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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-07-02 · Heft 27 (2.7.1915) · p. Seite 314

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 27 (2.7.1915)
Date
1915-07-02
Page
Seite 314 (sequence 2)
Language
German
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314 Mutlosigkeit auch für die Bösen noch betenden Moses; er und. sein Bruder fallen flehend auf ihr Angesicht: „Herr, Gott aller Geister in jeglichem Fleischwesen, der eine sündigt, wolltest du über alle zürnen?" Nein, nein, das will die Allliebe nicht — aber die Welt muß gewarnt werden, muß sich fcrnhalten von solchen Rotten und Verbänden, die unter Priestermasken das Allerheiligste, Gesetz und Recht und Wahrheit schänden. „Meidet die Zelte dieser Bösewichter und rührt Nicht an, rvas ihnen gehört, sonst würdet ihr untergehen in den Sünden jener." Die Gottheit der Reinen und Getreuen flößt noch zum Schluß die Hoffnung in die Seelen der ihm treu Verbündeten, die Hoffnung auf den Endsieg über die verschworenen Feinde der gerechten Sache, und diese sollten es hören: „Morgen — wartet auf den Morgen —, da wird Gott knndtun, wer z u i h m g e h ö r t, wer h e i l i g ist, wer sich e r io ä h l t dünken darf." Es kommt der vierte Akt. Hier wird das vertverfliche Motiv der Aufrührer enthüllt. Die scheinheilige Maske Korahs und seiner Verbündeten fällt, und ivas sic wollen und was die eigentliche Triebfeder ihres Handelns gewesen, sollte vor allem klar erkannt werden — als Vorbote des Schicksals, des letzten Teils des Korah-Dramas. Wohl ist der Neid, die heiße Gier nach höchster Würde und Geltung, die Ursache der Empörung, und es ist eine Klugheit von unserem Dramenhelden, diese Ursache zu verschweigen und anstatt von dem natürlichen Unrecht, das ihm geschah, zu reden, lieber die Gesamtheit vorzuschieben — aber er fand seinen Meister, der ihn durchschaut. Das besagt das Wort Moses': „Ihr sucht auch noch neben dem, was ihr bereits erlangt habet, das Priestertum, womit ihr nicht gegen den Beneideten (Ahron) murret, sondern gegen den Allerhöchsten, der es also verordnet hat." Allein die Botschaft der V erbü ndeten, Dathan und Abiram, enthält die Urmotive der Verbindung Korahs mit ihnen. Den Haupthetzern gilt als Kriegsgrund der krasse E g o i s - mits, die Habsucht, die Gewinngicr, eine Er- Weiterung von Besitz und Macht, ein kampfloses Genießen des Ueberflusses irdischen Erbgutes. Das lassen die Verbündeten, die zri einer Auseinandersetzung berufen werden, sagen: „Wir kommen nicht hinauf. Ist es denn zu wenig, daß du uns geführt aus einem Lande, wo Milch und Honig fliehen, »in uns zu töten in der Wüste — nun willst du unser Fürst sein, über uns fürstlich herrschen? Auch hast du uns nicht gebracht in ein Land, wo solche Genüsse uns zufließen. Hast du uns etwa gegeben einen Erbsitz von Feld und Weinberg? Willst du diese Männer denn blenden? Wir kommen nicht hinauf!" Darin ist evident erwiesen, daß die Motive des Aufruhrs keine anderen sind als der niedrigste Profiteifcr, der irdische Genuß. Die Kampfeswut wächst in dem Maße, als der roheste materialistische Drang keine Befriedigung und die egoistische Leidenschaft keine Nahrung findet. Das W u n d e r, daß sich der „E r d c n m u n d" für solch niedrige Naturen auftuen soll, ist eigentlich gar kein Wunder. Denn wen die Erde so in ihrem Rachen hält und erfaßt hat wie Korah und seine Verbündeten, wen die Erde schon während des ganzen Lebens umschlungen hat wie sie, daß sie kein höheres geistiges und moralisches Empfinden aufkommen lassen, dem ist der „Erde Mund" keine „neue Schöpfung", wie es die Lippen des Gottesmannes künden. Dies ist die Ueberleitung zum fünften Akt, zur Katastrophe: Sie sinken lebendig in die Unterwelt. Schon im Leben der Unterwelt verfallen, öffnen