Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1915)
- Date
- 1915-06-25
- Page
- Seite 307 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229204--71419-3283758- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
30? wieder ihr giftiges Haupt emporhoben. Wenn Dohm, wie Mendelssohn betont, „jene unmenschlichen Anklagen gegen die ^uden, die die Merkmale der Zeiten und der Mönchszellen an sich tragen, in denen sie ausgeheckt tvorden, kaum einer s! sichtigen Berührung gewürdigt hat", da er sie in seinem Leserkreise für längst erstorben erachtete, so wußte der jüdische Philosoph, der die Leidensgeschichte seines Volkes in ihren tiefsten Tiefen gelesen hatte, an den sich seine Glaubensgenossen llimer wieder rat- und hilfeheischend in ihren Bedrängnissen wandten, daß jene dumpfen Vorurteile noch lange nicht an ihrer Grundlosigkeit erloschen waren, daß die Wahngebilde der P runnenvergiftungen, der Heiligtumschändungen, der Ritualworde, immer wieder von fanatischen Glaubenseiserern angewcht, zu neuem Leben erwachten, wenn auch jene plumpen Benßuldigungen im aufgeklärteren 18. Jahrhundert mehr und wehr durch feiner geschlissene Waffen ersetzt würden. Sie jemals enter der stumpfen Menge vollständig auszurotten, daran verzweifelte Mendelssohn in müder Resignation, nachdem er in diesem Kampfe seine besten Kräfte eingesetzt hatte: „Man kann einem verjährten Vorurteile alle Wurzeln durchschneiden, ohne i' m die Nahrung zu entziehen. Er saugt solche allenfalls aus ker Luft... Vernunft und Menschlichkeit erheben ihre Stimme umsonst, denn grau gewordenes Vorurteil hat kein Gehör." Tie Vergeblichkeit aller Versuche, törichten, weit verbreiteten Mgendendichtungen von jüdischen Greueltaten durch die Wucht d r historischen Tatsachen den Boden abzugraben, sowie die Mutigen Schatten der noch zu Mendelssohns Zeiten dem llubenswahn geopferten beiden Rabbiner in Posen — sie iraren dem Moloch des Ostermord-Märchen gefallen — ließen Mendelssohn an einem endlichen Sieg über die Mächte der Finsternis und des Aberglaubens verzagen. Hier scheiden sich j scharf die Wege des in freier Atmosphäre lebenden, der Zukunft! s as Höchste zutrauenden Dohm von dem Pfade des in Leiden! ^reiften, erfahrenen Mannes. Mehr als ein Jahrhundert ist : witdem verflossen, aber noch immer geht, zur Schmach des;!und 20. Jahrhunderts, das Gespenst des Ritualmordes im j mkclstcn Winkel Europas um, und kein Geist der Toleranz s annt es zur ewigen Ruhe. Wie ein mißtönendes Echo jener . raufen mittelalterlichen Stimmen, wie eine Bestätigung der llendelssohnschen Skepsis klingen in unseren Tagen des nordischen Schriftstellers Aage Madelung unbarmherzig wahre Schilderungen russischer Judenverfolgungen in seinem Roman Die Gezeichneten", ein hoffnungsloses Bild der ewigen .iiederkehr menschlicher Verblendung! Mit diesem prophetischen Kassandrablick für die Unvernichtt'arkeit menschlichen Irrwahns begabt, vermochte Mendelssohn keineswegs an die baldige Verwirklichung Dohmscher Hossenngsträume, an die bürgerliche Gleichstellung der Juden zu niauben; auch hier gaben die Tatsachen seinem Zweifel recht. Penn noch ein volles Menschenalter mußte die jüdische Bevölkerung Preußens vergeblich aus diese Rechte harren, während 'unser Josefs milder Herrschevsinn sie seinen Untertanen wohl vston im Jahre 1781 durch das Toleranzpatent gewährt lullte, aber auf dem noch unbestellten Boden seiner Zeit nicht die erwünschte Ernte seiner köstlichen Friedenssaat emporwrießen sah. Und so, „wenn auch alle Vernunftgründe sich vereinigen, den Juden an den Rechten der Menschheit gleichen ■'( nteil zuzusprechen", sucht sich Mendelssohn in seiner „Vorrede" doch nur mit den augenblicklichen Verhältnissen auseinanderuisetzen und abzufinden, sucht als ein kluger Anwalt seines Volkes darzulegen, wie sehr dieses selbst in seiner gegenwärtigen dürftigen Verfassung dem Staate, dessen Duldung und Gastfreundschaft es genieße, nützlich und segensreich werden könne, wie es des duldsamen Hollands blühender Handel bewiese. Wenn Dohm mit der