Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1915)
- Date
- 1915-06-18
- Page
- Seite 298 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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nach, wo die Besserung wohl einzusetzen habe. Sein Freund sah unwirsch und abweisend ans. „Kein Mensch kann aus seiner Haut heraus," sagte er kurz. Wir waren vor der Tür. Ich reichte jedem schnell die Hand. Nein, Josua, noch nicht mal aus seinem Rock, dachte ich dabei und hastete in das Kaufhaus, in dem Mama schon auf mich wartete. Den.13. Fräulein Pichler, meines Bräutigams Wirtin, hat uns zum Tee eingeladen. Natürlich ist das nur eine Umgehung, weil ihr lieber Mieter selber mich nicht einläden kann. Und er kann es doch nun einmal nicht erwarten, mir seine Instrumente und Präparate und die Stätte seines Wirkens zu zeigen. Mama bekam fix Migräne — was sollte sie auch wohl den ganzen Nachmittag mit dem armen Fräulein Pichler anfangen! —, so sagte sie in weichem Ton: „Nicht wahr, mein Ernachen, du gehst mit Edith mit?" „Ich kann mich beherrschen," antwortete Erna etwas mehr als bestimmt. Und dann, schon gemäßigter: „Uebrigens bin ich mit Lotte Werner verabredet." Lotte Werner ist die Tochter des Oberbürgermeisters. Wenn sie gerade keinen anderen hat oder die Laune sie so treibt, geht sic mit Erna. Das entschied. Erna war frei. Erna ist inuner frei, wenn sie frei sein will. Ta drängte Margot in ihrer stillen Weise zu mir hin. „Kann ich nicht?" „Ja, du kommst mit," bestimmte ich freudig, und Mama hatte nichts dagegen. Es ist ja nur, daß ich vor der Welt einen Anstandswauwau habe, wenn ich in das Haus meines Verlobten gehe; so genügt Margot vollkommen, und so ist es uns alten am liebsten. Wie sollten sich Mama, wie Erna mit dem anderen Gast abfinden, ohne den eine Einladung bei meinem Moritz doch nicht denkbar ist! Ich bin überzeugt, jetzt zerreißt sich unser lieber Gastgeber und quält das arme alte Fräulein halbtot, weil es ihm immer noch nicht genug der Festvorbereitungen sind für seine hohen Gäste. Eigentlich hat man es doch sträflich gnt als Braut. Abends. Ich habe mich mit Kopfschmerzen entschuldigt, bin hierher ans inein Zimmer gegangen und habe mich eben bei meiner Schwiegermutter angemeldet. iUmim wird sich mit der vollendeten Tatsache abfinden müssen, denn ich will einmal fort, ich muß fort. Außerdem wünscht es sich Moritz, und er kann verlangen, baß ich seine Wünsche respektiere. Ich halte es auch für meine Schuldigkeit der alten Frau gegenüber, die die weite Reise hierher nicht machen kann. Unsere Hochzeit wird deshalb ja auch in Berlin sein. Hundert Gründe sprechen für meine Reise. Ich muß hin zu meiner Schwiegermutter. Sie liebt ihren Sohn so sehr, lebt nur für ihn. Da werde ich mich am besten auf meine Pflichten vorbereiten, in aller Stille so recht in sie eindringen können. Es ist zn viel Neues, zu viel Beunruhigendes über mich gekommen, ich brauche Frieden, den Frieden dieses stillen Witwenhauses. Moritz wird sich freuen. Er wird unendlich überrascht sein über diesen plötzlichen, festen Entschluß. Heute, gegen Abend, als er Margot und nach heimbegleitete — Josua war schon vorher gegangen —, habe ich noch nichts davon gewußt. Wie hätte ich da auch zu einer stillen Ueberlegung, zu einem Entschluß kommen können! Er bestürmte mich mit den zärtlichsten Fragen und Klagen, ob es mir denn auch wirklich und wahrhaftig ein bißchen bei ihm gefallen, und ob ich es auch ganz gewiß nicht übelgenommen hätte, daß er sich nur so wenig