Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1915)
- Date
- 1915-07-02
- Page
- Seite 319 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229205--71436-3283776- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
319 Plafond mit Stangen belegt, ebenfalls der Sukka ähnlich, -och undurchsichtig, also rituell auch nicht entsprechend. Der Fußboden .ist zur Hälfte mit Buchenstäben belegt, darkluf mit 'welken Blättern gepolstert, welche zugleich als Matratzen dienen. Als Kopfpolster wird Verschiedenes verwendet; zum Beispiel Herr Oberleutnant Vihnanovskh bedient sich eines Strohpantoffels, Herr Dr. Pick eines Brettes, ich meines geladenen Revolvers und der Aktentasche und die übrigen einer Hohlschiene oder einer zusammengelegten Tragbahre. Jetzt das Wichtigste, der Ofen. Der ist ein Fuchsisches Patent aus Konservenbüchsen und Lehm, nach dem Modell eines Kachelofens gebaut, leistet vorzügliche- Dienste; kochen, backen, braten, kurz und gut ein Universalstück. Wie eine Fuchsische Erfindung. Gestern hat ihn mein Koch so stark geheizt, daß, wenn Herr Dr. Pick es nicht bemerkt hätte, wir in Flammen aufgegangen wären. Ein solches Feuer darf hier nicht gemacht werden, sonst beglücken uns die Huligans mit ihren Granaten. Zum Glück kennen sie kein Ziel. Ich machte mich sofort an die Arbeit. Herr Dr. Pick schaute auch nicht zu, grub Lehm, knetete, und Herr Oberleutnant Bihnanovskh macht den Handlanger. Jetzt ist alles wieder in Ordnung, feuersicherer so, daß wir die Formiere gut entbehren können. — Ein zweiter Ofen wurde von einem Schuster erbaut, und zwar auf Wunsch des Abschnittskommandanten Oberleutnants Schöbes, der im Zivilleben wahrscheinlich Berstcherungsbeamter ist. Der Ofen mußte auf Befehl des Herrn Dr. Pick verlegt werden. Um meinen Ofen herum haben wir Bänke, dann meinen Schreibtisch, hängend wie ein Schn len pult. Kleider und Rüstung hängen auf großen Nägeln, die ich mir in einem Dorfe ausgeschnorrt habe. In der Mitte eine Medikamentenkiste, und ein nicht zu hoher Eichstock dient als Sessel, ist jedoch kein Kippstuhl. — Die sanitären Verhältnisse sind auch nicht zu arg. Schnupfen und Läuse sind keine Krankheiten, und es geht uns so wie den Rotzigen und Lausigen, -wenn sich der eine schnäuzt, kratzt sich der zweite. Wir bekamen eil: Mittel gegen Läuse, doch fürchtete Herr Dr. Pick, die Leute könnten es trinken, so schrieb er auf die Flasche: A e u ß e r l i ch! „Es ist kein Wein, auch kein Gift für Mäuse, sondern ein Schlaftrunk für die lästigen Läuse." Gebadet .wird zweimal wöchentlich, aber nur Hände und Gesicht, da das Wasserholen etwas umständlich ist. Geschlafen wird mit Muff und Pelzhandschuhen — gibt es Nobleres? Am Abend werden die Hände mit Speck eingerieben, ich natürlich kann mir den Luxus erlauben, Borvaselin zu nehmen, sonst werden die Hände unzart. Mit den. Füßen nimmt man es nicht mehr so genau, ich zum Beispiel habe meine Schuhe schon etwa 20 Tage nicht von b-t'n Füßen gehabt. — Kamm, Spiegel und Bürste habe ich im Rucksack, der 5 Kilometer hinter der Frontlinie zurückblieb. Jetzt die Küche. Mein Koch ist ein gewisser Bokalek, Schlosser aus Prag, der in Serbien bereits verwundet wurde, jetzt geheilt ist und den ich zu mir nahm. Er 'besitzt alle Eigenschaften einer guten Köchin, es ist auch kein Wunder, da er bereits grau ist und aussieht wie ein Sechziger. Nach je 5 Minuten macht er eine Kostprobe, schleckt den Löffel von allen vier Seiten ab, und, falls es noch nicht schmackhaft genug ist, spuckt er in den Lössel und gibt es zurück in die Kochschale. Er kaut auch häufig Tabak und der Speichel scheint ganz gut die Maggilvürfet zu ersetzen. Der Leibkoch von Herrn Dr. Pick und Herrn Oberleutnant Bihnanovskh bin ich selbst. — Das Menu besteht außer Konserven etwas Menage, Brot und etwas Zwieback, hauptsächlich aus Zwiebeln, Knoblanch, schwarzem