Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1915)
- Date
- 1915-06-25
- Page
- Seite 308 (sequence 8)
- Language
- German
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308 Grundtendenzen zustinunend gegenübergestanden, so tritt er nun in einer prinzipiellen Frage in den schroffsten, unüberbrückbaren Gegensatz zu dessen Anschauungen: in der Frage nach dem kirchlichen Recht im allgemeinen und dem priesterkichen Bannrecht im besonderen. Hier rührt Mendelssohn an den tiefsten Lebensnerv seines geistigen und sittlichen Seins, an den Gedanken der Toleranz. Die Wahrung der eigenen freien Meinung und die Achtung vor der gleichen Freiheit des Nebenmenschen, das ist die göttliche Lehre, in der sich die hervorragendsten Geister des Jahrhunderts wie in einer hohen Kirche über allen Kirchen vereinigen. Aufklärung wie Humanität, die beiden beherrschenden Strömungen des 18. Jahrhunderts treffen zusammen in der Heilighaltung der Gewissensfreiheit. Die weisesten Denker der Zeit predigen sie in ihren Schriften, zwei mächtige Herrscher machen sie zum kategorischen Imperativ ihres Handelns, und aus den Schöpfungen unserer größten Dichter ertönt ihr Hochgesang in unvergänglicher Weise. Das ist die geistige Atmosphäre, in der auch Mendelssohn lebte und schasste und aus der heraus er den Begriff eines kirchlichen Rechtes, einer kirchlichen Getvalt als Absurdität erfassen und weit von sich weisen mußte — ein Problem, das er in seinem späteren großen Werke „Jerusalem" bis in seine letzten Konsequenzen verfolgte. In der „Vorrede" aber weist er vor allem die Forderung Dohms, der jüdischen Obrigkeit — denn Dohm verlangt für seinen jüdischen Staat Autonomie — das kirchliche Bannrecht zu erteilen, auf das entschiedenste zurück, nur allzu wohl erkennend, wie hier für einen unduldsamen Glaubenssanatismus im eigenen Lager der gefährlichste Zunder gehäuft würde, während die besten Hände damit beschäftigt waren, diesen fürchterlichen Brand zwischen den verschiedenen Konfessionen zu ersticken. Mit historischen wie mit ethischen Gründen belegt Mendelssohn seine Lehre, daß dieses kirchliche Bann- und Ausschließungsrecht niemals bestehen dürfe; denn „das Andachtshaus der Vernunft bedarf keiner verschlossenen Türen". Mit aller Kraft warmherziger Beredsamkeit tritt Mendelssohn für die unglücklichen Opfer engherziger Unduldsamkeit ein, sich auf das engste mit ähnlichen Gedanken Herders und Lessiugs berührend. Und wenn Mendelssohn in seiner Schrift „Jerusalem" mit einem Appell zur Duldsamkeit an die herrschende Kirche schließt, so wendet er sich hier, ein gütiger und gerechter Mittler, als der er Zeit feines Lebens zwischen den Konfessionen gestanden, mit der gleichen Bitte an die eigenen Glaubensgenossen: „Wollt Ihr gehegt, geduldet und von andern verschont sein, so heget und duldet und verschont Euch untereinander! Liebet, so werdet Ihr geliebet werden!" So lautet des Weltweisen bestes sozialpolitisches Vermächtnis an die Nachwell: ein Evangelium der Menschenliebe und Duldsamkeit. Familiennamen in der jüdischen Gemeinde in Berlin. Bvn Heinrich Neu st. er Name sollte eigentlich wie eine Etikette den Gehalt, das Wesen einer Sache angeben, er sollte einen Blick in ihren Wert und Zweck, in ihre Seele tun lassen. In Wirklichkeit ist er häufig nur etivas Zufälliges, das mit der Sache in keinerlei Beziehung steht. Der Name ist eben nur ein Name, ein Schall, ohne zwingenden Grund, ohne Sinn und Bedeutung. Geradezu sinnlos sind oft die Stamm- oder Familiennamen der Juden. Sie werden dem Träger ohne dessen geringstes Verschulden zum Aergernis und Verhängnis. Ein Lexikon führt als Beispiel eines aufgezwungenen Familiennamens die schöne Wortbildung „Kaualgeruch" an. So belustigend ein solcher Name für den unbeteiligten Dritten ist, so beschämend und krän-! kend ist er für den Herrn oder die gnädige Frau Kanalgernu Viele ähnliche