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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-06-11 · Heft 24 (11.6.1915) · p. Seite 288

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 24 (11.6.1915)
Date
1915-06-11
Page
Seite 288 (sequence 12)
Language
German
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2tzS das höchste Lab zu sein. Er verehrt seine Mutter tief. Aber immer wieder hebt er hervor, daß er in seinem Herzen keinen Unterschied mehr kenne zwischen der eigenen und der Schwiegermutter, und ich glaube es ihm. Er ist ganz entzückt van Mama. Seine Mutter nennt er „sein altes", meine „sein junges Muttchen". Ob er ahnt, in welchem Grade er damit das -jtichtige getroffen hat bei Mama? Wie ungemein gern sie gerade das hört? Jung ailssehen, jung gefunden werden, das ist ihre Schwäche, ihr Steckenpferd. Ach ja, mein Max ist ein Lebenskünstler, der versteht es mit aller Welt. So habe ich auch immer das Gefühl, er verdankt die große Praxis, die er sich in den wenigen Jahren seines Hierseins erworben hat, noch mehr feinem Wesen als seiner Tüchtigkeit. Es ist schlecht von mir, daß ich das glaube, aber - ich kann mir n\d)t helfen. Gestern hielt mich eine sehr zittrige, alte Dame, die mich nur daher kennt, daß sie mich mit Max untergefaßt hat gehen sehen, an und ließ mich gar nicht wieder los: nein, was ich 'für ein Glück habe, so einen Bräutigam zu haben. „Fräuleincheu, ich sage Ihnen, wenn der Herr Doktor nur in mein Zimmer tritt, ist es mir immer, als konune ein Stückchen Leben und Gesundheit selber hinein." Eine Ewigkeit hat sie mir vorgeschwärmt. Daß er auch eine ganz nette Braut hat, hat sie gar nicht erwähnt. Gott, so eine kränkliche, alte Person! Den.13. Mein Max heißt von heute an Moritz! So, da steht es! Kein Jota ändert sich mehr an dieser Bestimmung unser ganzes Leben lang! Warum hat Max - halt Moritz — mir nie gesagt, daß er diese Umnennung nicht gern hatte, mit einem kleinen Unbehagen der Zeit entgegensah, da ich ihn vor seiner Mutter mit einem Namen rufen würde, den sie und sein seliger Vater ihm nicht gegeben haben? An sich ist doch die Sache so unwichtig. Aber ich werde doch nichts tun, was meinem Max — Gott, schon wieder Max! Wie schwer man sich doch an das Neue gewöhnt! — unangenehm ist. Mein Ach Moritz (also, nun wirklich Moritz! Nachher im Bett werde ich hundertmal hintereinander „Moritz" sagen, bis es mir geläufig ist) zeigt mir auch gar nicht mal den Herrn. Wie soll das werden? Nun, ich werde seine Güte nicht mißbrauchen, ganz gewiß nicht. Aber wieder war es Josua, der Griesgram, der an der „Verstümmelung" (Josua braucht kräftige Worte, wenn er eine Ansicht durchdrücken will) herumnörgelte. Und da trieb er meinen M M o r i tz in die Enge. Der mußte eingestehen, daß er an seinem wirklichen Namen hing — vielleicht siel es ihm auch erst unter dem Drucke dieser scharf ausgeprägten Meinung wieder ein und damit ist selbstverständlich die Sache erledigt. Aber dann gab es noch einen heißen Kampf, einen um — sage und schreibe — unseren Erstgeborenen. Aber nicht etwa mit dem Bater dieses dereinstigen hoffnungsvollen Sprößlings - - beileibe nicht —, nein, mit dem zukünftigen Onkel Josua. Wir waren nun einmal beim Thema der Namen. Und Josua behauptete, der Junge, unser Junge, müßte nach Moritz' (Hurra, ich kann's schon, ich verschreibe mich nicht inehr) verstorbenem Baker Aron heißen. Nein, Josua, diesmal bekommst du nicht recht, bestimmt nicht. In unendlich vielen Dingen, manchmal denke ich, in meinem ganzen Denken und Fühlen, hast du mich an die Hand genommen und geführt - vielleicht habe ich erst durch dich überhaupt denken gelernt, wenigstens denken über Dinge, die mir so nah sind — und die ich doch nicht sah. Aber gerade deshalb, gerade, weil du mich lehrtest, das Wahre vom Falschen, das Wesen vom Schein zu unterscheiden, weise ich so etwas zurück als etwas Aeußerliches nnt> Neberflüssiges, als nutzlose Opfer und quälende Schädlichkeiten des tägliche Lebens. Gilt, wenn mein zukünftiger Mann oder meine Schwiegermutter