sich der Tiefe grausige Schlünde und verschlingen Korah und seine Bundesgenossen; es spaltet sich der Boden unter ihren Füßen, sie versinken jammernd, schreiend, wehklagend und schwinden aus der Mitte der Gesamtheit, und ihre Umgebung flieht und bebt und lernt schaudern vor der gähnenden Tiefe des Erdenschlundes derer, die an sich selbst die Hand gelegt, um sich durch Aufruhr leiblich und seelisch das SchicksaldesUnterganges zu bereiten. Das Bild dieses schauerlichen Bibeldramas beleuchten grell die flammenden Feuer der Geschütze um jenes Land, wo so oft der „Mund der Erde" über feuerspeiende Berge sich öffnet, um unter Beben viel sonnigem und wonnigem Leben ein gar heißes Grab zu schaufeln. Aber keine Kraterglut rafft so viel Leben hinweg auf dieses Paradieses Auen wie die schmachvolle Glut der Leidenschaft eines von Dämonen der raubsüchtigen Unterwelt aufgehetzten Volkes, mögen diese vom süßen Stimmengesange die Redlichen denunzierender Dichterkobolde oder von dem rhetorisch feurigen Klang wühlender Ministerzungen umrauscht sein — das kündet der Prediger der Zukunft, Jesaias, schlicht und schön: „Stimmen von der (ewigen) Stadt — Stimmen vom Tempel — Stimmen des ewigen Gottes, der Vergeltung übt an seinen Feinden!" Und hörtet ihr Feinde Gottes, Hasser des Rechtes, der Wahrheit und der edlen Menschlichkeit bei allen Heimsuchungen in diesem Weltgericht noch immer nicht des alten Propheten laute „Stimme vom Tempel"; wiegst du dich, hoffärtiger V i e r v e r b a n d, in tausend Hoffnungen auf deinen Endsieg über den religiösen, ethisch wirkenden t r e u e st e n Bruderbund, Deutschland, Oesterreich-Ung a r n wie auch die Türkei; gaukelt südlich schwärmerische Phantasie dir, dem jüngsten Bruder, Triumphe ohne Zahl, Zuwachs von Gebiet und Erdengröße vor die erhitzte Volksseele, so begebt euch alle zu der Eingangstür zur Unterwelt, wo sich der Vorhang hebt zum letzten Akt des Schicksalsdramas. Besonders Romas stolze Tochter du, angelockt von Höllenfürsten, die sirenengleich zu Paradieseswonnen luden, tue auf dein Auge vor dem „Schlund der Erde" und lies, was poetisch schön Italiens großer Dichter Dante einst gewählt zur Ueberschrist für die Pforte der ewigen Gruft aller Lebenshofsnung, zu der deine Bundesbrüder verführerisch dich gerufen, lies und überdenke dein Schicksal: „l^aseiateogni speraiua!“ — Auf vergilbten Pergamenten las ich kürzlich Korahs Namen in Gesellschaft berüchtigter historischer Persönlichkeiten, die, in ihren Hoffnungen getäuscht, nicht nur nicht erlangten, wofür sie im Heißhunger der Seele leidenschaftlich Krieg führen, sondern auch noch dazu das verlieren, was zu ihrem ureigenen Besitztum gehört. (Der babylonische Talmud, Sota 9 b.) Sollte diese Weisheit die Worte Dantes nicht noch leuchtender erstrahlen lassen? Sollte sie nicht wie eine prophetische Vorschau gelten dem Vierverband und seinem jüngsten Genossen die Schlußszene seiner Tragödie „Nichts erreichen und noch verlieren" offenbaren? — „Lasciate ogui speranza!" Sir Mache. Berlin, den 29. Juni 1915. ff cmberg ist seit dem 22. Juni wieder in unseren und in unser Verbündeten Händen. Es wurde im Sturm genommen, die Verfolgung der Russen wird östlich und nördlich fortgesetzt. Schon sind sie über den Dnjestr gewichen und, so tapfer sie noch auf dem Rückzug kämpfen, bald, so hoffen wir, wird die Stunde der völligen Befreiung Galiziens schlagen, der schwer geschädigten Provinz, die sie seit vielen Monaten besetzt hielten und bereits völlig als ihr Eigentum betrachtet hatten. So sehr auch die Russen diesen Rückzug als einen absichtlichen hinzustellen sich bemühen, für so bedeutungslos und unwichtig auch die gegnerische Presse die Wiedereinnahme Lembergs auszuposaunen für gut findet, wir dürfen in der Wieder-

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