Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1915)
- Date
- 1915-06-25
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 wir folgende Toten entnehnwln Zum Nachfolger des nach Triest zum Oderrabbiner berufenen Dr. Chajes wurde Tr. Cassuto als Dozent für Bibelexegese und Geschichte ernannt. Dr. Cassnto hat feine theologische Ausbildung am Seminar erhalten, ist Privatdozent der semitischen Philologie an der dortigen Universität und hat sich bereits einen Namen in der wissenschaftlichen Welt erworben. Von den Zöglingen haben fünf Kandidaten im abgelaufeneu Triennium die Rabbinatsprüfung bestanden und Nabbinatsdiplome erhalten; sie fanden sämtlich sofort Anstellung. Tr. S a c e r d o t i wurde als Oberrabbiner nach Nom berufen, Herr Friedenthal als Rabbiner nach Görz, Tr. Zeller als Vizerabbiner nach Triest, Tr. Artom als Vizerabbiner und Direktor der Scuola Technica nach Rom, Dr. E a st e l b o l o g n e s i als Vizerabbiner nach Ferrara. Zum Nachfolger des verstorbenen Professors Moise Finzi ist als Präsident des Kuratoriums Herr M. T. Ben a im gewählt worden. Aus dem finanziellen Bericht ist das Legat von 110 000 Lire, welches Professor Moise Finzi dem Seminar vermacht hat, hervorzuheben. Von Aah und ffern. ~ Aus dem für gemeinnützige und wohltätige Zwecke ausgesetzten Dispositionsfonds der Hinterlassenschaft des verstorbenen Geheimen Kommerzienrats S i g m u n d A s ch r 0 t t ist namens der Testamentsvollstrecker durch den Geheimen Justizrat Tr. Aschrott der Betrag von 50 000 Mark dem Sammelfonds „Kriegshilfe der Stadt Berlin" überwiesen worden. — Rechtsanwalt und Notar, Justizrat Leopold Pulver m a ch e r ans Berlin ist in Schierke, wo er zur Erholung weilte, verschieden. — Tie Wolfs so hnsche W a i s e n h a u s st i f t u n g Sol b a d H 0 h e n s a l z a schreibt uns: Es dürfte jetzt im Kriegsfälle weite Kreise interessieren, daß wir kostenlos Waisen und Halbwaisen, Knaben und Mädchen, welche körperlich und geistig gesund sind, aus ganz Deutschland aufnehmen. -- In Pinne ist am 20. d. M. Herr Adolph Lipp m a n n im 75. Lebensjahre gestorben. Ter Vorstand und die Repräsentanten der Shnagogengemeinde widmen ihm folgenden Nachruf: Ter Verstorbene hat jahrlang als Mitglied der Nepräsentantenversammlnng, deren Vorsitzender er längere Zeit gewesen, sowie zuletzt als Mitglied des Vorstandes unserer Gemeinde sein liebevolles Interesse gewidmet und durch seine unermüdliche Arbeitsfreudigkeit sowie durch die Herzlichkeit seines Wesens dauernde, ehrenvolle Erinnerung in unserer Mitte sich gesichert. — Ein nachahmenswertes Beispiel von Patriotismus hat der Kaufmann Salinger in Stenfchewo gegeben, indem er für das dortige Ersatzbataillon des Landwehr-Infanterieregiments Nr. 47 sämtliche Instrumente für eine vollständige Musikkapelle stiftete. Neben der Kapelle besteht noch ein Trommler- und Pfeiferkorps: auch für dieses sind die Instrumente von Salinger gestiftet worden. Aus Hamburg wird berichtet: Ter Verein zur F ö r d e r u n g r i t u e l l e r S p e i s ehäuser schließt sein Rechnungsjahr zum erstenmal mit einem Defizit ab: es beträgt 1220 Mark. Tie Mitgliederzahl hat sich ans der gleichen Hohe gehalten, doch die Spenden sind um 127O Mart zurückgegangeu. — Der Almosenkasten der Frankfurter Israelitischen Gemeinde unterstützte im letzten Jahr 1440 Familien itnb alleinstehende Bedürftige mit 178 000 Mark gegen 161 600 Mark im Jahre vorher. Mit den vermehrten Einnahmen Iiielten die wachsenden Ausgaben nicht gleichen Schritt, so daß die Fonds in Anspruch genommen werden mußten. — In Baden-Baden verschied der Mitbegründer und langjährige Vorstand der dortigen Synagogengemeinde, Herr Hoflieferant Juliils M a h c r, Ritter des Zühringer Löwenordens. - - Ter Stiftsrabbiner Dr. Kramer in Karlsruhe i. B. ist an Stelle des verstorbenen Pfarrers Adolf S-edlazek in Kürubach als Uebersetzer von Schriftstücken und als Dolmetscher für mündliche Übertragungen aus dem Ungarischen und in diese Sprache für die Zwecke der Rechtspflege im Gebiete des Großherzogtums Baden öffentlich bestellt worden. - Tie französischen Zeitungen der Schweiz berichten über den Tod des auch in Deutschland gut bekannten russischen Bariton B u ch 0 - wetzkh. Dieser war lange Jahre Mitglied der kaiserlichen Oper in Moskau und Petersburg nnd wurde dann, weil er jüdischen Glaubens war, seines Ranges enthoben. Ter Sänger starb in sehr armen Verhältnissen. — Aus Budapest wird geschrieben: Bei der letzten Session des ungarischen Parlaments versuchte der früher der antisemitischen Volkspartei ungehörige Stephan Rakowsky durch eine Hetzrede Stimmung gegen die Juden des Landes zu machen und sie in ihrem Patriotismus zu verdächtigen. Demgegenüber spriclu die Statistik beredt für den beispiellosen Opfermut unserer Brüder. Ein Ausweis der im Baukfach beschäftigten Beamten, die fast biuvl: wegs Juden sind, zeugt von dem unverhältnismäßigen Prozenlsw. den wir an Blut fürs Vaterland opfern. Von 3700 Beanlten de zwölf ersten Budapester Banken sind 2050, also 56 Prozellt krieg, dienstpflichtig. Davon sind 80 Prozent tatsächlich an der Front, gc fallen sind 4 Prozent, verwundet irnd krank 18 Prozent, gefangen 4]/2 Prozent. Ausgezeichnet wurden 3 Prozent. 