Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1915)
- Date
- 1915-06-25
- Page
- Seite 311 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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311 mein Moritz immerzu, der ganz blaß aussah vor Abschiedsweh und nicht wußte, was er mir alles an Blumen und stärkenden Essenzen mitgeben sollte. Erst nach und nach, im boupe, beruhigte ich mich! wieder. Aber seit ich durch diese kleinen traulichen Räume ging, die nichts als Familienfrieden atmen, ist es mir, als sei alles anders, als sei ich geschützt vor allem Bösen in mir selbst. lieber dem Sofa hängt, so viel sah ich noch, meines seligen Schwiegervaters Bild in einem grünen Blattgewinde. Auf dam Klavier stehen unzählige Photographien von meinem P oritz in jedem Jahrgang. Ich glaube, meine Schwiegermutter war etwas enttäuscht, daß ich Moritz' Bilder und die schön« Empfangsnudelsuppe gestern abend nicht mehr genießen konnte. Dann brachte sie mich in mein Stübchen, das iie mir mit den Worten: „Hier schläft Moritz auch immer," e-ipfahl. Sie erzählte mir noch schnell, daß mein Bett nur l edern von selbstgemästeten Gänsen enthielte, und daß Gänsen,ästen eine große Arbeit sei. Sie hat mir auch ihre Methode ausführlich auseinandergesetzt. Aber ich habe sie nicht ganz e halten. Ich mußte noch schnell einmal bewundernd in die l ecke fühlen, so müde ich war. Nachts habe ich immer gelacht: Hätte die Schwiegermama doch weniger Gänse in rem Leben gemästet, so verdienstvoll und vorteilhaft das an <!> sein mag. Wie unter einem schweren Sack lag ich. Daunen l aben wohl selbstgezogene Gänse nicht? Aber das schadet nichts. Die nächste Nacht schlafe ich schon besser. Es ist gut, daß Erna nicht mit ist. Allein kann man sich el besser gewöhnen. Sie mokiert sich über alles gleich so und will sich gleich immer totlachen. Ich aber will ernst sein, will i iit offenen Augen schauen lernen. Wo könnte ich besser mein;;:ct erreichen als hier: eine gute jüdische — ja, jüdische! es liegt, aaube ich, etwas in dem Wort, etwas, was von Rifkes Festlich herweht und von dem Ehrenplatz über dem Sofa mit dem rünen Erinnerungszweig, aus dem das Bild meines Schwiegervaters herabgrüßt eine jüdische Hausfrau will; 1i werden, eine, die ihren Mann hochhält und ihn glücklich acht und ihm ein kleines Königreich in seiner Häuslichkeit H,afst. Paßt du zum König, mein Moritz? Ich mache dich da- 'u. Hörst du, ich m a ch e d i ch d az u. Wo lerne ich das besser, e!* bei deiner guter frommen Mutter, die keinen anderen Gemken kennt als dich?! Mein Moritz, du hast dir meine Reise erher so gewünscht. Will's Gott, soll sie dir zum Segen erden. Den.1913. Der erste Tag in Ellersleben ist vorbei. Ich bin meiner Schwiegermutter auf Schritt und Tritt nachgelaufen, und sie wit sich über meinen Lerneifer und darüber, daß ich ihr ihre Methode absehen will, sehr gefreut, denn darin ist sie ganz nrs Moritz' Meinung, daß ihre die beste von der Welt ist. >lch, was sage ich? Beste? Ihre ist die einzig gute. Nur une Frau macht es außer ihr noch richtig auf der Welt. Das a Selma, meine Schwägerin, die „auch delikat kocht". Ich klaube, Mutter hat sich ein wenig erschreckt, als ich auf die frage: „Wie macht ihr denn das zu Haus, Edithchen?" antworten mußte: „Mutter, ich will erst kochen lernen." Jetzt würde Mama daheim einen schönen Schreck kriegen, wenn sie wüßte, wie schnell ich mich verraten habe. Aber Butter verlor nicht die Fassung, sie blieb lieb und nett zu mir. ich fühlte ihren Schreck mehr, als daß sie sich ihn anmerken ukß. „Desto besser kann ich es genau so lernen, wie du es machst, Butterchen," sagte ich herzlich, „und wie es unserem Moritz an besten