Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1915)
- Date
- 1915-06-25
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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M. sind zehn Jahre re: flössen, daß die israelitische Kinderheilanstalt in feierlicher Weife ,iöffnet wurde. Innerhalb dieser Zeit fanden 1550 Kinder ohne Unterschied der Konfession, bei weitem mehr als die Hälfte unentgeltlich, Aufnahme. In das zehnte Jahr ihrer Tätigkeit fällt der ueioaltige Krieg, dessen Leiden auch sie, soweit es in :ln*cnt Bereiche liegt, zu lindern versucht. Seit Ausbruch des .Krieges dient die Anstalt als Reservelazarett. Um aber trotzdem nach in dieser Zeit des sozialen Elends, da Kinderfürsorge mehr ls je Volksfürsorge bedeutet, den hilfsbedürftigen Kindern, zumal >uch kriegsbetroffener Familien, die Wohltaten einer Kissinger Kur ngedeihen zu lassen, wurde in dem gemieteten Eafe Neptun der weiterbetrieb der Allstalt, freilich in beschränkteln Maße, aufgenolnmeii. Außerdem werden tagsüber zehn bis zwölf Kinder aus Bad > issingen, deren Väter im Felde stehen, -in dem neuen Heim ttnntgeltlich verpflegt und beaufsichtigt; ebenso weilen augenblicklich nselbst zwei Flüchtlingskinder ans der Bukowina und eins aus _ stpreußen. Frankfurt a. M., 18. Juili. Dem soeben erschienenen isten Jahresbericht der F r a ue n v e re i n i gu n g der Frank- -urt-Loge für 1914—1915 entnehmen wir folgende Mitteilungen: ils sich für die speziellen Aufgaben der jüdischen Kriegsfürsorge unter?r Leitung des Vorstandes der Israelitischen Gemeillde eine „Verfügung jüdischer Wohlfahrtspflege 1914" bildete, nahur auch die rauenvereinigung der Frankfurt-Loge an den Beratungen lind Verlässen teil und lvar durch mehrere Vorstandsmitglieder vertreten, usbesondere arbeitete die Vereinigung in der „Kottlmission für nmilienfürsorge", die auf eine viel breitere Grundlage als in sonnigen Zeiten gestellt werden nnlßte. Um den Arnnen, sei es den hier insässtgen, sei es den Flüchtlingen aus Feindesland, die Wirtschaftsnihrung zu erleichtern, und um sicher zu sein, daß sie ihre Familien esundheitsgemäß ernähren, wurden durch eine Kommission, in der die nreinigung mitarbeitete, Lebensmittel verteilt. Dieselben loerden gegen Zettel, die man im „Israelitischen Hilssverein" verabfolgte, abgegeben, nie Mittel hierfür gab das Komitee 1914. — Außerdem wurden der rauenvereinigung der Frankfurt-Loge von einem mildtätigen Gönner : i gl ich 50 Liter. Milch zur Verfügung gestellt, die mehrere Winterrouate hindurch nachmittags an arme Kinder verteilt und zum Teil ach an das Flüchtlingsheim in der Fischerfeldstraße abgegeben worden - ud. Von einem Logenbruder bekam sie 50 Pfund Strickwolle, aus der? von armen jüdischen Frauen und Mädchen Socken stricken ließ, die sie nun dem Lazarettzug der Großloge und dem Lazarettzug P. I der irdischen Krankenschlvestern zur Verfügung stellte. Die Entlohnung;t Frauen und Mädchen erfolgte nach der Lohnliste des „Nationalen iranendienstes". An der Einrichtung eines Heims für Ausländer, ir das die Frankfurt-Loge ihr Nebenhaus zur Verfügung gestellt, be- 'iligte sich die Vereinigung, indem sie die ganze innere Einrichtung schaffte und die Beaufsichtigung des Heims mit übernahm. Nach der 'Uternierung der Insassen des Heirns, meistens junge russische Studenn, diente das Haus als Wohnung für zwei deutsche Flüchtlingsömlilien. Um das entsetzliche Elend unserer armen Vertriebellen Glaubensgenossen, die aus Galizien und dem Osten geflüchtet sind, :adern zu helfen, veranstaltete die Frallenvereinigung mit Billigung es osteuropäischen Komitees, des Komitees von 1914 eine erfolgreiche üanmllung von getragenen Kleidern, Wäsche, Schuhwerk usw. Sie onnte 16 sehr umfangreiche Kisten uach Böhmen an verschiedene Geneinden und drei große Kisten an das Gefangenenlager in Holzminden Dicken. Zwei andere Sammlungen, die sie einerseits gemeinsammit vt Frankfurt-Loge, andererseits mit der „Weiblichen Fürsorge" vermstattete, lvaren gleichfalls von schönstem Erfolg gekrönt. Es waren nie Liebesgabensammlungen für den Lazarettzug der Großloge und den n'azarettzug P. I der Jüdischen Krankenschlvestern. — Die Notwendigkeit, in dieser schweren Zeit unsere häusliche Wirtschaftsführung uüt den vorhandenen Vorrätell in Einklang zu bringen und dabei doch -ür eine nahrhafte, gesunde und billige Kost Sorge zu tragen, verandie Vereinigung, ein Kriegskochbuch für die rituelle Küche herausngeben, da die neu erschienenen Kriegskochbücher aus rituellen 'Gründen nicht empfohlen lverden konnten. Das flettte nrieaskochbuch, mit einer Vorrede von Professor v. Noorden versehen, findet großen