Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1915)
- Date
- 1915-06-25
- Page
- Seite 303 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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308 Ich habe diesen Bericht mit Rührung und Erhebung gelesen. Ist ein Protest gegen die uns Zugeschriebene Barbarei nötig, so ist es dieser. Unbewegt von dem Fürchterlichen, was MN uns her geschieht, den höchsten Aufgaben des Menschengeschlechtes nachsinnen, inmitten des Grausens der Gegenwart ans eine lichtvolle Zukunft rechnen, trotz alles Entsetzensvollen, das wir bereiten und erdulden, das Menschliche begünstigen und fördern — das ist deutsches Wesen und deutsche Art, das kennzeichnet „uns Barbaren". Lik Woche. Berlin, 22. Juni 1915. mit unvergleichlichem Heldenmute sind in G a l i z i e n die größten Taten verrichtet worden, die von den schönsten Erfolgen begleitet waren. Es kann freilich nicht in Abrede gestellt werden, daß die Russen, nachdem sie von der ersten Ueberraschung sich erholt haben, die sie zu fluchtartigem Rückzug zwang, starken Widerstand leisten. Sie sammeln alle ihre Kräfte, weil sie trotz aller ihrer prahlenden Reden wissen, ivas für sie und ihre Verbündeten mit der Aufgabe Galiziens auf dem Spiele steht. Denn es handelt sich nicht bloß darum, daß sie damit eine Provinz aufgeben, die sie zum großen Teil nicht nur besetzt, sondern als einen wirklich neuen Erwerb, einen Zuwachs zu ihren ungeheuren Ländermassen behandelt hatten — durch Einsetzen russischer Verwaltung, Einführung russischer Sprache und leider auch russischer, d. h. niederträchtiger und unmenschlicher Gebräuche. Vielmehr handelt es sich darum, daß mit dem Rückzug aus Galizien der letzte Fleck des Gebietes der Verbündeten von den Feinden aufgegeben iverde. Dann würde wie in Polen und in Kurland der östliche Kriegsschauplatz nur Rußland sein. Freilich, soweit sind wir noch nicht. An manchen Stellen sind freilich die Russen schon über die Reichsgrenze geworfen, aber Lemberg ist noch in ihrer Hand, wenn auch unsere Truppen, nach neuen herrlichen Waffentaten, vor den Toren Lembergs stehen st — und wie entsetzlich wird diese Stadt gelitten haben und noch leiden. Scheint auch der Raum zwischen der Stellung der Verbündeten Heere und der Landesgrenze ein kleiner und ist er auch im Verhältnis zu den aus den Krallen dieser Unmenschen befreiten Bezirke nur noch eng, so ist er durch Sümpfe und Berge wohl geschützt, leichter zu verteidigen als zu erobern. Und vor allen: die Russen wissen sehr wohl, so wenig sie es öffentlich bekennen, was Galizien für sie bedeutet. Sie werden sicher ihre ganze Kraft daran letzen, um den siegreichen Verbündeten das letzte Stück recht schwer zu machen. Aber sie werden es über kurz oder lang aufgeben müssen. Und dann, so hoffen wir, wird ihre Widerstandskraft erlahmen, und wir werden imstande sein, ungeheure Truppenmassen nach dem Westen zu schicken, um zu einem großen Schlage auszuholen! Und dann? Wer wagt es, ein prophetisches Wort zu künden? Wird Frankreich, dessen Hoffnung auf Rußland nun so oft getäuscht worden ist, dessen kraftvolle, beständig wiederholte Offensive an dem ehernen Walle deutscher Truppen gescheitert ist, dessen Uebermacht nichts vermochte, den erfolglosen Feldzug weiterführen wollen, wenn neue hunderttausende Sieggewohnte und Erfolgbegierige ihnen entgegengestellt werden? — Wird es, trotz der beschworenen Verträge — wieviel solche wert sind, haben wir freilich erst jüngst schaudernd erlebt — zu einem Separatfrieden mit Rußland und Frankreich kommen? Geschähe das, dann wäre alles gewonnen. Denn England allein braucht nicht gefürchtet zu werden, wenn es auch vielleicht nicht zu besiegen ist. Es braucht nicht gefürchtet zu werden, weil es, nach seiner alten Staatsklugheit, andere für st Kurz vor Schluß des Blattes trifft die erfreuliche Nachricht ein, daß Leinberg den Russen