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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-06-18 · Heft 25 (18.6.1915) · p. Seite 292

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 25 (18.6.1915)
Date
1915-06-18
Page
Seite 292 (sequence 4)
Language
German
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292 Werker, neben denen, die sich ihren Platz im Leben geschaffen haben, die anderen, die erst ins Leben hinausschanen. Aber es sind bei allen dieselben Gedanken, die in dein Zusammensein nach der Andacht hervortreten, ans dieser Stimmung heraus, in der die kleinen Erlebnisse, seien sie froh vder bedrückend, hinter dem einen großen Erlebnis, hinter der Gewissenserfahrung, verschwindein Das, was immer Zuerst und vor allem sich ausspricht, ist der starke Wunsch, daß die sittliche Kraft, die in ernster Zeit lebendig wurde, erhalten bleibe und in den Jahren des Friedens fortwirken möge. Es wäre allzu alltäglich, iueinr man das bloß die Erwartung des Lohnes und Tankes für alles das, was geleistet wurde, nennen wollte. Es ist in Wirklichkeit ein viel Tieferes; es ist die Sehnsucht danach, daß all das Gute, das. in den besten Tagen hervortrat, doch nicht nur eine Kraft r>s Krieges sein möge, sondern ein fruchtbares Besitztum des Friedens, um dessentwillen doch der Krieg geführt wird. Alle die Opfer, die gebracht, die Mühen, die bewährt wurden, alles, loas ertragen und erfahren wird, in der Heimat und draußen, das alles soll doch der Zukunft gelten, es soll eine Saat sein, die ifjreii Tag der Ernte finden wird. Der Gedanke, für die Zukunft Zu arbeiten, gibt in den schweren Stunden die Kraft und die Ausdauer. Ein anderes, was die Gegenwart lehrte, itrtb was für die spätere Zeit erhofft wird, tritt alsbald daneben: es ist die Gewißheit, daß alle die so mannigfaltigen, so verschiedenen Menschen, die das gemeinsame Vaterland eint, einander so nahe sein können. Man hat es erlebt, daß es so sein kann, und ersehnt es deshalb, daß es sich so erfüllen möge. Wohl ist es selbstverständlich, daß jeder sein Bild der Zukunft vor sich steht. So sehr manch einer umgelernt und Neues gelernt hat, die Ideale, die er vorher in sich trug, sind doch geblieben. Jeder will, wenn Gott ihm die Heimkehr schenkt, weiterschreiten in seiner Arbeit und in seiner Hoffnung aus den Wegen, in denen er das Kommende, wofür er kämpft und sorgt, vor sich erblickt. Tie verschiedenen Richtungen und auch die Gegensätze werden bleiben. Aber in dieser Zeit haben doch viele, die vorher voneinander wenig oder nichts wußten, einander kennengelernt, und über aller Empfindung des Verschiedenen ist das Gefühl des Gemeinsamen, im Engeren wie im Weiteren, lebendig geworden; es hat sich als eine Kraft der ernsten Zeit bewährt. So wächst die starke Hoffnung auch hervor, daß jetzt an die Stelle der bloßen Toleranz, die den anderen duldet, die Achtung vor ihm, der Respekt vor seiner berechtigten Eigenart treten wird, der Respekt auch vor dem Ideal, das er in sich trägt. Noch ein weiteres schließlich wird als der Lohn dieser Zeit erhofft: die Freude an der Pflicht und was damit sich verbindet, die Freude au der Einfachheit. Jeder hat in dieser Zeit sowohl fein „bloßes Ich" über-. winden gelernt wie auch den Unterschied zwischen dern echten Frohsinn und dern herbei geführten erkünstelten Vergnügen erkannt; er hat es erfahren, wie wahrer Ernst und wahre Heiterkeit beieinander wohnen. Ohne daß es in diesen Worten sich ausdrückte, hat ein jeder doch auch das erlebt, daß das Aesthetische bloß das Leben begleiten kann und nur das Ethische unser Leben zu führen vermag. In Augenblicken des Nachderrkens ist es an der Stätte des Ernstes manchem znm Bewußtsein gekommen, wie die Verwechslung von Freude und Vergnügen einen Irrtum in sein Dasein hineingebracht hatte, und wie das neue Leben den rechten Weg gehen soll im geraden Einfachen der Pflicht und im geraden Einfachen der Freude. Als eine Hoffnung auf die Kraft der Zukunft spricht dieses sich aus. Solche Fragen und Antworten werden nach den Stunden der Andacht iuriner wieder laut. Jeder spricht von seinen Erfahrungen und seinen Wünschen: der eine weiß zu erzählen, der andere sucht nach den- Worten. Aber allen ist es eine Befriedigung und eine Beruhigung, wenn sie zu berichten beginnen. Sich ausreden zu können, gibt neue Frische itnb Zuversicht. 