Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1915)
- Date
- 1915-06-18
- Page
- Seite 296 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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rußland kommen zu dürfen, «n gros zu handeln. 1734 (Kaiserin Anna) ist auch der Detailhandel auf den Märkten den Juden erlaubt worden, „denn in den Städten sind Kaufleute wenig vorhanden und der Mangel im Handel äußerst merkbar". Diese Erleichterungen veranlaßten die früher aus Kleinrußland verwiesenen Juden, sich dort wieder anzusiedeln. Aber die scheinbar milde Zeit war äußerst knapp bemessen; wiederum kamen kirchenpolitische Tendenzen, in den Regierungssphären ersann man von neuem ungeheure Maßregeln, und 1739 nach Schluß des türkischen Krieges beschloß man, die Juden gänzlich auszuweisen. Dieser Beschluß ist unter der neuen Kaiserin Elisabeth gleich nach ihrer Thronbesteigung (1740) mit aller Strenge durchgeführt worden. Sie, die Tochter Peters des Großen, des Reorganisators Rußlands, kehrte in ihrer Beziehung zu den Juden zur veralteten traditionellen Glaubenspolitik zurück. Ihren Befehl, die Juden aus Kleinrußland zu vertreiben, motivierte sie: „Von den Feinden Christi ist keine andere Frucht zu erwarten, als großer Schaden unserer treuen Untertanen." Diese mittelalterliche Ansicht teilten allerdings nicht alle ihre Räte; 1742 reichte der Senat der Kaiserin Elisabeth einen ausführlichen Bericht ein, worin die höchste gesetzgeberische Instanz überzeugend und inständig die Kaiserin ersuchte, den Juden in Kleinrußland und Livland den Handel, zu gestatten, wobei sich der regierende Senat auf die Berichte der Lokalbehörden beruft, daß die jüdischen Kaufleute den beiden Provinzen großen Nutzen bringen und mit ihrer Entfernung sowohl die Einwohner sowie die Schatzkammer der Krone bedeutende Einbuße erleiden. Elisabeth blieb aber unbeugsam in ihrer Entscheidung und schrieb auf der Denkschrift des Senats folgende kurze inhaltschwere Resolution nieder: „Von den Feinden Christi will ich keinen Nutzen haben." °) Diese Kaiserin entfernte 1748 aus der Akademie der Wissenschaften den verdienstvollen Gelehrten und Leibarzt Dr. Ssanches, sobald sie erfuhr, daß er als Abkömmling der spanischen Juden die Religion seiner Väter bekannte. Der Leuter vom „löurrsu Hrutrr". Von L. F r ä n k e l. as das Bureau Reuter ist, was es für Presse und Verkehr, insbesondere aber für Weltpolitik bedeutet, braucht man mitten im furchtbaren jetzigen Krieg gewiß keinem regelmäßigen Leser der „neuesten Nachrichten" zu sagen. Wer es bis heute noch nicht gewußt hat, der entnimmt es dem wiederholten Hinweis unserer amtlichen Stellen und der fast tagtäglichen Abwehr der deutschen Zeitungen aller Richtungen wider jene uns Deutschen überaus gefährliche Lügenfabrik größten Stils, in welcher man getrost unseren neunten Feind erblicken kann, aber einen von der Sorte der „lagt, not least". Gelegentlich des am 18. April zu London erfolgten romantisch verbrämten Selbstmords des Barons Herbert de Reuter, bisherigen Generaldirektors des Reuter-Bureaus und Hauptes seiner Gründer- und Trägerfamilie, wurden in den Tagesblättern allerlei kuriose, teilweise sensationell zugespitzte Einzelheiten über diesen völlig verengländerten Sproß eines eingewanderten, schlecht formell naturalisierten Deutschen aufgetischt, darunter auch genug haltlose Fabeleien. In erster Linie auch über letzteren Stammvater des deutsch-englischen Hauses Reuter selbst, denselben, den man neuerdings angesichts der großzügigen Humbug- und Schwindelverbreitung (immer durchweg zugunsten der britischen, unbedingt aber zuungunsten der deutschen Sache) mit dem arg fragwürdigen Ehrenbeiwort belegt hat, das die Sprichwörter- und Sentenzen- *) Dubnow o. a. O. S. 422. sammler des