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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-06-25 · Heft 26 (25.6.1915) · p. Seite 302

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 26 (25.6.1915)
Date
1915-06-25
Page
Seite 302 (sequence 2)
Language
German
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302 Barbarensitte gemäß wäre, zur schwelgerischen Uebertäubung ihrer Unruhe und ihres Schmerzes. Aber gerade das Gegenteil ist der Fall. Jeder ist doppelt tätig, mehr als sonst eifrig bemüht, seine Pflicht zu erfüllen. Arbeit ist die Losung der Heimgebliebenen. Gewiß: die Vergnügungsstätten sind nicht leer: die Theater, wenn auch bei billigeren Preisen — der fast sichere Ruin für Theaterbesitzer und -Pächter —, die Konzertsäle, die VortragShallen waren den ganzen Winter hindurch gestopft voll, und man hatte oft Gelegenheit, die Aufmerksamkeit, Ruhe, ja die Andacht und Erhebung zu bewundern, mit der gerade die edelsten Kunstdarbietu-ngen ausgenommen wurden. Aber nur der Abend gehört der Erholung, der Tag ist der Arbeit geweiht. In den Schulen wirken Männer und Frauen mit unerschütterlicher Ruhe und mit unerschöpflicher Geduld. Auf den Universitäten, wenn auch das Leben und Treiben ein gemäßigteres ist, die Hörsale vielfach entvölkert sind, wird von den Dozenten ohne Unterbrechung gelehrt, von Hörern und Hörerinnen jedenfalls ebenso fleißig gelernt wie in ruhigeren Zeiten. Bibliotheken und Museen sind gut besucht; die Akademien halten regelmäßig ihre Sitzungen ab, und man staunt beim Durchlesen der Notizen, welche darüber in den Zeitungen erscheinen, wie alle diese Männer den kühlen Kopf und diese echt deutsche, gewiß recht unbarbarische Gewohnheit beibehalten, gründlichste Forschungen mit lichtvollen Darstellungen zu verbinden. Wenn man, wie ich, manchen gelehrten Gesellschaften und einzelnen Verwaltringskommissionen angehört, so wird man täglich von neuem überrascht, wie alle diese Gemeinschaften ohne jede Unterbrechung ihre Tätigkeit fortsetzen. Kein Zaudern, kein Schwanken, nirgends die Frage: „wozu in dieser erregten Zeit?", sondern überall das Bewußtsein der Pflicht, an allen Orten die Erkenntnis, daß die unmittelbar vom Kriege Verschonten nun doppelt ihrer Tätigkeit walten müssen. Vielleicht kann man zum Beispiel in den Verwaltungskommissionen der jüdischen Gemeinde, denen ich angehöre, dem Schulvorstand und der Bibliothekskommission nur die merkwürdige Veränderung konstatieren, daß, während sonst sich einige Lücken zeigen, jetzt jeder regelmäßig auf seinem Platz erscheint, daß die Debatten ohne Erregung mit größter Sachlichkeit, mit minutiösem Eingehen in alle Fragen geführt werden, daß alles mit musterhafter Ruhe und Ordnung behandelt wird, als lebte man in tiefstem Frieden, nicht in einer Epoche, in der alles in Frage zu stehen scheint und die Zukunft mit einem dunsten Schleier bedeckt ist. Die Shakespeare- und die Goethe-Gesellschaft haben ihre regelmäßigen Zusammenkünfte auch in diesem Frühjahr gehalten und sich nicht in Fanfaronaden und lächerlicher Ausstoßung der auswärtigen Mitglieder gefallen, wie es die Franzosen und Engländer in ihren gelehrten Gesellschaften zu tun pflegen, sondern sie haben, freilich ohne die üblichen Feste zu feiern, ihre Geschäfte erledigt und ihre wissenschaftlichen Arbeiten gefördert. So hat zum Beispiel die Gesellschaft für Theatergcschichte. deren erster Vorsitzender ich bin, ihre Jahresversammlung gehalten, als herrschte der tiefste Frieden, und läßt ohne jede Unterbrechung ihre wissenschaftlichen Produktionen forterscheinen. Als ein ganz besonders sprechendes Zeugnis dieser Höchststufe der Kultur erscheint mir aber ein Bericht, den die Sonntagsbeilage der „Voss. Ztg." vom 13. Juni, eine der wenigen Beilagen unserer periodischen Presse, die möglichst unberührt von dem Kriegstoben geblieben ist, veröffentlicht. Er lautet: Humanismus und Weltkrieg. Zu einer eindrucksvollen kulturpolitischen Kundgebung großen Stils gestaltete sich die Jahresversammlung des Wiener Vereins der Freunde des humanistischen Gymnasiums, die