Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1915)
- Date
- 1915-06-18
- Page
- Seite 295 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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295 r:t« russische Reich an, welcher für die damaligen russischen , eitverhciltnisse die großartig zu nennende Idee zugrunde lag, l iß alle Stände und Personen.vor dem Gesetz gleich sein , Uten. Zar Alexei war leider zu sehr in den veralteten Vori teilen befangen; bigott der griechisch-katholischen Kirche erschien, sah er einzig und allein in dieser seiner Religion das n ihre Seelenheil, und seine Gesetzgebung war oaher aus- - tießlich von kirchlich-politischen Tendenzen geleitet, mit dem! torischen Erbübel des Judenhasses und der Bekehrungssucht i g belastet, daß er die sogenannte Gleichheit aller Stände und i Zonen wiederum illusorisch machte. Es folgten zahlreiche > enge Erlasse, insbesondere das Dekret des Zaren von 1649, d mzufolge es den Juden verboten sein sollte, unter der Sonne 4 chlands zu weilen. Um dieselbe Zeit entwickelte sich überhaupt eine wilde , rchtbare Zerstörung in der allerschrecklichsten Form. Der > 'sakenaufstand unter Chmielnicki gegen den polnischen Adel;;ö dessen Günstlinge, die Juden, brachte eine blutige Judeni rsolgung, deren Schrecken die der Kreuzzüge weit übertras. , Irmliche Mordscharen — die Haidemaken — durchstreiften i e polnischen Provinzen, von der Ukraine ausgehend über lauen bis Wilna, Klein- und Großpolen; ihre Grausamkeit > ottet jeder Beschreibung. Ganz Polen glich damals einem i utigen Schlachtfelde, aus dem sich verschiedene Völkerschaften;; mmelten; die unglücklichen Juden wurden von allen mißi adelt und erdrosselt"). In dem Jahrzehnt dieser Kriege (1648—1658) war Rußland! sprünglich nicht beteiligt, die Greueltaten an den Juden . gen außerhalb des Bereichs und der Initiative des Zaren - lexei. Als Chmielnicki aber 1654 die Ukraine, genannt Klein» - ißland, dem russischen Staat einverleibte, und Rußland ge- ' einsam mit den Kosaken die angrenzenden Teile Weißrußnd und Litauen mit Krieg überzog, hat auch das mvskauische chland die in Fluß gekommene Judenverfolgung gefördert id fortgesetzt. Die alteingesessene jüdische Bevölkerung dieser .'biete, verfolgt und verkümmert, kam unter das Szepter des toskanischen Rußlands, das ihr Schicksal nicht verbesserte, ei der Einnahme von Mohilew a. Dnjepr durch das russische ■ eer befahl Zar Alexei (1654), „daß die Juden nicht dort ' eiben dürfen, ihre Häuser und Gehöfte sollen je zur Hälfte i nt Magistrat und den russischen Beamten — die hierher zur 'Verwaltung beordert — verschenkt werden." In der Hoffnung > if baldiges Aushören des kriegerischen Aufruhrs beeilten sich! cht die Juden, ihre heimische Stadt zu verlassen, sind aber i.für hart bestraft worden. Ende Sommer 1655, als die l Inischen Heere sich der Stadt näherten, befahl der russische Befehlshaber, die Juden außerhalb der Stadt zu führen, ihnen egweiser und Geleitsmänner mitzugeben, die sie, als bisher i lnische Untertanen, dem polnischen Heereslager überliefern ' Ilten. Kaum gelangten sie mit Frau und Kindern und Hab- ' ugkeiten aus der Stadt, als die russischen Soldaten auf Anisung ihres Befehlshabers sich auf sie stürzten, fast alle l schlugen und ihr Hab und Gut raubten'). Aehnliche Ver- ' erungen geschahen in Wilna, Witebsk usw. Die Angliederung der Ukraine nebst angrenzenden Gebietsi slen mit zahlreicher jüdischer Bevölkerung an Rußland verblaßte die Regierung, das erste strenge Gesetz zu erlassen, loskau vor Einwanderung von Juden unter Androhung -_ . |; *) Hebräische alte Monographien von R. Nathan, Hannover (erster ruck Venedig 1652) und von R. Sabbatai Kohen. Ausführlich auch nitz, „Geschichte der Juden", Band 10, S. 52 bis 82. ') S. M. Dubnvw in seiner russischen Bearbeitung der „Geschichte > r Juden"nach Dr Bäck und