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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-06-18 · Heft 25 (18.6.1915) · p. Seite 294

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 25 (18.6.1915)
Date
1915-06-18
Page
Seite 294 (sequence 6)
Language
German
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294 stützung in seiner gleichgesinnten Gattin, mit der er, wenn ihm auch der Kindersegen versagt war, nahezu 40 Jahre in glücklichster Ehe verbunden war. Sein verdienstvolles Wirken wurde schon vor Jahren durch Verleihung des Verdienstkreuzes vom Zähringer Löwen und der Friedrich-Lnisen-Medaillc vom Großherzog von Baden anerkannt. Was in den vielen herzlichen und ehrenden Ansprachen dem Entschlafenen ins Grab nachgerufen tvnrde, wird den flüchtigen Augenblick überdauern. Heidingsfelds Name tvird in seiner Gemeinschaft lebendig bleiben und zum Segen sein. Die „Wohltaten" des hsulrs Somanow. Bon 2 e o 2 eh ci » h a it S. I. ls Rußland im Jahre 1862 das Millennium seit Begründung des Reiches durch Rurik beging, überbrachten alich die Juden ihre Huldigungsschrift dem Kaiser Alexander 11., in der sie ein Wort zur rechten Zeit aussprachen, das vielsagende Wort: „Wir Juden haben uns in Rußland angesiedelt, ehe es noch entstanden war"J. Daß dieses Wort auf historisch verbürgten Tatsachen beruht, ist mehrfach erwiesen, ebenso, daß zu allen Zeiten die russische Judenschaft durch Moralität, Emsigkeit und Loyalität zu den bewährtesten Bewohnern des Landes gehörte. Die historischen und kulturhistorischen Wandlungen der Juden aus dem Boden des heutigen Rußlands und als das russische Reich im Verlauf seiner politischen Machtentwicklung eine zahlreiche jüdische Bevölkerung in vielen eroberten Gebieten vvrgefunden hatte — ihre Wandlungen und Handlungen waren immer in allen Lagen fördernd und staatserhalteud. ES ist bis zur Evidenz nachweislich, daß das noch im rohesten Kulturrückstand befindliche russische Volk die erste Begründung seines Handelsverkehrs mit dem westlichen und südlichen Europa und hierdurch das erste Uebergangsstadium zu zivilisierten Verhältnissen allein den Juden zu verdanken hat'). Allerdings eine gebührende Anerkennung ist den Juden kaum von irgendeiner Seite gezollt ivorden, die staatsrechtliche Belohnung aufrechten Bürgersinnes ist das ganze Jahrtausend hindurch ausgeblieben, oft genug sogar ist den Juden selbst ihre Heimatsberechtigung im russischen Reich angefochten und verkümmert worden. Nach dem Jahrtausendfest der Reichsbegründung ist mehr als ein Halbjahrhundert verstrichen, und Rußland feierte vor zwei Jahren (1913) wiederum ein imposantes Fest, die Dreijahrhundertseier der gegenwärtig herrschenden Dynastie der Romanows. An der feierlichen Festversammlung vor Nikolaus 11. hatte eine größere Anzahl Vertreter der jüdischen Gemeinden Rußlands teilnehmen dürfen, um ein äußeres Wahrzeichen ihrer Zugehörigkeit und ihrer allezeit bewährten Anhänglichkeit abzugeben. Unter dem Szepter des Herrscherhauses Romanow, durch Eroberung vieler Landesteile mit zahlreicher jüdischer Bevölkerung, hatte sich die größte jüdische Bevölkerung der Welt angehäuft. Der Schutz jedoch war oft durch kodifikatorische Widersprüche und Widerwärtigkeiten vereitelt worden. Unwissenheit und daher blinder Religionshaß bemächtigte sich der letzten Selbstbeherrscher aus dem Regentengeschlecht Rurik, grundlose boshafte Vorurteile waren dem Volke von ') „Geschichte Rußlands" (hebräisch von Dr. Mandelkern ediert. Warschau ]875), Band I, 2. 