um seinen geliebten Gast habe kümmern können. Herrgott, mir riß beinahe der Geduldsfaden. Bin ich de» ein dummes Kind oder ganz und gar ohne Gefühl, daß i, „verstimmt" sein soll, wenn bei einem armen Kerl v >» Patienten eine plötzliche Blutung eintritt? Moritz und Fr, lein Pichler hatten fast die ganze Zeit mit ihm zu tun. Margvtle nahm ähre Rolle als Gardedame nicht al « ernst. Als sie zu ihrer Ueberraschung und Freude sah, daß i« demselben Hause Hede Wolfs, ihre Klassengenossin, wohi war sie nicht zu halten. Hede hat noch zwei jüngere Brüd v, und mit denen turnten und kletterten die Vierzehnjähru t, auf dem Anbau im Hose herum, daß mir himmelangst wur.e. Ich trat besorgt an das Fenster, und Josua, der einzige, : ,i mit mir im Zimmer geblieben war, stand leise vom Stuhl < ui und ging mir nach. „Sie haben Ihre kleine Schwester wohl sehr lieb?" sa?: er lächelnd. Erst jetzt bemerkte ich, daß er mein Gesicht?- obachtet hatte, wie ich gespannt mit den Augen Margots tu ikühne Sprünge verfolgt hatte. „Ja," sagte ich und wurde ganz rot, so warm wurde r u ums Herz. Und dann erzählte ich ihm mehr von Margec. Was für ein sonderbares Kind sie sei, und wie schwer ■> mir werde, sie zu verlassen, selbst in derselben Stadt. Ich weiß nicht, ob er mich so ganz verstehen konnte. , hätte ihm nicht sagen mögen, daß Mama sie zurückst, Mamas wegen nicht und ihretwegen nicht. „Sie wird es mal schwer haben im Leben," sagte ich b u und schaute ihr zu, wie sie so kindlich, beinahe noch zu i u geniert für ihr Alter herumkletterte. „Wieso?" „Sie ist so wehrlos der Welt gegenüber in ihrer Güte ri Unschuld. Die Menschen werden sie znrücksetzen. Sie ist m i) so gar nicht hübsch." Ich erschrak. Würde er als Mann diese Sorgen begreifeu' Würde er mich für oberflächlich halten? Aber in seinem t csicht, das so merkwürdig jede Seelenregnng widerspiegelt, i z nichts als Wohlwollen und Güte, als er dem Kinde zuschao . „Sagen Sie das nicht," sagte er weich. „Die tvird nou. Die sieht Ihnen ähnlich. Sie gefällt mir zehnmal besser . Ihre blonde Schwester." In diesem Augenblick hätte ich Josna umarmen miste u. Jemand, der Margvtle vor Erna vvrzieht, der liebevoll v ui ihr spricht, dein sie . . . glühend heiß strömte es mir z> u Herzen vor Dankbarkeit, vor Glück, — auf einmal stockte u : der Atem —: Edith, besinne dich, warum bist du so seli ' Ist es wirklich nur, weil einer dir die kleine Schwester, de du so lieb hast, gelobt hat? Edith, um Gottes willen! was i das? Bist du so kokett, daß es dich, die Braut, umwirft, >ve u ein Mann, der nicht dein Bräutigam ist, dich schön find: ' Oder — aber ist es, weil — dieser Mann- Schluß! Schluß! Ich kann nicht mehr. Der Brief an meine Schwiegermutter ist geschrieben. G- > sei Dank! Ich wollte, ich wäre erst in Ederslebcn, fern vai allem hier, fern auch einmal von meinem Moritz. Es ist iii-it gut für eine Braut, immer und immer mit dem Bräutigi n in ein und demselben Ort zu sein. Ich ertrage die A regungen nicht mehr. Ich bin völlig herunter. Den.13. „Wie du willst," sagte Mama mit einem leis ergeben " Achselzucken, so, als wolle sie sagen: „Wem nicht zu raten ", dem ist nicht zu helfen." Moritz war außer sich vor Freude über meinen Entichl: und Mama billigte ihn nun, wo nichts mehr daran zu ände- > war, in seiner Gegenwart so warm und fröhlich, als habe ü' mir wochenlang eindringlichst zugeredet. Moritz küßte ihr n einer zärtlichen Aufwallung die Hand. Erna kicherte, wie nur sie kichern kann, ohne sich halten zu können. Als ich P1'