Dr. Braun mit nieten Ergänzungen des Übersetzers zur Geschichte der Polnisch-russischen Juden (Odessa 1896), 6. Teil, S. 357. I schwerer Strafen zu schützen (1676). Bei Ratifikation eines j Vertrages mit Polen legte Zar Alexci großes Gewicht auf den s Paragraphen, daß es keinem polnischen Juden gestattet sein j solle, das russische Reich zu betreten. I Sein Sohn, Zar Feodor (1676—1682), wandelte noch in den! strengen rückschrittlichen Bahnen des inhumanen Vaters und verfügte: „Die Zureise der Juden von Smolensk nach Moskau mit ihren Waren und Gewerben oder ohne dieselben ist ztt verbieten."! Doch, es konnte so mit Rußland nicht bleiben. Das russische! Reich befand sich noch 1689 auf derselben tiefen Kulturstufe; wie Jahrhunderte zuvor, das geistige Erwachen vom 14. bis! zum 17. Jahrhundert, das bereits in Westeuropa hell aufj leuchtete, drang in Rußland nicht durch, und das russische j Reich, eine Macht der Finsternis trotz der kolossalen Größe,; nahm im Staatenverbande Europas eine höchst untergeordnete Stellung ein. Erst Peter l. — von der Geschichte mit dem Beij namen „der Große" unumschränkt ausgezeichnet —, der erste große russische Kaiser (1689—1725), schuf durch sein Machtwort 1 „Es werde Licht!" eine vollkommene Reorganisation. Mit 1 eiserner Hand „öffnete er das Fenster nach Europa", gründete l als Wahrzeichen des neuen Lebens die Residenz Petersburg! und hob Rußland aus der Versenkung der Unkultur zur größten Entwicklung empor, daß am Ende seiner 36 jährigen! Regierung (1725) sein Volk bereits in allen staatlichen, kriegei rischen wie friedlichen Institutionen aus einer gewissen Hohe sich befand, im Rate der Völker schon eine Achtung gebietende Stellung einnehmend. Allerdings in der Spanne Zeit eines knappen Menschenalters konnte die Regeneration eines arg zurückgebliebenen unreifen Volkes nicht ganz vollkommen bewirkt werden. Unter den Reformen des großen Zaren ist die Lage der Juden unberücksichtigt geblieben, obwohl es nicht ausgeschlossen fein dürste, daß der Gedanke einer Bessergestaltung der jüdischen Lage seinem schöpferischen Geiste vorgeschwebt hat. Wenn mau einem Zeitgenvsseit glauben darf, hat Peter der Große noch während seines Aufenthaltes in Holland auf Fürbitte der; dortigen Juden durch den Bürgermeister von Amsterdam um; Zulassung ihrer Glaubensgenossen in Rtißland erwidert: „Die Zeit ist noch nicht gekommen, die beiden Rationalitäten (die; jüdische und die russische) zu vereinigen." Jedenfalls ist das \ glaubwürdig, und das ist das mindeste eines genialen ge- ' wattigen Herrschers, daß Peter der Große die Verfolgungen der Juden in Kleinrußlaud einstellte, obwohl er die Juden ins j Innere des Landes nicht hineinließJ.! Die große Epoche Peters des Großen, ein Elementarereignis j in der Weltgeschichte, hat die Juden völlig übergangen, eine i Ruhepause trat ein, um nach dem Ableben des großen Kaisers den gesetzgeberischen Kampf ums Recht der Juden, welche in; dem äußersten Saum der weiten Monarchie seit Menschen-! gedenken Zuflucht hatten, wieder aufzunehmen. Des großen Kaisers Witwe und Nachfolgerin Katharina I. erließ (1727)! einen Ukas: „Alle Juden in der Ukraine und den anderen! russischen Städten aus Rußland hinauszujagen und in Zlii fünft in keiner Weise wieder hineinzulasfen, und daß man j allerorten darauf streng acht gibt." An der Sprache dieses Erlasses ist der Fortschritt Peters des Großen nicht mehr zu; merken.; Unter Peter II. und Anna sind die Härten infolge Fürsprache der kleinrussischen Hetmane im Interesse des Handels verringert worden (1728—1731); die Bevölkerung sah ein, „daß der Handel daniederliegt, denn bloß die Juden vermögen Leben in Handel und Wandel einzubringen und ohne sie dein Lande böse Zeiten bevorstehen". Infolgedessen hat die Regierung am 22. August 1728 den Juden gestattet, zu den Märkten in Klein- 5) Dubiwiv a. a. O. S. 42]