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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-07-02 · Heft 27 (2.7.1915) · p. Seite 315

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 27 (2.7.1915)
Date
1915-07-02
Page
Seite 315 (sequence 3)
Language
German
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315 winnungGaliziens,einer unvergleichlichen und gar nicht genug ,;i preisenden Heldentat, ein Ereignis allerersten Ranges sehen. 7enn damit ist das einzige Faustpfand, das unsere Gegner von e-'n Besitzungen der Zentralmächte besaßen, verloren gegangen, ' r Krieg ist überall in die Gebiete des Feindes getragen. Das i deutet außer den empfindlichen Niederlagen, die sie aller rten erleiden, auch eine so furchtbare Schädigung ihres Be- ' -u^, und ein Erlahmen ihrer Widerstandskraft, daß man eine lzu lange Fortdauer des Krieges für unmöglich halten müßte. Bei der Einnahme Lembergs wurden die Soldaten gefeiert \\:\b die Führer der verschiedenen Heere von verschiedenen : chnern begrüßt. Unter diesen befand sich auch der Voreher der jüdischen Gemeinde. Lemberg scheint, da es ja von den Russen in ihrer Kmzchtigkeit als dauernder Besitz betrachtet wurde, verhältnismäßig wenig gelitten zu haben. Dem von dem „Berliner Tage- : itt" veröffentlichten Bericht einer Polnischen Dame entnehmen : t folgendes: Des Alkoholverbot für die gesamte russische Armee wurde zwar - eng gehandhabt, aber die durstige Soldateska wußte sich doch aus uner neue Weise zu helfen. So trank sie in der Methfabrik zu Janow le Hasser aus, ein andermal entdeckte sie ein vergrabenes Schnapss; und leerte es. Glitch schenkten inanche Juden trotz schwerer Strafdrohung Alkohol gegen Kleidungsstücke, Feldstecher und dergleichen Eines Tages eröfsneten die Russen unter der erlogenen Beuptnng, es sei aus sie geschossen worden, hinter den Budenreihen des - alaner Platzes Schnellfeuer auf alle vorübe:kommenden Inden und miderten die jüdischen Häuser der Vorstädte Zamarstynow und -gkiewski. Ein k. -u. k. Hofrat berichtet: Eigens dazu bestellte Popen betrieben eine Missionspropaganda, , l die Regierung durch Pressionen Nachdruck gab. So ließ sie die utfer in der Walowagasse, ans denen auf das russische Militär geossen sein sollte, konfiszieren, stellte den jüdischen Besitzern aber Rück- >de in Aussicht, wenn sie sich taufen ließen. Auch Doktor Wassererger trat zur orthodoxen Kirche über, um die Interessen des Ver- -ndes der Rohölproduzenten wahren zu können, dessen Direktor ist. Eil: angesehener jüdischer Kaufmann, der ebenfalls die ganze äsenzeit mitgemacht hat, teilte mir darüber mit: „Gelegentlich der lissentlich hervorgerufenen Pogrome beachteten Plünderer in Zivil d Uniform auch mein Haus. Später wurde ich verhört, ob ich i.ntliis von einen: unterirdischen Kabel hätte, das ans der Stadt im k. u. k. Generalstab führe. Nach diesem Kabel, das natürlich nie stiert hat, wurde tatsächlich tagelang unter der Hauptpost, der 'adelle und der Statthalterei gegraben. Gegen Weihnachten weckte ner Kanonendonner aus Süden vorzeitige Hoffnungen in uns. In: imar verkündeten Maueranschläge, deren Herkunft nie aufgeklärt -rden ist, die bevorstehende Räumung der Stadt durch die Russen. * Weit schlimmer als in Lemberg haben die Russen andernis gehaust. Die „N. Fr. Presse" schreibt über Die Drangsalierung der Juden in der B u kow : na. Ein Bericht ans den: Kriegspressequartier gibt der Oeffentlichkeit r beiden verbündeten Kaiserreiche, aber auch jener in den neutralen mdern Kerncknis von den Russengreueln, die in der Bukowina verübt > irden. Rebe:: der: Inden, die sich russische Barbarei ja allüberall n Galizien und der Bukowina, wohin die Kosakenhorden gelangten-, - Lieblingsopsern ausgewählt hat, waren es in der Bukowina n-amenth die Rnrnänen, gegen welche die Russen in unmenschlicher Weise gelltet haben. Der Markt Bojan an der Staatsbahulinie Czernorvitz— orvosteliea hat unter der russischen Invasion furchtbar gelitten. Die lunänis'che Bevölkerung dieser gewerbefleißigen Ortschaft wurde von l'en Russen geradezu systematisch gequält, gefoltert und verunehrt. Kranen und Kinder fielen der entfesselten Soldateska zum Opfer, und rumänische Nationalhaus, das Symbol der nationalen Empfindungen und Hoffnungen der Bevölkerung, gleicht einem Trümmerhaufen . . . Nachstehend der Bericht aus dem