Wortungeheuer werden noch jahrzehntelang m, jene Zeit der Schmach erinnern, in der der Jude, das Kürn des Ghettos mit seinem erbärmlichen Kauderwelsch, als Objeu des Spottes und des Mutwillens der Willkür niedriger Beamter preisgegeben war, in der die Juden, jedes ästhetischen Sinne: bar, Wohlgefallen an jüdisch-deutschen Namen fanden, die heule das Mißfallen ihrer Enkel, die jene Namen als Familiennamen tragen müssen, mit Recht immer von neuem erzeugen. So sein das Verleugnen der jüdischen Stammes- und Glaubenrangehörigkeit und, als dessen Begleitumstand, das Bestreben, jüdisch klingende Namen in neutrale, nichtssagende, sinnlose umzunennen, zu verurteilen ist, so berechtigt ist die Bemühung jener unserer Glaubensgenossen, die sich mit Einwilligung d.r Regierungsbehörden von einem Namen lösen wollen, der ihm.: zum schlimmen Schicksal geworden ist. Nicht jene Familie , allein, auch die weitere jüdische Gesamtheit darf sich freuen, von jenen Erinnerungsmalen früherer Schmach und ehemalig,-: Unverstandes befreit zu werden. Woher stammen die deutsch-jüdischen Familiennamen? Diese Frage möchte ich an der Hand des „Verzeichnisses d>, wahlfähigen Mitglieder der jüdischen Gemeinde zu Berlin im Jahre 1913" — also in beschränktem Maße — zu beantworte - suchen. Das Verzeichnis führt aus der Zahl der 136 000 jm bischen Seelen von Groß-Berlin 24 231 wahlfähige Mitglied,> namentlich aus. Niemand sieht es dem schlichten Werke, möchte ich es nennen, an, wieviel Arbeit und Mühe seine He,- stellung verursacht hat. lieber 24 000 Nummern, und je,, Nummer gibt einen Familiennamen mit Vornamen, Bern;, Wohnort, Straße und Hausnummer an. Das Verzeichnis m des Studierens wert. Manche Nummer nennt einen Name,., der durch die Intelligenz, die Kunst, die charitative Wirksamke,. die politische Tätigkeit seines Trägers berühmt geworden i;. Also nachträglich ist die Etikette erst zu einem Namen vo, Klang -und Inhalt geworden. Die Lehrstühle der Hochschule,,. Forschung und Wissenschaft, Richter- und Anwalts gemü, Hoch finanz und Großhandel, Oper und Schauspiel, Dichtkunst uu Erzählung, Malerei und Tonkunst, Presse und Kritik fiilden ihr besten, vielgenannten, heute im Vordergrund des Jnteressegehenden Vertreter in diesem Namensverzeichnis. Sie bekenne!, sich zum Judentum. Sie sind bereit, ihre Steuer der jüdische,, Gemeinde zu entrichten. Unbeachtet lasse ich alle jene Namen, die nach Schreibweise und Klang als russische oder polnische erscheinen. Und deren sind es sehr viele. Der Name Berlin übt auf die Osteuropäer jüdischen Glaubens eine magische Anziehung aus. Die Bii dungs- und Erwerbsmöglichkeiten in diesem Zentrum der Ir, telligenz, der Kunst, der Industrie und des Handels -haben e. wohl veranlaßt, daß wohl drei Viertel aller Berliner Jude,, von „jenseits des Stromes", der Oder, gekommen sind. „Wir kommen ja alle über den Schlesischen Bahnhof", sagte mir Iren herzig ein jüdischer Arzt. Die alten, ureingesessenen Berlin, Familien, die noch heute als das echte Patriziat gelten können, verschwinden in der Ueberzahk der der Geistesbitdung und den: sozialen Aufstieg zustrebenden Eingewanderten. Das cüi,' Heimatsgefühl pflegen diese Ostelbier in den Vereinen „de- Schlesier", „der Ostpreußen", „der Westpreußen", „der Liss-aer und anderen. Sie hielten sich nicht lange in der Gegend de-:- Schlesischen Bahnhofs oder in der Nähe des Alexanderplatzr-, auf. Und mancher Galizier wechselte die Wohnung, um an der Andreasstraße über die Schönhauser Allee den Weg nach dem Westen in Wilmersdorf zu beenden. Den Süd- und Wes! deutschen, der mit anderer Vorbildung und reichlicheren Existenz Mitteln sich, wenn auch widerwillig, in Berlin niederläßt, be trachten die aus dem Osten zugewanderten Brüder nicht als ganz und gar vollwertig oder vollsinnig. „Ein Aschkenas ist ein Petta-ch" (d. h. ein westelbischer Jude ist ein komischer Narrst