Wert darauf legen werden, den Namen fr* verstorbenen Vaters pietätvoll sestzuhalten, so mag so e: i Kind den Namen Aron als jüdischen dazu bekommen. Abi sein Rllfname muß in dieser christlich-deutschen Umwelt ni christlich-deutscher sein, so sicher, wie -- nun, wie dein Rock i n christlich-deutscher sein müßte. Doch davon, lieber Josux reden wir später. Noch sind wir nicht dazu gekommen. Tu hast mir von einem hochangesehenen jüdischen l\vversitätsprofessor erzählt, dessen Vorname Hermann war, m o der sich von dem Augenblick an, da der Antisemitismus n Deutschland wieder auslebte, „Chajim" nannte. Ob mir d r nicht sympathischer sei als die Ueberlänser lind die, die äm { licher als je die Spuren des Judentums 31t verwischen in o vergessen zu machen suchten. Zugegeben, lieber Josua! Aber die Vergleichbarkeit fehlt. Wenn der Gelehrte aus eigenem Antrieb ans diese We den Fchdehandschllh hinwarf, gleichsam beschwert von de - Gewicht seines hohen Ansehens und seiner Tatkraft, so ist d. ) ein ander Ding. Ein Kämpfer tritt bewußt auf den Plan in ruft die Streiter: „Hierher! Ich stelle mich euch! Ich bin Jud. Nun wagt etwas gegen mich!" (Fortsetzung folgte. Literarilche Mitteilungen. — A. Kahlberg , D i e Ethik des B a ch j a i b n P 0 k 11 d Halle a. 5. 1914. Unter den jüdischen Religionsphilosophen des Mittelalters, die ei Versöhnung der Ewigkeitswerte der Religion des Judentums mit dt; Wissen und den philosophischen Anschauungen ihrer Zeit erstrebt Hab nimmt Bachja ibn Pakuda insofern eine eigenartige Stellung ein, er von der Behandlung metaphysischer Probleme säst völlig absi : und sein Augenmerk vorwiegend der Ethik Znwendet. Ein Führ : ans dem Wege zur H-erzenssrömmigkeit und wahren Sittlichkeit wii er seinen Glanbensgenossen sein, und darum kann die Darstellu. i seiner ethischen Gedanken, wie sie der Rabbiner der Synagoge gemeinde Halle, Dr. Kahlberg, in seiner jüngst erschienenen Sehr : bietet, keineswegs nur historisches Interesse beanspruchen. Von der richtigen Erkenntnis ausgehend, daß Bachja selbst sein W.n über „die Herzenspflichten" als ein populäres Handbuch anfgejn: wissen wollte, vermeidet Kahlberg in dankenswerter Weise den V.. such oder vielmehr die Versuchung, die Fülle ethischwertvoller E. danken in ein bestimmtes System einznordnen. Und gerade desha gelingt es ihm, den Leser mit der religiös-sittlichen Vorstellungsw. des mittelalterlichen Denkers fast völlig vertraut zu machen; ir;: Irrte resse folgen wir seiner Darstellung, wie ans dem Grunde ein vernunftgemäßen Gotteserkenntnis das Gebäude der Herzenspflicht ersteht. Sie, deren Erfüllung Verstand und Religionsgesetz in gleich v Weise fordern, läutern die Menscheuseele und führen sie zur Glich seligkeit, die in der Gottesnähe zu finden ist. So wird das gm . Leben zum Gottesdienste; befremden muß es nur, daß ein so wahrh religiöser Charakter wie Bachja der sozialen Pflichten des Mensa : sehr spärlich Erwähnung tut. Treffend weist Kahlberg diesen Ve wnrf mit der Begründung zurück, daß Bachjas ganzes Werk angelegt ist, eben nur die religiöse Gesinnung, d. h. das Verhält! des Menschen zu Gott zu bestimmen; wie schon des Buches Titel best.. ist Bachja konsequenter Gesinnungsethiker. Nach der Prüfung all der Voraussetzungen, auf denen unser Dean süßt, ist die ausführliche Inhaltsangabe der 10 „Pforten" sehr kommen. Den wissenschaftlichen Wert der Abhandlung vervollständst'- eine sorgfältige Untersuchung über Ort und Zeit der Wirksamt- Bachjas, deren Bestimmung immer wieder auf große Schwierigkeit! - gestoßen ist. Eine eindringliche Quellenanalyse, die unseren Den-.' vornehmlich von arabischen Philosophen literarisch beeinflußt zein und das reiche Material, das die Anmerkungen bieten, erhöhen Brauchbarkeit der Schrift für den Fachmann. Kahlbergs, vom jüdist theologischen Seminar zu Breslau preisgekrönte, Abhandlung über d e Ethik Bachjas muß als ein bedeutsamer Beitrag zur Wissenschaft da Judentums bezeichnet werden. Rabbiner Dr. Grün selb, Eger.

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