Anklang. Die erste Auslage von 5000 Exemplaren ist längst vergriffen und bald auch die zweite, 2000 Exenrplare starke Auflage. Der Bericht konstatiert, daß die spezielle soziale Arbeit der Vereinigung, die Hauspflege, auch während der Kriegszeit in gewohnter Weise behandelt und eher noch vertieft wurde. Aus dem Kassenbericht ist noch zu erwähnen, daß die Vereinigung gleich zu Beginn des Krieges der Kriegsfürsorge 300 Mark gespendet, später für die Hinterbliebenenfürsorge 200 Mark und aus dem Erlös der Kindersparkassen 1000 Mark für den Lazarettzug der Großloge abgeführt hat. Der Bericht schließt mit den Worten: Dem unendlichen Meer von Leid und Jammer gegenüber ist es wenig genug, was lvir leisten, konnten. Aber lvir versuchten, an der Stelle, lvo lvir stehen, nufere Pflicht zu tun, und seine Pflicht zu tun und mit seiner starken oder schwachen Kraft sich dem Vaterlande zur Verfügung zu stellen, ist das einzige, lvas das Leben heute erträglich und lobenswert macht. Gestrrrrich-Angarn. K. Wien, 18. Juni. Nach Mitteilungen, die hiesigen Tagesblätt-ern aus Bukarest zukamen, hat die russische Polizei in den letzten Tagen eine fieberhafte Tätigkeit in Lemberg entlvickelt. Unter anderem stattete sie auch der verlassenen Wohnung des Abgeordneten Heinrich Neizes einen Besuch ab, dessen Lebhafte Tätigkeit zugunsten der galizischen Juden ihre Aufmerksamkeit erregt haben mag. Tie Polizei erschien, tvie die Bukarester Meldungen besagen, im Aufträge der rllssischen Negierung in der Wohnung des Abgeordneten Reizes, hielt sich dort längere Zeit auf und nahm eine eingehende Durchsuchung der Wohurämne vor. Da jede russische Durchsuchung gleichbedeutend mit Diebstahl llud Raub ist, konnte bis jetzt nicht festgestellt werden, lvas ans dem Eigentun: des sich in Wien anshaltenden Abgeordneten Reizes „beschlagnahmt" lvurde. — Nach übereinstimmender Aussage aller, die aus der von den Russen gänzlich befreiten Bukowina imb einen: großen Teil Mttelaaliziens kommen, haben die Russen in den von ihnen vorübergehend okkupierten Gebieten lvie Baudaleu gehaust. Sie haben es insbesondere auf die Juden abgesehen gehabt, die sie schlimmer als die wildesten Tiere behandelten. Der vorübergehende Aufenthalt der Russen in Galizien mib der Bukowina gestaltete sich als ein großangelegter Pogrout gegen die Juden. Tie Anstifter und Anführer der militärischen Holigans waren die Offiziere, die ineistens gemeinsame Sache mit der Mannschaft machten und den Raub mit ihnen teilten. Eine besondere Spezialität der Kommandanten und Offiziere bildete ihr Erpressungssvstem. Täglich wurden Juden, namentlich reiche Juden, unter allen möglichen Ausreden und Vorwänden verhaftet, um sie gegen Entrichtung großer Geldsununen wieder zu „enthaften". Bei dieser Gelegenheit sei ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, daß die Rückkehr der Flüchtlinge in ihre Heimat derzeit nicht gestattet ist. Ohne ausdrückliche behördliche Bewilligung darf niemand die galizische Grenze passieren. Diese Beloilligung (Legitimation) ist nur das Ministerium des Innern in Wien auszustellen berechtigt. — Das Kuratorium der Baron-Hirsch-Stiftuug zur Beförderung des Volksschulunterrichtes in Galizien und der Bukowina, welches dort 37 Schulen mit 5347 Schülern unterhält, hat sich bestimmt gefunden, in: Einvernehmen mit dem t. n. k. Ministerium des Innern außer den in Wien errichteten Beschäftignngskursen auch in Böhmen und Mähre:: eine Anzahl solcher Kurse für galizische Flüchtlingskinder zu errichte::, in welchen die Kinder einen volksschnlmäßigen Unterricht genießen. In Wien finden diese Beschäftiqunqsknrse in den Lehrziinmern der Israelitisch-Theologische:: Lehranstalt (Rabbinerseminar) und in: Josefine-Mendels-Wohlfahrtshanse in: 20. Bezirk statt. Für die mährischen Konzentrationslager hat das Kuratorium gemeinsam mit der Israelitischen Allianz in Wien eine gleiche Aktion durchgesührt, durch die der Verwahrlosung der Kinder in wirksamster Weise vorgebeugt wird. In vielen Barackenlagern und Städten, in denen Flüchtlinge sich befinden, wurden bereits Beschäftigungskurse eingeführt, und es sind auch Bestrebungen zur )lktivierung weiterer Kurse in noch vielen anderen Städten in Böhmen und Mähren im Zuge. Bisher sind 3000 Flüchtliugskinder fhr diese Kurse eingeschrieben, diese Zahl dürfte in den nächsten Tagen schon eine namhafte Steigerung erfahren. ytslim. 1. W. Florenz, in: Juni. Das Kuratorium des hiesigen R a b b i u e r s e n: i n a r s versendet soeben seinen fünften Bericht, in welchem es die wissenschaftlich'e und finanzielle Entwicklung des Seminars rvährend des abgelaufenen Trienniums darlegt, aus dem