18. Mai 1915. lieber meine Tätigkeit in der ersten Hälfte dieses Monats erstatte ich den gewohnten Bericht: Ich habe in dieser Zeit Gottesdienste abgehalten in St. Leger-Ferme, Andignieourt, La Fere, Epagny, Bille und Noyon. An einem derselben dursten jüdische Gefangene teilnehmen, die zu einem hier eingerichtetere Lager gehören, dessen Insassen zu Straßenbauarbeiten herangezogen werden. Die Erlaubnis, die ich für sie erbat, wurde gern erteilt, wie mir von seiten des Wachtkommandos gesagt wurde, um so lieber, da diese Leute die „saubersten und brauchbarsten" unter allen seien. Sie selbst erzählten voller Dankbarkeit von der freundlichen Behandlung, die ihnen zuteil werde und ihnen alles gewähre, was unter den außergewöhnlichen Verhältnissen möglich wäre. Durch einen Posten warm sie nach dem Orte des Gottesdienstes geleitet worden, imb der Ausdruck ihres Gesichte sprach noch deutlicher davon, als ihre Worte es auszudrücken vermochte', ums es ihnen bedeutete, in dein Kreise der Andächtigere weilen zu dürfe. Und auch wir alle empfanden den Segen, in schwerer Zeit anderen eir Wohltat erweisen zu können. Es waren Männer, die der Krieg ni Gefangene ins fremde Land geführt hatte, aber ihnen kam die Gesinnm , entgegen, die an unseren Soldaten hier fast überall und immer zu b obachten ist, dieser Wunsch, die Härte des Krieges, wo immer es mögli l ist, durch Güte und Freundlichkeit zu überwinden. Bor allem in dem Verhältnis zneinarrder offenbart sich dieses groj Maß an 'Herzensgüte und Herzensbildung, das besonders in dem schlichte-. einfachen Manne so oft wohnt. Vielleicht ist das wichtigste Erlebn dieser Zeit die Kameradschaftlichkeit. Es ist bei ihr nicht"nur daran? denken, daß einer mit dem anderen teilt, wie die großen Opfer, und Beschwerden, so die kleinen Gaben und Spenden, die zu einem komme! Das Wesentlichste bei der Kameradschaftlichkeit ist, daß einer den andere.' kennengelernt, in seinen Vorzügen und auch in feinen Mängeln, nu damit auch sich selber kennen und oft erst auch würdigen lernt. E ist etwas, worunter gerade wir, wir im engeren Sinne, oft gelitten habe daß die letzten Jahrzehnte manche Scheidewände errichtet hatten, so de viele tut Lande von denen, die neben ihnen lebten, 31t wenig oder iiirfy wußten. Wenn es auch viel Gemeinsamkeit der Arbeit gab, so wenig Gemeinschaftliches, worin die Seelen sich erschlossen. Es ist selbi verständlich, daß so manches, was lange hin gewährt hatte, nicht übc Nacht verschwindet; es gibt ein Gesetz der Trägheit. Aber das eine mir sich doch als ein Bleibendes erweisen, daß Menschen, die bisher m nebeneinander her gegangen waren, in ernsten Augenblicken über h Gleiche uachdachten und über ihre Hoffnungen und ihre Sehnsucht mi einander sprechen. Das ist der eigentliche Sinn und Wert der Kamera! schastlichkeit. Gegenseitiges Verständnis und Bewußtsein vom eigene Wesen sind im Grunde dasselbe; man soll von sich und von ander, wissen, dann wird man nebeneinander stehen und zueinander komm, können. * Aus Wien wird uns geschrieben: Die Lüge von der jüdischen A b st a m m u n g d' A n n u n z i 0 s. In antisemitischen Blättern des In- und Auslandes wa in vorletzter Woche die Mär zu lesen, daß der vor kurzem rwo von seinen eigenen Landsleuten gründlich mißachtete, jetzt alu als nationaler Barde verhimmelte Kriegshetzer Gabriei d'Annunzio jüdisch-polnischer Abkunft und daß sein Bäte ein Advokat namens Dr. Rappaport gewesen sei. Ti Unterlage zu dieser plumpen Erfindung bot offenbar der Uni stand, daß der bürgerliche Name d'Annunzios Rapagnettl lautet. Rapagnetta— Rappaport, die Antisemiten haben schon schwierigere Fälschungen vollbracht! Zur Erhöhung de Glaubwürdigkeit beriefen sie sich auf kein geringeres Zeugni als das des ehemaligen Ministers des Aeußern, Grafen Go l u ch 0 w s k i, der angeblich erklärt haben sollte, daß der Vale d'Annunzios als Faktor in den Diensten seines eigenen Vater gestanden habe. Zur Widerlegung dieser im jetzigen Augenblicke doppelt böartigen Ausstreuung hat die „O e st e r r e i ch i s ch - I s r a e l i tische Union" den einfachsten und direktesten Weg eingc schlagen und sich an den Grafen G 0 l u ch 0 w s k i selbst gr wendet, der die bestimmteste Erklärung abgab, daß er.e i n solche oder ähnliche Aeußerung niemals ge macht habe und daß ihm auch von den angeb lichen Beziehungen seines Vaters zu einen Herrn Rappaport nichts bekannt sei. * So entsetzlich es auch ist, auf das unerhörte Verfahre! Rußlands gegendieJuden immer und immer Wiedel einzugehen, so können wir nicht umhin, die nachstehenden Mit teilungen verschiedener Blätter hier folgen zu lassen: Kop e n h ag eit, 7. Juni. Die in London erscheinende jüdische Zeitung „World" stellt fest daß die Entfernung der bisherigen jüdischen Minister aus dem englischen

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