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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-07-02 · Heft 27 (2.7.1915) · p. Seite 316

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 27 (2.7.1915)
Date
1915-07-02
Page
Seite 316 (sequence 4)
Language
German
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316 milder verfahren wird, ist selbstverständlich. Schon jetzt wird als Schlachtruf ausgegeben : M i t d e n P o l e n g e g e n d i e Juden! Die Aussichten sind also für die Zukunft unsäglich traurig. Dabei kann man nicht einmal hoffen, daß eine Revolution, für deren Eintritt ganz bestimmte Anzeichen vorhanden sind, etwas bessert, denn als erste Schlachtopser werden — das wissen wir leider aus früheren Vorgängen zu genau — gewiß die Juden fallen. Auch in den letzten Tagen werden höchst widrige Nachrichten über die L age d e r I u d e n in Rußland verbreitet. Die eine lautet: Die jüdische „P r o z e n t n v r nt". Man meldet uns indirekt ans Petersburg: Während des Russisch-Japanischen Krieges hatte die russische Uuterrichtsverwaltung gestattet, daß jüdische Studierende, deren Eltern Kriegsdienste leisteten, auch über die sogenannte Prozentnorm hinaus zu den Universitäten zugelassen werden. Der jetzige Unterrichtsminister hat soeben erklärt, er könne diese Erleichterung anläßlich des gegewvärtigen Krieges nicht gewähren. (Die Juden werden in russische Hochschulen nur bis zu drei und fünf vom Hundert der jeweiligen christlichen Immatrikulierten ausgenommen.) In der anderen heißt es: Die russische Negierung hat 70 000 Inden, als der Sympathien für Deutschland verdächtig, aus dem Gouvernement Kurland ausgewiesen. In der Stadt Mitan allein betrügt die Zahl der ausgewiesenen Inden 7000. Nach dem Verlassen der Stadt durch diese stellten alle Gerbereien, alle Schuhfabriken und die Metallfabriken Kramers, wo über 1000 Arbeiter beschäftigt waren, den Betrieb ein. Auch das jüdische Spital und das jüdische Lazarett für verwundete Soldaten wurden geschlossen. Die Söhne vieler Verschickten kämpfen in der russischen Armee. Endlich hat ein französischer Schriftsteller den Mut, die rllssischen Greuel zu denunzieren und die Regierung auf den Widerspruch hinzuweisen, dessen sie sich durch diesen Wahnwitz schuldig macht. Es ist Gustave bervo, der in seiner „Guerre sociale" der französischen Regierung überhaupt die bittersten Wahrheiten sagt. Er schreibt: Das österreichische wie das russische Polen ist von Polen und Juden bewohnt. Was hat man getan, um zum Beispiel die Juden für die Sache der Verbündeten zu gewinnen? Hat man nicht vielmehr alles getan, sie en bloc in das Lager unserer Feinde zu treiben? Wenn alles das, was amerikanische Blätter über die den Juden seit Kriegsbeginn zuteil gewordene schmachvolle Behandluug mitteileu, wahr ist, wie kann Rußland für sie dann etwas anderes sein als ein Land des Schreckens und der Schande, wo ihre verfolgte Rasse den Becher bis zur Neige geleert hat? * Leider ist auch in Deutschland, wo wir ja glücklicherweise Verfolgungen nicht zu fürchten haben, der a n t i s e m i t i s ch e n V e r h e tz n n g kein Ende. Das zeigt folgende Bemerkung der „Welt am Montag": Rassenhetze u n d k e i n E n d e. Dernburg verläßt Amerika (er ist sogar, nachdem er kurze Zeit von den Engländern festgehalten war, wieder in Berlin angelangt), nachdem er sich dort freiwillig viele Monate einer nicht gerade sehr dankbaren und leichten Aufgabe im (Interesse seines Vaterlandes unterzogen hat. Den Dank des antisenütischen Teils des deutschen Volkes dafür statten ihm die deutschvölkischen Blätter mit folgendem Fußtritt ab: Wir wissen zwar, daß Dernburg nicht im Aufträge unserer Regierung seine Reden hält, aber die Regierung sollte dann auch öffentlich voll ihm abrücken, lvenn er nicht selbst so viel Bescheidenheit besitzt, sich zu sagen, daß er infolge seiner Abstammung unmöglich als Wortführer des deiltschen Volkes in Frage kommen kann. Leute, die nichts nlit unserem Volkstum gemein Haben, lnachten lins schon vor deur Kriege in der ganzen Welt unbeliebt. Das sollte