Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-06-18 · Heft 25 (18.6.1915) · p. Seite 299

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 25 (18.6.1915)
Date
1915-06-18
Page
Seite 299 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229203--71406-3283744
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

2W ii. djijer fragte, warum sie so habe lachen müssen, meinte sie: el>er dein dummes Gesicht. Du hast Mama zu blöde ansiotzt, als sie auf einmal von Anfang an so sehr für die :i; ise gewesen war." Nun beginnen die Reisevorbereitungen, die Mama nicht ade mit dem vergnügtesten Gesicht trifft. Ich bekomme ein f\ akelblaues Kostüm, ganz englisch, schwiogermütterlich solide, o na sagt: „Grauenhaft spießig." Und Mama gibt mir viel weise Lehren mit auf den Weg: aith, eins sage ich dir, laß dich deiner Schwiegermutter ,,, ,enüber nicht etwa auf Versprechungen betreffs einer n cheren Wirtschaft ein. Ich sage dir, du kennst das nicht, > ist eine schreckliche Last." „Aber, Mama, wenn es meinem Bräutigam (ich habe noch!! Moritz vor Mama oder Erna mit seinem Namen genannt. (\ ) möchte das Fragen vermeiden, wieso er auf einmal wieder T< »ritz heiße) lieber wäre?" „Sei doch nicht dumm," Mama wurde ganz rot vor Eifer, .. ,w rede ihm selber so etwas ein. Du siehst doch, er ißt bei u s, und es schmeckt ihm ausgezeichnet. Und seine Mutter r vt> niemals die Reise hierher machen können, das weißt du." „Es wäre doch aber hübsch, Mama," meinte ich, „wenn ii ,1) unser Verkehr, der Wert auf das Ritual legt, bei uns v■! I! könnte." „Verkehr?" fuhr sie auf. „Wer denn? Nimm unseren ii izen Kreis! Außer Reumanns gibt es keine besseren Leute o v, die koscher leben." Och schwieg. Mamachen, ich glaube, über den Begriff ssere Leute" haben wir nicht ganz dieselbe Auffassung. „Kind," meinte sie dann wieder und sah mich ängstlich an, u siehst nicht gut aus." „Ja, Mama," gab ich müde zu. „Deshalb will ich ja fort. ,i i fühle, ich habe es nötig." „Und wenn du nun mal lvirklich dort Kopfschmerzen hast > v dich nicht so gut fühlst, so mußt du das nicht gleich deiner; Kviegermutter sagen, verstehst du? Sie denkt sonst, du R : krank." „Ja doch, Mamachen, ja." Ich mußte lächeln über diese : ■ )cnD Vorsichten. Als reise ich in Feindesland, wo mar: >! I) bvsivillig umlauern und nur eine Falle stellen wolle. „Ja. Und nie mußt du, lvenn von etwas die Rede ist, en: ,das kann ich nicht.' Dil mußt tun, als verständest » alles." Ich seufzte. Ich kann die Ermahnungen bald nicht mehr ii : anhören. Biama ging hinaus. Erna stand im Zimmer, d..! schönen blonden Kopf ernst aus ihre Finger geneigt. Sie v ierte ihre Nägel. „Meinst du das auch?" fragte ich. „Bestimmt!" sagte sie. „Eine Schwiegermutter kann man r nicht genug anlügen." Ich mußte lachen, so selbstverständlich und alterfahren >1 ne sie das gesagt. Erna hat manchmal ein arges Atund- >! rk. So schlimm ist sie gar nicht. Aber redet nur alle. Ich tue doch, was ich will. Ich mache die Kunststückchen nicht mit, die ihr mir anratet. Ich will meiner Schwiegermutter mit Vertrauen entgegen- > neu, will versuchen, ihr eine gute Tochter zu sein und ihr - zusehen, wie man es anstellt, ihren Sohn in jeder Beziehung iHcklich zu machen. Bei ihr, hoffe ich, lerne ich es am besten. Ich wollte, ich wäre erst dort. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mittrilungm. — I akob Saloweicziks Jugend. Roman nus den:! n sä)-russischen Volksleben von I. Rabbinowicz. Dresden und ' -pzig, E. Piersons Verlag. Ich kannte bisher nur den Namen des Herrn Rabbinowicz, hatte 1 n' nie etwas von ihm gelesen. Nun, da ich seinen Roman kennengelernt habe bei -demselben Verleger sind drei Dramen und zwei Romane erschienen —, mns; ich zunächst erklären, daß dieser Roman, voll dein ich nicht Zll sagen vermag, ob er originell delltsch geschrieben oder ans dem JMischen oder Polnischen oder Russischen übersetzt ist, recht llndentsch geschrieben ist, daß er fcrn-cr nach den üblichen Begriffsbestimmungen kein Roman ist, und daß er endlich da abbricht, lvo die Sache recht interessant 311 werden allfangt. Wollte ich das erstere, das l Indent sehe, belveisen, so könnte oder müßte ich Hunderte von Stellen, ja eigentlich