Kaffee, Erbsen. Kartoffeln und Fisolen Die Beleuchtung besteht aus \*A Parassinkerzen per Nacht, manchesmal verbrennen wir auch zwei. Nach jeden: Verband und jeder Injektion wird die Kerze ausgelöscht. Vogelgezwitscher wird nicht gehört, doch sollen wir darum uicht kommen, es besorgt dies ein Feldwebel, der von früh bis Abend schreit. Gott sei Dank, daß er in der Nacht schläft und nicht mein Kommandant ist. — Heute ist er ruhig, da der Abschnittskommandant nicht hier ist. Zurück zum Purim. Es war etwa 11 Uhr nachts. Ein heftiges Schneegestöber, die Verwundetere ächzten. Ich legte mich nieder, verballte meine müden Füße, da der Frost zu heftig sich einzustellen begann. Zu meiner Linke lag Herr Dr. Pick und Herr Oberleutnant Vihnanovskh. Zu meiner Rechten mein Koch und mein Bandageuträger Mazura, dann kommen die Verwundeten, Maroden usw. Es klopft an der Tür. Ich stand auf, öffnete, zündete das Stümpschen Kerze an. Ein Posten meldet mir gehorsamst, einen Gefangenen gebracht zu haben. Ich hob das Stückchen Kerze, dessen Flamme bereits meine Finger zu zwicken begann, wollte dem Gefarrgenen direkt um den Hals fallen, da ich glaubte, daß es Häusls Freund wäre. Dieselbe Größe, dasselbe Gesicht und dies Aechzen, sogar Hansls Stimme. Es war auch leicht anzunehmen, denn das Iglaner Regiment liegt hier in den Schützengräben. Tags zuvor habe ich mit Mundl Taussig und drei Trebitscher Schustern gesprochen, ferner lagen bei mir zwei Verwundete ans Pirnitz. Ich dachte in der Schnelligkeit, daß er vielleicht eine List angewendet habe, sich in russische Montur gesteckt, um der Gefangenschaft zu entkommen. Der Gefangene fragte: Sind Sie, ich bet Euch, e Iüd? Erbarmen Sie sich meiner. Ich habe die Füße abgesroren, falle vor Hunger zusammen und ich fürchte mich sehr. Wie glücklich würde sich die arme Mutter gefühlt haben, ihr Kind, um dessen willen sie wahrscheinlich an die Türen aller Wunderrabbis geklopft hat, so geborgen zu wissen! — Es verging eine Stunde, draußen donnerte und knatterte es, ein fürchterliches Wetterleuchten. Ich saß auf meinem Lager, die Füße eingeballt in allein Möglichen. Kaum schlummerte ich ein, da hatte ich einen herrlichen Traum. Ich kam nur vor, wie der Prophet Elias in der Höhle. Ich sah dem Schauspiel zu und glaubte mit Gott zu reden, als würde ich gefragt, wie mir dies alles gefällt. Ich stellte folgende Fragen: Was will Gott? Will er vielleicht die Menschen vernichten? So sprach er doch nach der Sintflut: „Ich werde den Menschen uicht mehr vernichten, da er doch nur Fleisch ist." Will er den Weibern ihre Ernährer, den Kindern ihre Väter, den Vätern ihre Kinder entreißen? So sagte Gott doch: „Jeder soll in einer Sünde sterben. — Gefällt ihm vielleicht nicht der Krieg, den unser frommer Kaiser führt? So sagte er doch und befiehlt: „Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll durch Menschen vergossen werden." Da blitzte eine Kanone, und daraus respektive aus der Flamme blieb eine eigentümliche Gestalt stchen, schrie mich an, ich stand stramm, habt acht. Menscheusvhn, hast du nicht gelernt, daß Gott kein. Mensch ist, daß er leugne? Alle Worte Gottes sind Wahrheit? Er verwundet und heilet. Sein Tun ist gerecht! Warum ihr aber mitleidet, der Unschuldige wie der Schuldige, ist deswegen, weil die Völker meine Heilige Schrift verschmähen und lieber allen anderen Unsinn lesen, sonst würden sie wissen, daß ich selbst mein Heiligtum wegen Zwietracht und Verrat zerstören ließ. Die Betorasberge sind auch nur infolge von Hochverrat in Feindeshünde gefallen. Gott gab euch, Völker Oesterreich- Ungarns, Länder von Milch und Honig, setzte über euch einen gerechten Herrscher und ihr wagtet es, euch gegen meinen Gesalbten zu vergehen? Ihr konntet es ruhigen Gewissens zusehen, wie Hochverräter wegen Dr. M. Marge! k. u. k. Feldrabbiner im XIII. Armeekorps.