22. ") Julius Elk, „Tie jüdischen Kolonie» in Rußland", Einleitung. Frankfurt a. M. 1886. alters her eingeimpft, und im ganzen weiten Gebiet fand s: h kein einziger heller Lichtpunkt, kein einzelner aufklärend > Kopf, die düsteren Wolken, die trüben Irrungen zu verscheuchen. Zuweilen hat mancher einsichtige Fürst die Jud u wegen ihrer Brauchbarkeit für den Handelsverkehr, für den i ic kriegerischen Russen damals keinen Sinn hatten, heran,» zogen. Solche milde Fürsten — freilich waren ihrer u n wenige —, die sich bemühten, dem russischen Reich tücht kommerzielle Kräfte zu verschaffen, gingen sogar auch weit t, angesehene jüdische Kauf- und Handelsherren des. Auslaut.» unter den vorteilhaftesten Anerbietungen zur Uebersiedelu uj nach Rußland zu bewegen. Aber die Gunst der Fürsten wäh.le nie lange, höchstens bis zum Thronwechsel. Hauptsächlich al?> Iwan IV., der „Grause", in seiner langen RegierungSz i> (1533—1584) hat die in seinem Gebiet vorhandenen Juden radezu vernichtet. Zwar hat Zw an ver Grause in einem Br q an den Khan von Astrachan gesagt: „In unseren heilig n Büchern steht geschrieben, wir sollen nicht mit Gewalt Ande :• gläubige zu unserem Bund bekehren, denn in solchen Ding » kommt das Recht Gott zu, nicht den Menschen." Diese gerech: » Worte waren bloß niedergeschrieben, in bezug auf die Jud» betätigte der Grause den heftigsten Glaubenshaß; er stell .c seinen jüdischen Untertanen die Wahl zum Uebertritt z.a griechisch-katholischen Kirche oder schonungslose Verfolg» und Vernichtung. Allein alle BekehrungSverjuche blieben erjv » los, und die Ausrottung der Juden wurde in allen Teilen:» russischen Reiches angeordnet. Als die Sendboten des Po. königs Sigismund von ihm Handelsfreiheit für die litauise! » Juden in den moskauischen Landen verlangten, wie die all-» Verträge es auch festgelegt hatten, entgegnete ihnen Iwan c > Grause: „Wir wollen diese Menschen nicht; sie haben Gift - n Leib und Seele zu uns gebracht, sie verkaufen tödliche Kräul», sie lästern unser Heiligstes." Unter der Tyrannenmacht die : grausen Zaren sank das gesamte russische Volk in tiefes Elei o. Wenige Jahre später (1598) erlosch die Dynastie Rur» die über 700 Jahre Rußland groß und stark beherrschte, oh»' das Licht der Aufklärung — das ein Volk auf lichte Höh > schwingt — aufgehen zu lassen. Die sieben Bojaren, wel »f das Land in der unruhigen Konsliktszeit verwalteten, als e einen Vertrag mit Wladislaus aus Polen wegen Uebernah. t der Regierung am 10. Januar 1610 in Moskau unterzeichnet»;, haben folgende Bedingung ausgenommen: „Die Polen soll; keinen Juden mitbringen, ob Kaufmann, ob andere Diu» Treibender." Derselbe Bvjarenrat, in der Urkunde über >» Wahl Michaelis, des ersten Romanow, zum Zar » (21. Februar 1613), erwähnte alles Böse, was der Pseut Demetrius I. angerichtet hat, und rechnete ihm besonders . schwere Belastungssünde an, daß er die Juden, „die Gott Mörder", um das Heiligtum zu entweihen, mitbrachte. Unter solchen obwaltenden wahnwitzigen und wirren A.:- sichten bestieg der erste Zar aus dem Hause Romanow d » russischen Thron. Jedoch die Verhältnisse waren stärker als »f unbegründeten Ansichten. Unter der 32 Jahre währenden R gierung Michaels mußte die Judenfrage fast gänzlich un; - rührt bleiben. Seit der Schreckensherrschaft Iwan t» Grausen und durch die Mißwirtschaft und Kämpfe der Us> " patoren des Thrones war der innere Zustand des russisch » Reiches derartig zerrüttet, daß man der noch im Lande ve. bliebenen Juden bedurfte, um sie zur Wiederbelebung i"; Handels benutzen zu können. Kaum war jedoch eine entsprechende Besserung der inner > Zustände eingetreten, als auch sehr bald die Mutze sich sau» den Glaubenshaß gegen die armen Juden in Szene zu scheu. Alexei — der zweite Zar aus dem Hause Romanow - (1645—1676) ordnete die erste geregelte Gesetzessammlung für

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