436 sind als ittteni behrlich intermistisch befreit, also kaum 20 Prozent. — K. u. k. Feld rabbiner Dr. Samuel Lemberger, Rabbiner in St. George ' in Ungarn, wurde für tapferes Verhalten vor dem Feinde mit dem goldenen Verdienstkreuz mit der Krone am Bande der Tapferkeit^ Medaille ausgezeichnet. Dr. Lemberger ist der Sohn des selige;? Rabbiners Lemberger in Rozsnyo, war Schüler der Preßburg- Jeschiba und ist seit Kriegsbeginn im Felde. — Aus Bukarest wird gemeldet: Der Präsident des Verbandes der einheimischen Juden. Tr. Ad. Stern, wurde am 25. v. M. von König Ferdinand > empfangen. Tr. Stern überreichte dem König ein Memorilnn, i - welchem er die durch die Abstimlnnng des Fremdenkontrollgesetze - zu unseren Ungunsten geschaffene traurige Lage der Inden darlegt -- Die letzte Religionszählung im Königreich Italien hat im Jahr 1909 stattgefnnden und ergab 35 617 jüdische Seelen. Dazu komme noch 19 000 Jllden in Tripolis. Sehr verschiedenartig ist der Urspruw der italienischen Juden. Nach Professor Erman-o Loevinson in Ron bildeten im Altertum den Grundstock die aus Palästina und andere Teilen Asiens sowie aus Afrika Zugewanderten, deren Zuzug wedl im Mittelalter noch in der Neilzeit ganz aufgehört hat. Aber vi stärker War im Mittelalter die Zuwanderung aus Deutschland, er welche unter anderem die häufigen Familiennamen Tedeschi (Deutsii und Ottolenghi (Ettlinger) erinnern. Doch war von bedeuten' größerem Einfluß auf die Jndenheit Italiens die spanisch-port-ngiesisä Einwanderung vom Ende des 15. bis weit hinein ins 16. Jahrhundert im 11. Jahrhundert kommt noch der Zufluß aus Polen hinzu. Diele russische Juden im Ostend von London teilten das Schicks.: der Delltschen, deren Geschäftslädeu infolge der „Lusitania"-Katastrop! vom verhetzten Mob geplündert und demoliert wurden. Wie bekamn führen die meisten Inden auch außerhalb Delrtschlands deutfchklingeud Namen. Ties hat einer großen Anzahl von ihnen bei doll erwähnte. Wutausbrüchen gegen die Deutschen zum Unheil gereicht. Chauvinistisil; Zeitungen kolportierten das Gerücht, daß deutsche Spione sich a! russische Juden ausgüben, um den Verdacht von sich abzulenken. Ter -artige ilukontrollierbare Behauptungen sind dazu angetan, um der. Antisemitismus in England neue Nahrung zu geben. — Wie w> dem „Lodzer Volksblatte" vom 9. d. M. entnehmen, hatte die türkisch Regierung die Absicht, das in Palästina befindliche Vermögen de: ,Jca", welche eine englisch-französische Gesellschaft ist, zu konfiszierein Tie Leitung der Gesellschaft hat Schritte unternommen, um di türkische Regierung zn überzeugen, daß die „Jca" eine rein jüdisch Institution ist, welche Baron Hirsch gegründet und die mit Frau! reich nichts zu tun hat. —- Der bekannte palästinensische Agrouou A a r 0 n s 0 n hat den türkischen Behörden einen Plan zur Br kämpfung der Heuschrecken überreicht, die in ganz Palästina, mul in einer Reihe jüdischer Kolonien, Schaden angerichtet haben. Her Aarousou hat von dem Oberbefehlshaber der vierten türkischen Armee. Tjemal Pascha, der seinen Plan genehmigte, ausgedehnte Vollmachte' erhalteil, um die Bekämpfung der Heuschrecken in den Wilajets Beirm Jerusalem und Damaskus durchzuführen. Die jüdischen Institutionen die in Palästina arbeiten, haben zn diesem Zwecke 10 000 Francs zu Verfügung gestellt, wovon die zionistische Palüstinabank und dazionistische Palästinaamt die Hälfte übernommen haben. — Ti: Washingtoner Regierung beauftragte den amerikanischen Konsul ii Warschau, eine Untersuchung über die Lage der Juden des polnischen Operationsgebietes einzuleiten. Diese Untersuchung wurde veranlaß! durch die Beschwerden, die seitens der amerikanisch-jiddischen Pressüber die Verbrechen des russischen Heeres an der eigenen jüdische Zivilbevölkerung vorgebracht werden. Es wird erwartet, daß die amerikanische Negierung, im Falle die Untersuchung die Berechtigum dieser Beschwerden ergeben sollte, diesbezüglich Vorstellungen bein- Petersburger Kabinett erheben werde. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow. Florastraße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Reinh. Mausolff, Berlin 6 2. Druck und Verlag von Rudolf Mosse.