dieser Tage im Festsaal der dortigen Akademie der Wissenschaften stattfand. Mehrere der hervorragendsten Persönlichkeiten der österreichisch-ungarischen Beamten- und Gelehrtei,- welt, wie die Minister Graf Stürgkh, Dr. v. Koerber, Baron Burian, Dr. v. Hussarek, ferner Oberstkämmerer Graf Sanrforonski, Freiherr v. Plenek, der Präsident der Akademie d>r Wissenschaften, Professor v. Lang, der Vizepräsident Profess r Redlich, der Rektor der Universität Professor Reinhold und vic>e andere Mitglieder beider gelehrter Körperschaften wohnten der imposanten Veranstaltung bei. Nach einer kurzen Ansprmd, des Vorsitzenden, Professor Toldt, der auf die veredelnden Wirkungen des humanistischen Geistes in Deutschland und Oesterreich hinwies, die überall in diesem Kriege in glänzendst,, Weise zutage treten, sprach der Präsident der ungarischen Al demie der Wissenschaften Geheimer Rat v. Berzeviczy ,r •> Budapest als Gast über das Thema „Humanismus und Wenkrieg". Der Vortrag stand nach Inhalt und Form auf eiit r sehr hohen Stufe und gab abgeklärte Gedanken eines idec,- reichen Staatsmannes und Gelehrten in mustergültiger spra,„- licher Form. Herr v. Berzeviczy wies, nach einem ausführlich ,, Bericht des „N. W. Tgbl.", der Wissenschaft und in erster Lirie den humanistischen Fächern die schwere, aber unerläßliche A> gäbe zu, nach Beendigung des Weltkrieges eine neuerliche fri, - liche und werktätige Annäherung der Kulturvölker anzubahiic Gerade der Altertumsforschung werde bei der Erfüllung die! r edlen Mission ein wichtiger, vielleicht der wichtigste Anteil;> fallen. Sei doch die großartige und ergebnisreiche Arbc: welche in den letzten fünfzig Jahren unsere Kenntnis d, Antike nicht bloß in erstaunlichem Maße erweitert, sondern an h in ihren Grundlagen vollkommen verändert und umgesta; : habe, unter gleichmäßiger Mitwirkung hervorragender belehrter sämtlicher Kulturvölker geleistet worden. Auch die Z nähme und Verbreitung der archäologischen Studien, der Wc, streit der Völker, durch Ausgrabungen den Schatz des kün lerischen und kulturgeschichtlichen Vermächtnisses der Alten , mehren, zeugt von der Ausbreitung und Vertiefung des Inte esses an der Antike und von der ausgleichenden und einigende, Kraft des Hellenentums. Gerade nach dieser Richtung hin wi,d den klassischen Studien nach Ansicht des geistvollen Redners i„ Zukunft noch eine einflußreiche Rolle beschieden sein. De,-, die Beschäftigung mit der Antike ist geeignet, das Gefühl d, Gemeinsamkeit unter den Kulturvölkern zu nähren und dr: Bewußtsein zu stärken, daß über allen Kulturen der Erde cim' höherö Einheit besteht, deren verbindende Kraft im Griechentun! Wurzelt. Humanismus ist seiner etymologischen Bedeutun, wie seiner philosophischen Quintessenz nach in Wahrh,, Menschenliebe, Bewunderung und Liebe für den Menschen, ist, seine grenzenlosen Fähigkeiten und staunenswerten Schöpfung,"- Der Weg des „heiligen, nationalen Egoismus" dagegen, wie 1 jetzt von gewissen Nationälitätsfanatikern, namentlich lat,'- nischer Rasse, proklamiert wird, führt nach Grillparzers treffendem Wort „von der Humanität durch die Nationalität zur Bestialität". „In unserer Zeit", — so schloß der ungaristße Staatsmann seine gedankenreiche, mit nicht endenwollend, Beifall aufgenommene Rede —, „da die wahnwitzigsten Ausschreitungen des nationalen Chauvinismus zutage trete, blicken wir mit sehnsüchtiger Bewunderung auf jene Epoa.c der Renaissance zurück, in der ein „menschlicher Chauvinismus an der kühnen Wiedererneuerung des gesamten geistigen Lebcnu tätig war, da die Menschen mit der Vollkraft ihrer natürlich,':, Neigungen bemüht waren, die Welt mit den Waffen des Geist, -r zu erobern, als ob sie eine Gottheit in ihrem schwellend,-' Busen gefühlt hätten. Damals war die Devise und das Motiu des nenerstandenen Humanismus jenes kühne Wort Battista Ulbertis, das er nicht nur ausgesprochen, sondern auch zu erfüllen versucht hatte, daß nämlich „der Mensch durch sich selbst und von sich aus alles vermag — er braucht nur zu wollen!"

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