Kriegspressequartier: Bierzehn Tage nach der Besetzung Sniatyns führten die Rüssel: sämtliche viertausend jüdischen Einwohner Sniatyns ohne jeden Grm:d nach dein Norden, ohne das Ziel des Zwangstrausports anzugeben. Selbst Greise, Frauen, Wöchnerinnen, Säuglinge wurden mitgeschleppt. Auf dem Wege sind von den uutgeschleppten Personen sieben den furchtbaren Mißhandlungen seitens der Kosaken und de:: Strapazen erlegen. In Sniatyn haben die Nüssen fünfzig Häuser eingeäschert und die Möbel sämtlicher mitgeschleppten Personen ans Lastenautos abtransportiert. Ferner entnehmen wir der „München-Augsburger Abendzeitung" nachstehenden Bericht: I u d e n v e r f o l g u n g e n — W o l o g d a. L a p P l a n d - E x p r e ß, 10. Juni 1915. Als ich heute früh von Upsala nach Stockholm zurückfnhr, erzählte mir ein russischer Student, der an der Technischen Hochschule in Schweden weiter studieren tollt, über die Judenverfolgungen folgende Einzelheiten: In Kusme, einen: Dorfe in: Kolvn-ogouvernem-ent, leben elf Menschen, fünf Juden und sechs Orthodoxe. Ter General Rottkiewitsch, ein Pole, hatte den: Oberkommando eilien Rapport geschickt, in dem er behauptet, die fünf Juden versteckten ii: de:: Kellern ihrer Wohnungen eine Eskadron deutscher Dragoner. Wenn nun russische Offiziere in dem Dorf übernachten, so konnnen des Nachts die deutschen Dragoner aus ihren Verstecken hervor und überwältigen die Offiz:ere. Die Juden wurdenvor Gericht gestellt, aber frei ge sp röche::. Trotzdem hat die Heeresleitung den Rapport des Generals Rottkiewitsch in Hnnderttausenden von Exemplaren an die Soldaten und die Bevölkerung der Grenzbezirke verteilen lassen. Als in: Kurländer Gouverne-. ment die Juden ausgewiesen wurden, kamen -hundertsiebzig leere Waggons in den Bezirk, der wegen Waggonmangels nicht einmal Nahrungszufuhr hatte. Die Juden wurden dort verpackt und Vier- Tags lang verschickt. Alan gab ihnen nur eine tägliche Rast von cuier Viertelstunde und reichte ihnen nichtsals Brot und Wasser, obwohl die reichen Libauer Juden eine bedeutende Summe für die Verpflegung auf dem Transport zur Verfügung gestellt hatten. Besonders schlecht ist das Verhältnis zwischen den Inden und den russophilen Polen. Die Polen agitieren offen für einen Pogrom. Um gegen diese Agitation Widerspruch zu erheben-, begab sich der einzige jüdische Zivilgeneral Warschawski mit einer Deputation nach Petersburg. In seiner Abwesenheit wurde bei ihm auf Veranlassung der Militärbehörde eine Haussuchung abgehalten, die so gründlich war, daß man sogar alle Dielen aufriß. Ai an suchte einen Radiotelegraphen, der den: General zur Verständigung der deutschen Heeresleitung dienen sollte. Als Warschawski von der Haussuchung erfuhr, soll er lakonisch benrerkt haben: Wenn sie keinen nutgebracht haben, konnten sie auch feinen finden. Mein Gewährsmann, der sich mir gegenüber legitimierte und die Verantwortung für die Richtigkeit der Tatsachen übernimmt, ist selbst Jude und gehört einer angesehener: Beamtenfamilie an. Als aufgeklärter Mensch ist er Gegner der Judenhetze. Ich sprach ferner mit einem deutschen jungen Mann, der krankheitshalber anseinen: Konzentrationslager für Zivilgefangene entlassen wurde und sich auf der Rückkehr nach Deutschland befindet. Er schilderte das Leben recht sympathisch und gab mir im einzelnen folgende Tatsachen an: Das Konzentrationslager besitzt eilt -eigenes Bade haus und ein eigenes Krankenhaus sowie eine eigene Bibliothek. Für diese Einrichtungen besteht eine Art Selbstverwaltung, die von achtnndvierzig Mitgliedern geführt wird, die einen engeren Ausschuß von sieben Personen gewählt haben. Dieser Selbstverwaltungfließen ziemlich bedeutende Summen zu. Die achttausend Mark, welche die Verwaltung im Anfang besaß, sind wesentlich -erhöht worden. Eine Rechnungsablegung existiert nicht, es beruht alles auf Treu und Glaube, denn man fürchtet, daß eine kauftuännisch verwaltete Kasse von der rnssischen Regierung beschlagnahmt werden könnte. Da ich meinen Gewährsmann namhaft machen kann, und er sich auf der Reise nach Deutschland befindet, glaube ich, daß man diese zweite Nachricht mit nicht zu großer Reserve anfzu nehmen braucht. * Daß man bei diesem grausamen Gebaren in fremden Gebieten auch im -eigenen Lande künftig mit den Juden nicht

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