entrissen ist. sich kämpfen läßt und sich schont. Es wird sich hüten, ohne Bundesgenossen weiter zu fechten. Um so weniger, als auch dieses, des scheinbar unerschöpflichen Landes Mittel durch die ungeheuren Summen zu versiegen scheinen, durch die Unterstützungen, die es anderen zu gewähren, und durch die furchtbarenKriegskosten, die es selbst zu tragen hat. Diese aber bleiben, nicht wie in Deutschland, dank seiner Abgeschlossenheit, im Lande, sondern wandern nach Amerika. Es war daher für England ein Akt der Notwehr, die Munition im eigenen Lande zu erzeugen, wozu fieberhafte Anstrengungen gemacht werden. Teils hat man keine Lust mehr, Amerika zu bereichern, teils fürchtet man vielleicht, daß Amerika sich doch einmal an seine Neutralitätspflichten erinnert. Wie unerfreickich es mit den englischen Finanzen steht, hat der Finanzminister mit aller wünschenswerten Deutlichkeit offen ausgesprochen. Erwägt man ferner die außerordentlichen Verluste, die der Unterseebootkrieg fordert und die nicht gemindert werden dadurch, daß eines oder das andere dieser gefährlichen Fahrzeuge durch gemeine Hinterlist, durch die Anwendung einer neutralen Flagge, zugrunde geht, bedenkt man außerdem die ganz furchtbare Teuerung notwendiger Lebensmittel, die immer nicht zur Ruhe kommende Streikbewegung, so kann man sich nicht vorstellen, daß England trotz aller Hetzereien, Prahlereien und Selbstbeweihräucherung geneigt und fähig ist, den Krieg in die Länge zu ziehen. Einstweilen freilich setzen Engländer wie Franzosen mit ungewöhnlichem Nachdruck den Krieg fort. Ihre zahlreichen Angriffe werden stets mit schweren Verlusten zurückgewiesen und England veröffentlicht wenigstens im Gegensatz zu Frankreich, das sich vom Beginn des Krieges über seine eigene kolossalen Einbußen an Menschenmaterial in ein für alle Welt sehr beredtes Schweigen hüllt, seine Verlustlisten, die im Verhältnisse zu den eingesetzten Mannschaften ganz außerordentlich groß sind. Und wie die Kümpfe, so dauern die Bemühungen fort, die Neutralen zu gewinnen. Die nordischen Staaten scheint England freilich aufgegeben zu haben, sonst könnte es nicht fortfahren, in so ungebührlicher Art ihre Rechte mit Füßen zu treten und ihren Handel zu unterbinden. Aber die Balkan st aaten werden umschmeichelt und mit Versprechungen aller Art geködert. Griechenland hat Wahlen vorgenommen, die nicht im Sinne des friedliebenden Ministerium Gunaris ausgefallen sind, sondern zugunsten des Herrn Venizelos eine starke Majorität ergeben haben, und es ist nur zu hoffen, daß dieser Deutschenfeind, wenn er wieder ans Ruder kommt, der gänzlich veränderten Sachlage Rechnung trägt. Bulgarien und Rumänien bleiben einstweilen fest; wie lange läßt sich nicht sagen; auch bei ihnen sollte, so müßte man meinen, der Eindruck der Niederlagen Rußlands und die gesunde Vernunft stärker sein als Ländergier und Beutesucht. Rußland fährt fort, gegen wehrlose Juden und Russen deutscher Abstammung zu wüten. Das ist freilich leichter als das Auftreten gegen bewaffnete Feinde. Die Pöbelerzesse in Moskau, das Wüten gegen Menschen und Dinge sind die schändlichsten Greueltaten, die die Geschichte kennt. Vermutlich hat man auch in Moskau die gute Gelegenheit zuIudenpogromen benutzt und es soll auch in vielen anderen Städten zu entsetzlichen Blutbädern gekommen sein, die alle früheren Unmenschlichkeiten dieser Bluthunde in Schatten stellen. Wann wird ein Rächer kommen diesen Landen? Es ist die niederträchtigste Schmach, daß ein französisches Blatt, das ehemals zu den anständigen, ja vornehmen gehörte, es wagt, diese Pogrome Deutschland in die Schuhe zu schieben. Die „Welt am Montag" berichtet: Im „Temps" vom 31. Mai finden >vir in einem Artikel aber Rußland folgende Stelle: „Deutschland beschuldigte Rußland, ein asiatisch-barbarisches Land zu fein, das es zivilisieren niüsie. Wie aber steht es in Wirklichkeit?