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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-06-25 · Heft 26 (25.6.1915) · p. Seite 312

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 26 (25.6.1915)
Date
1915-06-25
Page
Seite 312 (sequence 12)
Language
German
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rede ich immer zum Guten. Sie soll sich doch nicht noch mehr über das Stück ärgern, aber es ist ja wirklich —" „Mutter, warum schickt Selma denn das Mädchen nicht fort, wenn sie so unzufrieden ist?" „Aber, Kind," sagt sie fast erschreckt, „ist denn die Nächste besser?" Nci also! warum also über diese so viel reden?! Ich kann cs bald nicht mehr mit anhören. (Fortsetzung folgt.) Litrrsrilchr Mitteilungen. H eines Werke in zehn Bände n. Unter Mitwirkung von Jonas Frankel, Ludwig Krähe, Albert Leitznmnn, Paul Neuburger und Julius Petersen herausgegeben voll Oskar WalZel. Zehnter Band. Leipzig, im Jnsel-Berlag, 1915. Der letzte Band der großen, mehrfach erwähnten Heine-Ausgabe bietet — ganz abgesehen davon, daß alles, was Heine schrieb, für uns bedeutungsvoll ist — für unsere Leser ein ganz besonderes Interesse. Dieses wird vor allein dadurch erregt, daß unser Band die „Geständnisse", die „Memoiren" und die „Gedanken und Einsülle" enthält. Die „Geständnisse" sind das religiös bedeutendste Werk Heines, ein Buch, das neben manchem Geschwätzigen und Ungeordneten die volle Absage Heines vom Hellenismus und seine Rückkehr zum Glauben, in gewisser Weise znm Judentum, enthält. Man beachte nur die wu-nderbare stelle, die so lautet: „Wie ül>er den Werkmeister, Hab' ich auch über das Werk, die Juden-, nie mit hinlänglicher Ehrfurcht gesprochen, und zwar gewiß wieder meines hellenischen Naturells wegen, dem der jüdische Asketisnius zuwider war. Meine Vorliebe für Hellas hat seitdem abgenommeu. Ich sehe jetzt, die Griechen waren nur schöne Jünglinge, die Inden aber loaren immer Männer, gewaltige, unbeugsame Männer, nicht bloß ehemals, sondern bis auf den heutigen Tag, trotz achtzehn Jahrhunderten der Verfolgung und des Elends. Ich habe sie seitdem besser würdigen gelernt, und wenn nicht jeder Geburtsstolz bei den Kämpen der Revolution, und ihrer demokratischen Prinzipien ein närrischer Widerspruch wäre, so könnte der Schreiber dieser Blätter stolz darauf sein, daß seine Ahnen dem edlen Hause Israel augehörten, daß er ein Abkömmling jener Märtyrer, die der Welt einen Gott und eine Moral gegeben und auf allen Schlachtfeldern des Gedankens gekämpft und gelitten haben. Die Geschichte des Mittelalters und selbst der modernen Zeit hat selten in ihre Tagesberichte die Namen solcher Ritter des heiliger: Geistes eingezeichnet, denn sie fochten gewöhnlich mit verschlossenen: Visier. Ebensowenig die Taten der Juden wie ihr eigentliches Wesen sind der Welt bekannt. Man glaubt sie zu kennen, weil man ihre Bärte gesehen, aber mehr kam nie von ihnen zum Vorschein, und wie im Mittelalter sind sie auch noch in der modernen Zeit ein wandelndes Geheimnis. Es mag enthüllt werden an dem Tage, wovon der Prophet geweissagt, daß es alsdann nur noch einen Hirten und eine Herde geben wird und der Gerechte, der für das Heil der Menschheit geduldet, seine glorreiche Anerkennung empfängt." Aber ungemein wichtig sind auch die großen Ausführungen Seite 187 ff., wo die Juden vor allem deshalb gerühmt werden, weil ihnen das Wort Gottes, die Bibel, verdankt wird, und ferner die sehr schöne Darlegung Seite 192 jf. über Juden und besonders Moses in ihrem Verhältnis zur Sklaverei. In den „Memoiren", die uns bekanntlich nicht in dem Umfange überliefert sind, in dem sie geschrieben werden sollten oder wirklich geschrieben wurden — darüber herrscht noch immer ein Streit, der schwerlich jemals entschieden werden kann —, sind vor allem die Schilderungen der jüdischen Verwandten, des Vaters, der Mutter, des Oheims von außerordentlicher Bedeutung. Endlich enthalten die „Gedanken und Einfälle", die neben mancher Spreu auch viele Goldkörner bergen, auch eine außerordentliche Menge wichtiger Aussprüche über Juden und Judentum. In ihnen steht eines der bekanntesten Worte Heines: „Der Taufzettel ist das Entreebillett zur europäischen Kultur", das ja auch heute seine, wenn auch bedingte Wahrheit nicht verloren hat, außerdem eine ganze Anzahl merkwürdiger Aeußerungen über das Haus Rothschild. Hervorhebung verdient ferner die Ausführung: „Judentum-Aristokratie: ein Gott hat die Welt erschaffen und regiert sie, alle Menschen sind seine Kinder, aber die Juden find seine Lieblinge, und ihr Land ist sein auserwähl- 312 . tes Dominium. Er ist ein Monarch, die Juden sind der