schmeckt." „Unser" Moritz! Das schlug die Brücke wieder, die eben einen kleinen Bruch bekommen hatte. Offen gestanden, noch denselben Vormittag habe ich ein wenig bereut, mich so ganz und gar ausgeliefert zu Haben, — die Schwiegermama ist ein bißchen reichlich lehrhaft. Mich anlernen für ihren Moritz, das ist eine Aufgabe, die sie mit etwas gar zu wortreichem Eifer betreibt. Sie ließ heute Gänseschmalz aus und goß es in die angewärmten Glaskrausen. „Moritz ißt nur mein Schmalz gern." Ich kam mir selber bald vor wie ein Gefäß, in das sie alle die guten Lehren und Weisheiten gießt, daß ihr Junge nur lebenslang Wohltuendes und Wohlschmeckendes daraus schöpfen kann. Augewärmt werde ich auch, mit lieben herzlichen Worten, aber sie gelten alle dem Empfänger dort und werden nur angewendet, daß es keinen Sprung gibt und das Gefäß nichts von seinem köstlichen Inhalt verliert. Pfui, Edith, nun ist Erna nicht mit, und du mokierst dich doch! Daß die Schwiegermutter etwas reichlich verliebt ist in ihren Einzigen, das stimmt. Aber daß du das gleich am ersten Tag merkst, ist doch eine Schlechtigkeit von dir. Nachmittags kam Selma, meine Schwägerin. Große Aehnlichkeit mit Moritz (welche Bemerkung gleich Mutters und ihre Augen in geschmeicheltster Freude aufstrahlen ließ), aber das Gesicht ins Aeltere, Ländlichere, beinahe möchte ich sagen. Ungebildetere übersetzt. Meine Schwägerin war etwas verlegen gegen mich, aber sie bemühte sich, herzlich zu sein. Erst als Mutter sagte: „Na, hast du's ihr gesagt?", war der Bann gebrochen, und nun erst merkte ich, über was für einen Redefluß meine Schwägerin verfügt. „Sie," von der nun eine Halbe Stunde lang ununterbrochen die Rede war, deren empörende Frechheiten und Nachlässigkeiten — ich fand sie alle gar nicht so empörend — Selma mit vor Eifer und Aerger sich rötendem Gesicht und zornig funkelnden Augen vortrug, ist „Lene", Selmas Dienstmädchen. Sie ist zu spät vom Urlaub zurückgekommen und hat noch freche Redensarten gehabt. Das heißt, es lagen noch viele andere Delikte vor, ich konnte sie nur nicht alle so behalten, denn das „da sage ich" und „da sagt sie" schwirrte nur so in unzähligen Bia len an meinem Kopf vorbei, und dabei klapperten die zvrneilig kreisenden Stricknadeln, und ich dachte bei mir: „unterhalten sich Btutter und Tochter immer so interessant? Das kann ja nett werden, so sechs Wochen lang." Den.1913. Nein, sie haben noch ein zweites Thema. Selma kommt jeden Tag ein bis zweimal, und wir gingen auch gleich den ersten Abend hin. Mutter hält ans die nötige Ehrerweisung. Da sah ich auch flüchtig den Schwager, der aber gerade zum Unterricht gehen mußte. Er ist so semmelblond, wie man es selbst unter Christen selten findet. Weiter fiel mir nichts an ihm auf. Nächsten Sonnabend gehen wir erst in den Tempel und dann zu den Bekannten. Offen gestanden, mir graut ein wenig. Die Abwechslung in der Unterhaltung ist: der Schlachter. Er teilt sich mit Lene in den Lorbeer, Mutters und Selmas ganzen Unterhaltungsstoff zu liefern. Auch er empört und interessiert sie gleichermaßen. Erst wird das Ereignis, ob er geschächtet hat oder nicht, wie eine zündende Neuigkeit angebracht und ausgenommen, und dann schickt er immer schlechte Teile. Wie sie sich das beschreiben, das empörend große Knochenmaß mit den Händen vormessen: „ungelogen, so einen Knochen!" — Gott verzeih mir, aber ich ringe manchmal unter dem Tisch die Hände, so langweile ich mich. Wie soll ich dabei meinen inneren Frieden wiederfinden? Den.1913. Das heißt, wenn die Mutter sich nun auch noch zu mir allein über Lene ausspricht, streike ich. „Zu dir gesagt, Edithchen. Denn Selma will ich nicht noch aufregen. Da