den ganzen Romall abschreiben', und darf ich lllich daher mit der allgemeinen Behauptung begnügen. Das zlveite, daß das Werk im strengen Sinne fein Roman, bedarf einet kurzen Begründung, wobei auf den Inhalt einigermaßen eingegangen lverden muß. Ein Rorlian ist eine Dichtung. Run sagen zlvar unsere modernen Aesthetiker, daß eine Dichtmlg die Aufgabe hat, die Wirklichkeit möglichst treu zu schildern, tut wesentlichen eine Photographie des Lebens zu Liefern. Diese Vorschrift ist aber doch nicht so zu verstehen, daß, wie bei diesem Werke, zlvar geschickt und unterhaltend, aber doch gar zu chronikeuartig die Entwickelung, hauptsächlich Unterricht nnb Ausbildung eines Jünglings, zuerst in seinem Heimatsdorse, dann in drei verschiedenen talmudischeu Lehranstalten, dargestellt lvird. Das Leben, das man dort führt, ist mit Schärfe beobachtet und mit aller Deutlichkeit geschildert: man sieht diese Drillanstalten des Geistes lebendig vor sich, in denen eine höchst einseitige Ausbildung gewährt, Pflege und Reinhaltung des Körpers aber aufs entsetzlichste hintangestellt wird. Gelegentlich kommt dort auch der Humor zu seinem Recht, und zlvar in der Vorführung einer Händlerin mit Erbssuppe, eines autoritätssüchligen Vorstehers der! Lehranstalt, einzelner Zöglinge (Bachurim), deren Anekdoten oder Witzworte freilich entweder uralt oder wenig originell sind; bisweilen, aber selten, tritt auch das Sentimentale hervor in der Vorführung eines Zöglings, der ein gutes Herz hat, aber geringe GeisteSgäben, infolgedessen es zu nichts bringt. Auch das Rührende erscheint gelegentlich, zum Beispiel darin, daß der Held unserer Geschichte als Waise eine gewisse Berücksichtignug erfährt. Auch einzelnes andere ist nicht übel dargestellt, namentlich die Charakteristik des weltgewandten, tüchtigen, energischen und liebevollen Vaters, wogegen die Mutter stark zurücktritt. Sehr ausfällig — weil gerade dieser Sinn bei jüdischen Kindern sonst wenig hervortritt — ist der stark entwickelte Natursinn des Helden; er ist bei unserem Helden wohl darails zu erklären, daß es sich bei dem ganzen Bliche weniger um Erfindung, als um eine Art Selbstbiographie oder um die Ehronit des Lebens eines Bekannten handelt. Gerade das ist einer der Umstände, der mich zu der Erklärung nötigt, das neue Werk sei weniger ein Roman als eine historische Schilderung. Der Verfasser bemüht sich zlvar, um den Charakter des Rvmans Zll wahren, auch ein paar Liebesepisoden einznflechten: zunächst mit der Tochter des Rabbi ne cs, dann mit einem jungen (christlichen) Mädchen, das nufer Held nur zweimal sieht. Aber beide Episodell sind so flüchtig angedelltet, daß sie ganz wohl aus dem Ganzen heransgenommen werden tünnten, ohne das Wesen des Buches zu berühren. Das dritte, das hervorgehoben werden muß, ist, daß der Roman da aufhört, wo er interessant zu lverden ansängt. Freilich kann man dies Aufhören rechtfertigen dadurch, daß der Verfasser mir verspricht, von Saloweicziks Jugend zll erzählen. Diese Jllgend ist wirklich am Schluß des Buches Zll Ende. Aber gerade der Entschluß des Helden, nach Deutschland zll gehen, um sich allgemeine Bildung zu erwerben, eröffnet ungeahnte Perspektiven und deutet all, daß mit der Aussührllng dieses Planes der eigentliche Lebenskampf und die lvichtigell Ereignisse erst beginnen, ltnb man muß ferner sagen, dieser Entschluß ist nicht vollkommen motiviert. Die Erltloickelllngsgeschichte des Helden läßt auf einen solcher: Ausgarlg nicht schließen. Seine Jugend steht vielmehr im Gegensatz zll der, die voll Frailzos in seinem Werke „Der Pojaz" dargestellt loird, dllrchaus im Einklang mit seiner Uingebung; der junge Mann, ein scharfsinniger, hervorragend begabter Tnlmudjünger, kennt nicht nur nichts anderes als diese einseitige Wissenschaft, fonbecn »er begehrt auch lange Zeit nichts anderes, und so erscheint sein Entschluß, nach Deutschland Zll gehen, nicht als eine innere Notwendigkeit, nicht als Folge lang erwogener, Geist und Gemüt tief aufwühlender Empfindungen. Das sind Bedenken, die ich denl eigenartigen Werke gegenüber auszu sprechen mich gedrungen fühle. Doch lvill ich nicht verhehlen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.