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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-06-25 · Heft 26 (25.6.1915) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 26 (25.6.1915)
Date
1915-06-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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79. Jahrgang Nr. 26 Berlin, 25. Juni 1915 Allgemeine eilung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Ptefe Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnement s-pre'l s; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen aierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32*. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Vr. Ludwig Geiger Verlag: Kuciolk Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße *6 *9, zu richten. Verlag von Rudolf rnoffe, Berlin. fffthtflt* Barbaren." Bvn Ludwig Geiger. — Die W oche.— *l”+J**ll* Leo Liepmannssvhn. Bon 1^.0. — Tie „Wohltateir" des Hauses omanolv. Bon Leo Schein haus. — Moses Mendelssohns „Vorrede" in! rem Verhältnis zu Dohms Schrift „lieber die bürgerliche Verbesserung der > 'den". Von Dr. Hedwig Fischmann. — Familiennamen in der jüdischen < ,'ineinde zu Berlin. Von Heinrich Reuh. — Feuilleton: Der lange -)'ock. Roman von Anna Gold schm idt. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judenn ins"). Berlin, Eydtkuhnen, Breslau, Nürnberg, Neustadt a. Haardt, ad Kissingcn, Frankfurt a. Bl., Wien, Florenz. — Von Nah und Fern. „Wir Ssrbarm." Von Ludwig G c i g e r. 1^4 trttk'u war wohl das erste Land, das die Deutschen, » nicht bloß jene bluttriefenden Stämme der Völker- •"V' Wanderung, sondern die nach Kultur ringenden und im > rlangen der Kultur fortgeschrittenen Deutschen Barbaren mitte. Eine solche Bezeichnung entstammte nicht dem Grauen : >r wirklichen Schandtaten, welche die Deutschen begangen Uten, sondern war nur eine Wirkung des Grolls und des l uunächtigen Zorns, daß diese nordischen Recken, die man seit acitus' Zeiten als gemütliche Trinker und rohe Wilde zu i trachten gewohnt war, Miene machten, den poetischen Lorbeer und die geistige Suprematie Italien zu entreißen. Dieser bald mit grimmigem Neid vermischte Groll hat nach allen auch die anderen Länder ergriffen. Dieselben Mächte, . e nicht bloß zahllose Waren — Produkte zierlichen Geschmacks, r euso wie Fabrikate ernstester Forscherarbeit und großer Gestcklichkeit — aus Deutschland entnahmen, an Deutschlands Kulturarbeit sich beteiligten und neidisch auf ihre Vervolll uunnung blickten, haben den ganzen furchtbaren Weltkrieg, n sie und nicht wir entfesselt hatten, als einen Kampf der vilisation, d. h. der ihrigen gegen die Barbarei, nämlich der 'rutschen, zu erklären gewagt. Sie haben mit dieser Bezeich-!ug nicht erst gewartet, bis sie die angeblichen Schändlichkeiten > r Deutschen gegen Jungfrauen und Kinder erfunden und aus Kr Beschießung oder Vernichtung der von ihnen selbst zu affenplätzen umgewandelten Kirchen und Kathedralen ein uitizivilisatorisches Verbrechen zu konstruieren sich nicht ent-! lüdet hatten. Solchen verbrecherischen und durch nichts begründeten Anllagen gegenüber ist es gerechtfertigt, die Stimme zu erheben. gibt eine Zeit des bescheidenen Znivartens, aber auch eine mit der offenen Selbstanerkennung. Solange man uns in 'l uhe ließ, konnten wir still sein; jetzt, da man uns in gemeinster Weise beschimpft, haben wir das Recht und die Pflicht, uns auch in Worten zu wehren. Was tun „die Barbaren" seit Kui elf Monaten, seit denen dieser Krieg wütet? Gewiß - sie führen den Krieg mit allen Mitteln, die ihnen ■;it Verfügung stehen, sie, die geschultesten Träger des Mili- Krismus, von dem die Gegner nur bedauern, >daß sie ihn nicht lckbst besitzen, und den sie, „die Kulturträger" nun mit allen Mitteln für sich zu gewinnen erstreben. Sie halten nicht still, sie lassen sich nicht abschlachten, sondern sie zeigen, was ihr Mut vermag, ihre Faust und ihre hochausgebildete Technik. Gewiß: torpedierende Unterseeboote und bombenwcrfende Luftschiffe sind nicht der Gipfel der Humanität, aber alles dieses haben >vir nicht erfunden, sondern nur zu höherer Vollkommenheit gebracht, und wie gern tätews die anderen auch, wenn sie's nur vermöchten. Aber sic, die „Kulturträger", begehen die gemeinsten Verbrechen, indem sie gegen wehrlose, unbewaffnete Städte (vergleiche früher die Versuche gegen Düsseldorf und Stuttgart, so neuerdings die gegen Ludwigshafen und Karlsruhe) Bomben werfen. Aber prüfen wir nun, was „>vir Barbaren" tun. Von der Licbestütigkcit für die zurückgelassencn Frauen und Kinder von seiten der Kommunen und der wohlorganisierten Frauen will ich gar nicht sprechen, obgleich sie von einer Großartigkeit ist, die die Verwunderung selbst der erbittertsten Gegner Hervorrufen müßte. Denn wie die Liebe der Eltern zu ihren Kindern als einen Teil ihrer selbst, so möchte man die Sorge für die eigenen Staatsangehörigen als selstverständlich erachten. Aber wie sorgen „die Barbaren" für die gefangenen Verwundeten? Uebereinstimmende Nachrichten selbst übelwollender Neutraler, die unsere Gefangenenlager und Lazarette besuchten, sind einmütig in der Rühmung der Sauberkeit, Bcguemlichkeit, freundlichen Behandlung und menschlichen Teilnahme. Vergleicht man damit die einwandfreien Berichte der aus den Konzentrationslagern Entlassenen, die Notschreie aus den Gefangenenlagern und Lazaretten unserer Gegner, so wird man von Schauder und Grimm erfüllt über diese jeder Kultur und Humanität hohnsprechende Handlungsweise der Völker, die sich als „Kulturträger" gcrieren. Die Plünderungen und die Totschläge in Mailand, die unwürdige Handlungsweise der Engländer gegen die längst naturalisierten Deutschen, das Wüten dieser und ihrer verbündeten Nationen gegen alles, was den deutschen Namen trägt, ist so haarsträubend, daß man beim Anhörcn und Lesen solcher Nachrichten im schwärzeste» Mittelalter zu leben meint. In Deutschland dagegen leben alle, die von den fremden Nationen übriggeblieben sind, ohne Belästigung; keinem wird ein Haar gekrümmt, ausländische Geschäfte werden, wie natürlich, in Zwangsverwaltnng genommen, aber mit peinlichster Redlichkeit und mit der größten Schonung des Privateigentums behandelt. Von den 70 Millionen Deutscher stehen nun etwa zehn Millionen im Felde. Man sollte denken: die zu Hause gebliebenen Männer, die Alten, die über die Kriegsjahre hinaus sind, die Jüngeren, die ivegen kleiner Fehler vom Dienste frei sind, hätten alle Hände voll zu tun, die Millionen Fehlender zu ersetzen, sie wären, da sie »alle teure Angehörige, Freunde zu beklagen oder für sie zu zittern haben, vollauf beschäftigt, um rasch das Notwendigste zu besorgen, und benutzten die etwa übrigbleibende Muße zum Hindämmern oder, wie es der

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