ganzen Kraft seiner von leidenschaftlicher Gerechtigkeits- und Menschenliebe befeuerten Beredsamkeit für die Zulassung der Juden zu den ihnen verschlossenen Berufen, zu Ackerbau, Handwerk, Wissenschaften und Künsten, ja, selbst zum Kriegsdienst ficht und den Vorwurf mangelnder Fähigkeiten mit den schlagendsten historischen und praktischen Argumenten zurückweist; wenn er, als ein wahres Kind der Ausklärungszeit und in naher Berührung mit ähnlichen Reformbestrebungen Kaiser Josefs und der aufgeklärteren jüdischen Kreise selbst, das geistige Niveau der Juden durch erhöhte Bildungsmöglichkeiten zu heben trachtet und ihnen — eine in jenen Tagen ungeahnte Kühnheit — auf diese Weise sogar die Eignung und den Zutritt zum Staatsdienst, wenn auch erst in späteren Generationen, zu erringen hofft: so gedenkt Mendelssohn in seiner „Vorrede" mit keinem Worte dieses Zukunftsstaates. Er kennt nur zu wohl jenen furchtbaren eisernen Ring, den der Haß, die Unduldsamkeit und der Brotneid seit Jahrhunderten fest um sein Volk geschmiedet hatten, es gewaltsam von allen nützlichen Beschäftigungen sernhaltend, um dann im unentrinnbaren Zirkel diesen Mangel an Kultur zum Vorwand neuer Unterdrückungen zu machen. „Man bindet uns die Hände und macht uns zum Vorwurfe, daß wir sie nicht! gebrauchen", so klingt Mendelssohns ergreifende Klage um seines; Volkes Geschick. An seinem eignen Blute mußte er es erfahren,! wie eng und undurchbrechbar die Grenzen gezogen waren, : innerhalb deren die Juden sich bewegen durften; als sein Sohn 1 Josef wenige Jahre später vor die Berufswahl gestellt war, da schrieb er im bittersten Gefühl ohnmächtigen Vaterschmerzes an Elise Reimarus: „Herzlich bedaure ich es, daß ich ihn den j Wissenschaften entziehen muß, um einen Knecht des Mammons I aus ihm zu machen. Zur Arznei hat er nicht Lust, und als 1 Jude muß er Arzt, Kaufmann oder Bettler werden." Und wie schwer das Ahasvergeschick, die Heimatlosigkeit der Juden, auf seinem Gemüt gelastet, das können wir auch aus einer wie zufällig hingeworfenen Zwischenbemerkung in der „Vorrede" herauslesen: „Der geringste Handelsjude ist . . . ein nützlicher Einwohner (ich darf nicht sagen Bürger) des Staates." Eines Volkes jahrtausendaltes Leid zusammengedrängt in einer Parenthese! Aber ist Mendelssohn auch keineswegs gewillt, sich zum Kampfgenossen Dohms im aussichtslosen Ringen um die Eroberung noch unerreichbaren Neulands zu machen, so ist er ein um so leidenschaftlicherer, kühnerer Streiter, wo es den Boden, in dem sein Volk wurzelt, gegen ungerechte Angriffe zu verteidigen gilt. Die schärfsten Waffen seiner Dialektik läßt er spielen, um die Juden von dem Vorwurf zu befreien, sie seien als ein bloß Handel treibendes Volk eine unproduktive Nation, ein Schmarotzer im großen Staatenhaushalt. Mit messerscharfer Prägnanz zieht Mendelssohn hier die Grenzen zwischen Hervorbringer und Verzehrer, mit unwiderlegbarer Deutlichkeit darlegend, daß fast alle Berufe mit dem gleichen Recht wie der Handelsstand als unproduktiv bezeichnet werden müßten; aber „nicht bloß Machen, sondern auch Tun heißt hervorbringen". Hier bei dieser Scheidung subtilster logischer Begriffe steht der scharfsinnige Freund Lessings auf seines Geistes eigenstem Machtgebiet. Doch Mendelssohn verliert sich durchaus nicht in bloß theoretischen Spekulationen. Wie er für den freien Wettbewerb aller Kräfte, das segensreiche Spiel der möglichst ungehemmten Konkurrenz des Handels eintritt, das zeigt den erfahrenen Mann des praktischen Lebens, zeigt den offenen Blick für die Wohlfahrt des Staates und mutet uns selbst heute noch modern und fortschrittlich an. Und wie eine Vorahnung der weiseren Menschenökonomie künftiger Jahrhunderte erscheint des Philosophen Betonung des Zusammenhangs zwischen der Bevölkerungszunahme und dem Wohlstand eines Staates im Gegensätze zu Dohm, der, weniger weitblickend, eine Grenze der Maximaldichtigkeit anzusetzen geneigt war. Hatte aber Mendelssohn bis zu diesem Punkt der Schrift Dohms nur einschränkend und ergänzend, jedoch in den