Reformationszeitalters dem Teufel spende „Vater der Lüge". Dieser sogenannte Paul Julius Freiherr v. Reuter, der am 25. Februar 1899 hochbejahrt, schaffen >= müde und lebenssatt zu Nizza verstorben ist, war von deutsch r und jüdischer Abkunft. Wie es scheint, hat er, wenigstens m h bis auf die Höhe seines wahrhaft erstaunlichen Aufstiegs, di, i1 doppelte Abkunft nicht verleugnet, wie er beides tatsächlich ai [> nicht abgestreift hatte — ebensowenig wie seine kurhessiß r- Landsmannschast. Wenigstens erzählt uns als unverdächtn r Zeuge ein feiner Beobachter, der sich in allen drei soeben a geführten Punkten mit ihm deckte, der im vorigen Jahre dahi gegangene Julius Rodenberg, in seinen anziehenden Plant?- reien „Aus der Kindheit" (Berlin 1907), Seite 92: „Noch > > staunlicher war die Laufbahn eines anderen jungen Mann ■, dem es, als er in mein Elternhaus kam, kümmerlich gew z ging. Er war auch ein Hesse, hatte in einem Göttinger Ba>? geschäft gelernt und lebte hierauf stellen- und mittellos ei o Zeitlang bei seinem Bruder, der Gemeindolehrer in unsere» Städtchen (Rodenberg bei Rinteln) war. Manchen Mitt hat er sich's am Tische meines Elternhauses wohl sein lass: n und manchen Abend den vierten Mann beim Whist geste!!. Zu größeren Dingen schien er nicht berufen. Und doch war der nämliche junge Mann, der mich, da wir beide etliche vier' z Jahre älter geworden waren, in einem der fürstlichen Pale . des Westend von London empfangen und bewirtet hat. Sei? kleinen, schwarzen Augen, der bräunliche Teint seines Gesich?. der Anflug hessischen Dialekts, wenn er von der Vergnügt heit sprach, erinnerten mich an den, den ich einst so manchin > bei uns ein und aus gehen sah. Aber wie hatten die Verhä - niste sich seitdem gewandelt! Diener in Livree mit Wapp n auf den Knöpfen servierten an der Tafel . . . und mein Wi t war der große Baron Reuter, der Begründer des we bekannten Telegraphenbureaus." Diese bezeichnende Szene muß sich bei I. Rodender? zweitem Besuch zu London gegen Ende der siebziger Jahre a gespielt haben; denn für den längeren Aufenthalt, den d? gewandte damalige Reisefeuilletonist während der Jahre 18 ' bis 1861 in der Riesenstadt an der Themse genommen, fehlt? die Voraussetzungen des Alters, des Ranges, der Verhältnis überhaupt. Mit was für eigentümlichen Gefühlen sich wo i die beiden trotz ihrer dreifach gleichen Herkunft so grundv? schiedenen Männer einander gegenübersaßen! Diese zwei d- Presse dienstbaren Geister, die es zu weitbekannten Namen i der Welt des Schreibens und des Lesens gebracht haben beide allerdings unter geänderten Namen: der Angehörige d angesehenen, noch heute ihre alttestamentliche Geschlecht bezeichnung Lovy führenden Kaufmannsfamilie in Rodende; unter deni dieses seines Geburtortes, der publizistische Gro industrielle als „Reuter", wie vor Jahrhunderten die Fln> blatt-Zeitungen mit frischen Posten aus aller Herren Land: getauft gewesen waren. Ursprünglich aber hatte dieser so übe aus erfolgreiche Unternehmer Josaphat geheißen! Als ich im Jahre 1906 an die Ausarbeitung der mir vo - nun auch verstorbenen Rochus Freiherrn von Liliencron st? das gewaltige Nationalwerk „Allgemeine deutsche Biograph!: übertragenen Lebens- und Charakterskizze Reuters ging, frag? ich, um für die mannigfachen im Umlauf befindlichen Date: aus dessen Jugend einen festen Boden zu gewinnen, bei b Israelitischen Gemeinde zu Kassel an und erhielt unter den 21. Februar 1907 von den Gemeindeältesten, mit der Unte> schrift des ebenfalls inzwischen verschiedenen vortreffliche Zeitungsverlegers Th. Gotthelst, sreundlichst genaue Auskuns Darin wurde (es handelte sich unter anderem um endgültig? Lösung des Zweifels zwischen den Geburtsangaben 1816 und 1821) mitgeteilt, „daß ein Geburtsregister aus den Jahren 1816