihn, die er mit grausamer Strenge unterdrückte und bestrafte. Dazu und um den Römern zu dienen, brauchte er ein starkes Heer, das er, wohl aus Mißtrauen, größten Teils aus fremden Söldnern — Kelten, Th rattern und Germanen — bildete. Dessen höhere Ossiziere scheinen meistens Römer gewesen zu sein. Das alles kostete sehr viel Geld, weshalb er das Volk mit neuen Steuern belegte. Otto meint, des Hervdes Bruch mit Judentum und jüdischem Gesetz sei um das Jahr 6. v. Ehr. erfolgt, aber für solche Wandlungen küßt sich schwer ein bestimmtes Datum angeben; innerlich mag er wohl nie ein rechter Jude gewesen sein. Gewissermaßen als Mindestforderung der jüdischen Religion erscheinen neben dem Gebot der Nächstenliebe die drei Verbote des Götzendienstes, des Mordes und der Unzucht. Wie er die zwei ersten übertreten hat, haben wir aus seinen Gaben an heidnische Tempel und Aehnlichem, aus den von ihm befohlenen Justizmorden und zahlreichen Hinrichtungen ersehen; hat er noch auch seine vornehmste Gattin, zwei seiner Söhne und seinen Schwager töten lassen, was den Kaiser Augustus zu dem boshaften Witz: Er töte die Kinder und lasse die Schweine am Leben, Anlaß gegeben haben soll. Für feine sexuellen Vergehen liegen zwar keine bestimmte Nachweise vor, aber die Schnelligkeit, mit der er sich über den lod Mariamnes tröstete und zur Wiederverheiratung schritt, aßt darauf schließen, daß er ein sehr genußsüchtiger Mensch oar. Die neun Frauen, die er geheiratet hat, und er scheint nanchmal gleichzeitig zwei besessen zu haben, sowie das tockere Leben und die Ehescheidungen seiner Kinder berechtigen zu dem Schluffe, daß es in seiner Familie gar nicht ehrbar zuging. Die „Wohltaten" des Haules Somanow. Von Le 0 Scheinhaus. III. (Fortsetzung.) »folge der Hungersnot im Gouvernement Minsk hatte \ Kaiser Paul (1796—1801) vom dortigen Gouverneur Karnejew die Erklärung der traurigen Notlage der Bauern und Vorschläge zur Besserung eingefordert, die der Gouverneur mit dem Adel beraten sollte. In der entsprechenden Erklärung des Gouverneurs vom 13. Juli l 797, die auf der Versammlung der Adelsmarschalle mitgeteilt wurde, erklärten die Adligen zunächst: „Die totale llnwissenheit der Bauern, ihre völlige Unfähigkeit, eine Landwirtschaft zu führen, sind die Gründe, daß sie es zu einem einigermaßen leidlichen Wohlstand nicht bringen können, um allen Lasten und regelmäßig vorkommenden Drangsalen, häufigen Mißernten und Schicksalsschlägen Trotz zu bieten. .Die staatlichen Veränderungen und Revolutionen im Lande, der Aufenthalt und Durchzug des Militärs — was Kostenaufwand und Dienstleistung auch von der Landbevölkerung erforderte und die Bauern an der Bestellung des Feldes hinderte —. alles dies brachte die Leute zur Verzweiflung, jede Aufmunterung zur emsigen Arbeit ging verloren." Solchen Ausnahmeverhältnissen sollten energische Besserungsmittel entgegengestellt werden, wie Belebung der geistigen Entwickelung des Volkes und Aehnliches. Der polnische Adel aber wollte selbstverständlich nicht sich ins eigene Fleisch schneiden und anerkennen, daß die Leibeigenschaft mit den damit verbundenen Uebelständen der Hauptgrund des Bauernelends ist; die polnischen Großgrundbesitzer wollten oder konnten nicht über ihre Selbstsucht sich erheben, sie wollten nichts zum Gemeinwohl des Volkes darbringen. Sie suchten überhaupt jede Mitschuld abzuleugnen und einen anderen Urheber der Volksnot aufzufinden. Das war der Jude. In kritischen Fällen, in den Jahren der Mißernte fand der Bauer Rat und Hilfe bei dem Juden, der durch Brotversorgung aus anderen Distrikten die Gebiete der Mißernte vor Hunger bewahrte. Gleichwohl, die polnischen Adligen bezichtigten die Juden der Urheberschaft der Notlage, und der russische Gouverneur schloß sich dieser Erklärung ohne weiteres an. Diese Tendenz, für alle im ökonomischen und moralischen Leben sich zeigenden Unvollkommenheiten die Juden verantwortlich zu machen, fand leider sogleich Billigung der ungenau unterrichteten hohen Behörden in Petersburg, und das hatte zur Folge, daß bis zur Beratung der gesetzgeberischen Körperschaften der betreffende Gouverneur vom Kaiser angewiesen wurde, unverzüglich Maßregeln gegen die Juden zu treffen. Die klar auf der Hand liegenden, sogar in der Erklärung des Adels mit erwähnten Umstände — Trägheit und Verkommenheit der Bauern — wurden vom Senat gar nicht berücksichtigt. Der Prügelknabe war gesunden, und damit war größeres Unheil geschaffen, als es jemals elementare Katastrophen hervorgerufen haben. Aus den anderen Teilen Polens kamen an den Senat vom polnischen Adel Berichte nach dem gleichen Muster, und bald schrieb der Senat selbst den von ihm eingeforderten Berichten den Inhalt vor, der den Juden alle Schuld beimessen sollte. Unter dem Eindruck und Einfluß dieses Materials hat der alte Dichter Senator Derschawin die notleidende Provinz bereist und seine „Meinung" gewonnen. Zuerst im Jahve 1797 und wiederholt am 16. Juni 1800 ist der Senator Derschawin nach Weißrußland entsandt worden, die Notlage zu ergründen und Befferungsmittel vorzuschlagen. In der ihm ausgestellten Kaiserlichen Order selbst ist nur von der Notlage der Bauern die Rede, in dem offiziellen Begleitschreiben aber, das dem Reskript an demselben Tage folgte, wird Derschawin nach dem Hauptteil in einer „Nachschrift" angewiesen, sein Augenmerk aus die Juden zu lenken. Diese Nachschrift scheint aber mit Nachdruck darauf hinzudeuten, daß die Regierung die Prüfung der Judensrage in den Vordergrund stellte. Derschawin hat es so verstanden; denn während er seine Meinung über die Bevölkerung Weißrußlands im allgemeinen auf 15 Seiten zusammendrängt, verbreitete er sich über die Juden aus nicht weniger als 80 Seiten. Er behandelte nicht nur die Juden Weißrußlands, sondern die jüdische Frage in ganz Rußland. Er stellte sich auf den Standpunkt der polnischen Adligen. Offen erklärend, daß die Polen faul sind, in der Arbeit ungewandt, zu jeder Gewerbetätigkeit unfähig und dem Ackerbau abgeneigt, unbekümmert um ihre Zukunft, arbeitsscheu und dem Trünke ergeben, erwähnte er ferner, daß in einem Teil der Provinz 9 Jahre hintereinander Mißernte gewesen sei. Danach aber kommt er dennoch zu dein Schluß, daß die Juden an allem Elend schuld seien. Glücklicherweise blieb Derschawin nicht unter dem ausschließlichen Einfluß des polnischen Adels. Indirekt deutscher Einfluß gab dem besseren Teil der Derschawinschen „Meinung" oder Denkschrift einen gewissermaßen kulturellen