Adel, .und Palästina ist das Exarchat Gottes." Sodann der Spruch: „Die Juden loaren die einzigen, die bei der Christlichwerdung Europas sich ilue Glaubensfreiheit behaupteten." Endlich der Satz: „Die jüdische (beschichte ist Mn, aber die jungen Juden schaden den alten, die nun lveit über die Griechen und Römer setzen würde." „Ich glaube: gäde es keine Juden mehr, und man wüßte, es befände sich irgendlvo ä, Exemplar von diesem Volk, man würde hundert Stunden restn, um es zu sehen und ihm die Hände zu drücken — und jetzt wer,ln man uns aus." In der Vorrede zu Weills Novellen, den ersten Bauernnovellen, die in Deutschland geschrieben wurden, wie Weill sich freilich nicht mit Recht rühmte, wird das Judentum des eigenartigen Verfasse^' Alexandre Weill, eines Elsässers, der aber vollständig zum Franzvvn wurde, merkwürdigerweise nicht erwähnt. Man sieht aus den vorstehenden Bemerkungen, welchen Schatz der vorliegende Band überliefert. Er ist in derselben gewissenhaft!, Weise wie die früheren derselben Edition bearbeitet, textkritische u d erklärende Anmerkungen werden jedem einzelnen Abschnitt hinzngefüü Manchmal hat man freilich den Eindruck, es hätte in dieser Hinsiwr noch etwas mehr geschehen können. Ost hat Heine oder derjenige, der die Arbeiten zuerst gedruckt hat, bei Erwähnung von Person,/, besonders denen, von denen übel gesprochen wurde, Sternchen st,m der Namen gedruckt. Leider wird niemals oder wenigstens semselten der Versuch gemacht, solche Abkürzungen auszulösen. GewJ ist ein solcher Versuch schwierig, und es ist besser, nichts zu sageil. als sich in leeren Kombinationen zu ergehen, aber man sollte denke/-, daß die Herausgeber hier mehr hätten tun können, als sie wirktiä; getan haben. Doch soll diese kleine Ausstellung die Anerkennt! j der vortrefflichen Arbeit nicht schmälern. Den Käufern unserer Ausgabe, und hoffentlich entschließen sich vi.\e unserer Leser zum Erwerb derselben, sei endlich mitgeteilt, daß noch ein Ergänzungsband folgen soll, der ein von P. Neuburger bea. tetes Namen- und Sachregister mit allen erforderlichen Daten svw >? am Schluß eine Bibliographie der zu Heines Lebzeiten felbftöiü; i erschienenen Werke Heines sowie der wichtigsten Heine-Literatur eoo halten soll. Dieser Ergänzungsband war sür den Herbst 1914 angekündigt, infolge des Krieges ist er wohl noch nicht ausgegebe-;; hoffen wir auch hierfür aus bessere Zeiten. In den bisher noch nicht besprochenen Bänden der erwähnten Au-, gäbe, Band 3, 4, 5 und 8, sinder: sich gleichfalls für unsere Zwecke fdu wichtige Stücke: in dem Gedichtbande (3) die hebräischen Melodien die reichlich und sehr verständig kommentiert sind, lvobei hanptsächl! n der, wenn ich nicht irre, zuerst von Helene Herrm-anngeführte Bewe benutzt ist, daß Heine für seine Angaben über Jehuda Halevy sich iu' wesentlichen des Werkes von Michael Sachs „Die religiöse Poesie drr Juden in Spanien", Berlin 1845, bedient hat. In einen: andere u Bande steht der „Rabbi von Bacherach", wo in den Anmerkungen aui Schudt als Hauptquelle hingewiesen wird und die vorkommend-, u hebräischen Worte verständig erklärt werden. Ein Hauptinhalt ein.- weiteren Bandes bildet die Denkschrift aus Ludwig Börne, die na.'i unserem Dafürhalten freilich nicht zu den Meisterwerken Heines hört, weder durch ihre Komposition noch durch den Geist, der aus iin spricht. Ferner eine Entgegnung auf Ludwig Wihl, die ein gewisse Interesse für uns besitzt, weil der Zurechtgewiesene jüdischen Ursprungs ist. Die Texte dieser und der anderen in diesen Bänden ver einigten Schriften werden mit der schon mehrfach gerühmten Sora salt abgedruckt; die Anmerkungen sind sorgfältig, geben aber keine?! Anlaß zu weiteren Bemerkungen. Unter den Vermischten Gedichten sind auch einzelne recht häßliche gegen Meyerbeer gerichtete zu erwähnen, in denen das bekannte Spottwort Beerenmeyer vorkomn n Meyerbeer, aus dessen Verhältnis zu Heine wir schon früher gelegentlich eingegangen sind, wird in diesen Gedichten übermäßig hart angegriffen, ebenso in einigen anderen furchtbar derben Gedichten anl den König von Preußen, Friedrich Wilhelm IV., die im Gegensatz zu anderen Ausgaben hier vollständig abgedruckt werden. In einen: dn Gedichte fingiert der Poet lustig, aber unwahrscheinlich genug, dau nicht Meyerbeer von König, sondern daß der König von Meyerbeer bezahlt werde. Man steht aus dieser kurzen Zusammenstellung, wie außerordew lich viel von speziell jüdischem Interesse die neue Ausgabe enthält Da sie sich auch durch hübsche Ausstattung empfiehlt, so sei sie unseren Lesern aufs wärmste empfohlen. L- G.

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