Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1915)
- Date
- 1915-06-25
- Page
- Seite 304 (sequence 4)
- Language
- German
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304 Das russische Volk ist seiner Natur nach durchaus liberal, tolerant und friedenssreundlich. Wenn Rußland das Land der Pogrome wurde, so kam das daher, daß der deutsche Einfluß sich bis auf die Polizei erstreckte. Sie wurde bestochen, um das Land zu spalten und die russischen Bauern gegen die Juden aufzuhetzen — dieselben Bauern, die bis dahin mit den Inden in gutem Einvernehmen gelebt hatten, aber in ihrer naiven Gutgläubigkeit auf die Behauptungen der von Berlin besoldeten russischen Polizei hineinfielen. Es steht fest, daß zu allen Pogromen von der Polizei aufgereizt wurde. Daß die Polizei aber unter deutschem Einfluß stand, ist unzweifelhaft. So haben wir denn das Bild eines Deutschland, das einen Staat inr russischen Staat bildete, um die Slawen untereinander uneinig zu machen." In Kriegszeiten wird ja mancher Unsinn in den Zeitungen aller Länder gedruckt. Daß einer unserer Feinde aber auf den Gedanken verfallen würde, uns für die russischen Judenpogrome verantwortlich zu machell, das hätten wir doch nicht für möglich gehalten, wenn wir uns nicht mit unseren eigenen Augen davon überzeugt hätten. Und daß es gerade der „Temps" sein mußte, das sonst doch ernsthafte Organ der französischen Negierung, der das Tartarenwippchen feinem Mitarbeiterkreise einverleibte! Leo Liepmannslohn. Buchhändler und Antiqttar Leo LiePmanns - sohn, der am ll. Mai 1915 gestorben ist, war am 8. Februar 1840 in Landsberg a. W. geboren. Seit seinem 12. Jahre lebte er in Berlin, besuchte dort das Werdersche Gymnasium und legte daselbst sein Abiturientenexamen ab. Später kam er in die Ashersche Buchhandlung in die Lehre, übersiedelte nach Paris 1861 und begründete dort eine Buchhandlung. Während des Deutsch - Französischen Krieges muhte er nach England flüchten, kehrte zwar 1871 nach Frankreich zurück, hatte aber in dem Lande, das ihm sonst so wohl gefiel, derartige Unannehmlichkeiten zu bestehen, daß er sich genötigt sah, es 1872 endgültig zu verlassen. 1874 gründete er, nachdem er eine Zeitlang als Teilhaber des Asherschen Geschäfts tätig gewesen war, ein eigenes Geschäft, das er 1903 verkaufte. Ich habe den vortrefflichen Mann, bald nachdem er seinen ständigen Wohnsitz in Berlin genommen hatte, kennengelernt, ihn manchmal in seinem Geschäft besucht und ihn, wenigstens in früheren Jahren, gelegentlich in Gesellschaften getroffen. Er war ein ungemein kenntnisreicher Mann, der bereit war, ans seinem Wissen zu spenden, ohne sich in aufdringlicher Weise anzubieten. Es war eine Freude und ein Genuß, mit ihm zu Verkehren, er war eine Zierde seines Standes. Da ich ihn aber nicht genugsam kannte, um ihn vollständig zu würdigen, so entnehme ich die folgenden Sätze einem ansprechenden Nekrolog, den einer seiner Fachgenossen, R. L. Prager, in der „Bossischen Zeitung" vom 12 Juni dem Verstorbenen gewidmet hat. Die Sätze lauten: „Liepmannssohn war zweifellos einer der gewiegtesten Kenner von Handschriften. Das Alter konnte seiner Sicherheit in dem Urteil über die Echtheit eines Stückes nichts anhabcn, und es ist wohl nicht zu viel behauptet, wenn man sagt, daß mit ihm einer der ersten Kenner dahingegangen ist, und zwar nicht nur ans dem Gebiete der Autographen und alten Musikbücher. Leo Liepmannssohn gestorben am Hiat ^5. Er besaß den feinen Instinkt des geborenen Antiquars für Fälschungen. Zwei Beispiele seien dafür angeführt: Liepmannssohn waren die Nachahmungen von Luther-Handschriften seitens des Fälschers Kyreleis zum Kauf angeboten worden. Während Münchener und Mailänder Antiquare auf diesen Schwindel hineinfielen und Listen der von ihnen erworbenen Luther-Handschriften anboten, verhielt Liepmannssohn sich durchaus zurückhaltend. Ebenso hat er die berühmte Fälschung einer spanischen Ausgabe des Kolumbus-BriefeS durch einen Italiener von Anfang an abgelehnt. Es ist bekannt, in welcher Weise Kyreleis seiner Fälschung überführt wurde: er hatte bei einem Buche, das er ebenfalls mit einer handschriftlichen Widmung Luthers versah, zu seinem Mißgeschick übersehen, daß dieses Buch erst ein Jahr nach Luthers Tode veröffentlicht worden war. Der Kolumbus-Brief hat noch lange Jahre die Gerichte beschäftigt. Er wurde durch den Londoner Buchhändler Ellis schließlich an den amerikanischen Sammler Kalbfleisch, verkauft, aber ausdrücklich mit der Verwahrung, daß Ellis für die Echtheit nicht aufkomme. Nach de-m Tode von Kalbfleisch wollte der Käufer der hinterlassenen Bibliothek durch die Gerichte Ellis zur Rücknahme des Kolumbus-Briefes zwingen, von dem nunmehr be kannt geworden war, daß er eine Fälschung war. Ellis gelang es nach vieler Mühe, ein obsiegende-: Urteil zu erzielen. Leo Liepmannssohn war ein bescheidener und zurückhaltender Charakter, der sich nicht gern an die Oeffentlichkeit wagte, und er ist deshalb auch in der Oeffentlichkeit des Buchhandels niemals hervorgetreten. Dagegen war er ein Freund geselligen Verkehrs, und er hat sowohl in seiner ersten als in seiner zweiten Berliner Periode Umgang in den weitesten Kreisen gesucht, wo er immer gern gesehen tvar, namentlich auch seines schönen musikalischen Talent-: willen, mit dem er gern und ohne Ziererei, wenn er gebeten wurde, erfreute. Liepmannssohn war eine durchaus musikalische Natur und meisterte das Klavier nicht wie ein Dilettant, sondern wie ein Künstler. Lev Liepmannssohn hat spät geheiratet. Erst in seinem 41. Jahre hat er Fräulein Hedwig Pieck die Hand zum Ehe bunde gereicht, dem eine Tochter Susette entsprossen ist, die die ganze Freude seines Alters gewesen ist und die die Liebe de-: Vaters in gleicher Weise erwidert hat. Mit ihrer Mutter trauert sie ob des unersetzlichen Verlustes, der sie betroffen hat. Mit ihm ist ein ganzer Mann und ein ganzer Buchhändler zu Grabe getragen worden. Sein Andenken wird von seinen Berufsgenossen stets in Ehren gehalten werden." L. G. Bit „Wohltaten" des Haukes Lomanow. Von Leo Scheinhaus. H. (Fortsetzung.) nach kurzer Regierung des unfähigen Peter HI. (1762 > bestieg Katharina II. (1762—1796) den russischen Thron. Das deutsche Prinzeßchen als gewaltige Selbstbeherrscherin aller Reußen nahm sich den Genius Peters I. des Großen als leuchtendes Vorbild und würde gleich ihnr als Kaiserin Katharina „die Große" von der Geschichte gepriesen.