mindestens jetzt ein Ende nehmen. * In dem Leitartikel von Nr. 25 haben wir unseren Standpunkt gegenüber den verräterischen englischen Bankiers deutschen Ursprungs dargelegt. Als Nachtrag dazu mag folgende Notiz der „Täglichen Rundschau" dienen: Der bekannte deutsche Musiker Georg H e n s ch e l, der sei: vielen Jahren in England lebt mld dort sogar geadelt worden ist, Hai ans Anlaß der berechtigten Vernichtung der „Lusitania" folgendem Schreiben an die „Times" gerichtet: Mit Entrüstung und Schrecken habe ich von dem letzten uni) tollste, Verbrechen gehört, von der Versenkung der „Lusitania" und ihrer im schuldigen menschlichen Fracht, begangen durch ein Volk, das ich bunt: Zufall der Geburt (ich bin polnischer Abkunft) das meinige nannte. dessen barbarische und unmenschliche Kriegführung ich aber aus gmi zem Herzen verabscheue. Und es scheint mir unfaßbar, daß irgenbei; zivilisierter Mensch anders darüber denkt. Ich habe abermals bunl einen einflußreichen Freund der englischen Regierung meine Dienste angeboten, hoffentlich diesmal mit Erfolg, damit ich mich auch irgend wo betätigen und mit meinen schwachen Kräften das große Ende mi: herbeiführen kann, welches in der vollständigen Vernichtung dieser fürchterlichen Macht besteht, die nicht nur unser geliebtes Land, son dern die ganze Welt bedroht." Indem wir diese interessante, durch politische Sachkenntnis niclp getrübte Stilübung des ehrvergessenen Renegaten „Sir" Georg Heu schel hiermit niedriger hängen, bemerken wir noch, daß er keineswegs, wie er vorgibt, polnischer Abkunft ist. Er ist nämlich am 18. Februar 1850 in Breslau geboren, sein Vater war der Kaufmann Moritz Henschel, seiner Mutter Mädchenname war Frankenstein. Dieser merk würdige „Pole" ans Br^Dlau hat das dortige Magdalenen-Gymnasium und dann das Leipziger Konservatorium besucht. 1877 fmtb seine Uebersiedlung nach England statt. Wir gönnen ihn den Engländern' Ich kann dem nur hinzufügen, daß ich in meiner Kindheit viel mit dem Genannten verkehrt habe, daß er, bis vor Ans bruch des Krieges, sich stets als Deutscher betrachtet, Deutschland häufig besucht, den Verkehr mit seinen zwei in Deutsch land lebenden Schwestern aufrechterhalten, den Umgang mit seinen deutschen Freunden ununterbrochen gepflegt hat. Es ist eine Schmach, daß ein so hervorragender Künstler sich in so schmählicher Weise erniedrigt. * Aus Amerika wird uns geschrieben: Die New Dorker „World", gegründet von dem Juden Joses Pulitzer, im allgemeinen kein deutschfreundliches Blatt, richtete an die Staatsgouverneure ein Rundschreiben, um ihre Ansicht über die Antwort der deutschen Regierung auf die amerikanische Protestnote in der „Lnsitania"-Frage zu erfahren. Unter diesen Antworten verdient die des Gouverneurs von Idaho, Moses Alexander, des einzigen Juden, der je ein so hohes Amt bekleidet hat, weitere Verbreitung in jüdischen Kreisen. Herr Alerander schreibt: „Die Bevölkerung von Idaho will den Krieg unbedingt vermeiden, lvenn das mit der nationalen Ehre vereinbar ist. Deutschlands Wunsch zu erfahren, ob seine Berichte über die Umstände bei dem Untergang der „Lusitania" mit denen, lvelche wir besitzen, übereinstimmen, ist natürlich, und von der klaren Auseinandersetzung kann nur ein besseres gegenseitiges Verständnis resultieren. Amerika ist in der günstigen Lage, großmütig und geduldig zu sein, und darf sich nicht dem Verdachte aussetzen, daß es die kritische Lage einer Nation ausnützt, die durch einen Verzweiflungskampf gehemmt und infolgedessen in ihrem Urteile getrübt oder nicht in der Lage sein mag, unsere Motive richtig zu würdigen. Wenn der Präsident seinem eigenen gesunden Urteile und seinem Gerechtigkeitsgefühle folgen darf, haben die Bürger von Idaho volles Zutrauen zu der Gerechtigkeit seiner Lösung der internationalen Verwicklung. Er sollte nicht von einer angeblichen Kriegsstimmung beeinflußt werden, die in Wirklichkeit nicht existiert. Wenn der Präsident spricht, wird die Bevölkerung von Idaho einstimmig sich seinem Urteile als gerecht fügen."

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