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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-06-11 · Heft 24 (11.6.1915) · p. Seite 287

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 24 (11.6.1915)
Date
1915-06-11
Page
Seite 287 (sequence 11)
Language
German
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287 7 jaloszinski, und — ich vergaß — Fische zu kaufen. Das — das;» Josuas Mutter? Die dicke, formlose Frau mit dem verquolle- Gesicht und der schrecklichen Sprache? Ich — ich darf ja nicht so ratlos, so sinnlos dastehen, ich muß ja sprechen, denn schon hat mich Frau Ristes Geschäftsgeist entdeckt, und schon jummele ich auf ihre Frage: „Zweieinhalb Pfund Hecht möchte ich." „Gepper von demm," kommandiert sie einen jungen Men- >, ii'it in völlig galizischer Tracht, ein Mttelding zwischen der p iimpzügigen Mutter und dem seingliedrigen Bruder, und igt auf einen Korb, den ich für den besseren halten soll. Und » gehorcht, wie man dem Meister gehorcht, stumm, mit eineur »was scheuen Lächeln, ohne den Anspruch, etwas anderes zu h.n, als zu gehorchen. Ich weiß es, das ist der Jakob. „Er i t nicht so gut gelernt" (man sieht es ihm an) „und hilft nun i;• Mutter." Jetzt erst fühle ich, wie weit sich Josua von denen, die seines 7 nies sind, entfernt hat, ohne es zu wissen. Nein, mein . der, das ist nicht mehr zu machen mit dem langen Rock. 7 u kannst damit nicht mehr die Anzeichen deiner Bildung, i dst nicht die Anmut deines Wesens und deines Aussehens >. Zwischen, von der du nichts weißt, und die dich doch so! »unelweit von den anderen unterscheidet. „Gepper von 7 amt!" Schrecklich rollen die gutturalen Töne aus dem! impen Mund. Jetzt greift Frau Rifke in ihren Fischvorrat. Da sehe ich 7.re Hände, die keine Handform mehr haben, so dick und erneu und mißgestaltet sind sie von dem fortwährenden Hin- - »greifen in die salzige, oft eisige Lake. Und auf einmal stei- : h mir die Tränen auf. Das sind die Hände, mit denen die 7 .au die ganze Familie ernährt, mit denen sie die Kinder vor 'tot und Hunger geschützt und das Ansehen des Hauses gei »hrt hat, des Hauses, in dem nie, noch nicht einmal heute, r j die Söhne erwachsen und teilweise ganz gut gestellt sind, n Pfennig ausgegeben wurde, der nicht selber schwer und »er verdient worden war. DaS sind die Hände, die das Geld r die deutsche Pension für Josua aufbrachten, und die ihn '»sorgten und streichelten, daß er noch heute einen Reichtum!. - Herzen trägt, um die ihn andere, ärmere, beneiden könn-! ». Das sind die Hände, diese mißgestalteten, roten Klumpen it, die ihn klug führten und nie zurückhielten, wenn er weivorwärts wollte — ich trat mit meiner Markttasche ganz ist an ihren Fischstand heran, der — ich sah es ganz deut- ) — jetzt auch von anderen, die nur auf die Beendigung ' ines Einkaufes warteten, umstanden war, von Bekannten, 7 »u Hausdorff, Fräulein Lesser, Frau Dr. Markus — und 7 sagte ich ganz laut — ich glaube, es klang jubelnd, freudvoll: „Frau Djaloszinski, ich kenne auch Ihren Sohn, den Josua. ' c ist der beste Freund meines Bräutigams, des Dr. Heh-!■ uut." Die Hechte, die so störend wichtig, so unangenehm aus- ' big ihr Interesse in Anspruch genommen hatten, waren »gessen, verschwunden, sie sielen lose in den Vorrat zurück. „Mein Josua?" Ein warmer Glanz legte sich auf das verwerte Gesicht. „Gott soll'n mer nur gesund lassen. E goldr Mensch." „Ja," rief ich laut und fröhlich, „ja, er hat aber auch eine 'ldene Mutter." Dann rannte ich davon, eiligst, wie fliehend; ich hatte keine »st, die Bekannten zu sehen und zu grüßen. Ich fühlte trotzen noch im Rücken ihre maßlos verblüfften Blicke. Ich weiß 'mm, wenn die üble Nachrede bei einem verlobten Mädchen cht so absolut zwecklos wäre — ich wäre jetzt im ganzen ' reis für überspannt verschrien. Und doch ist mir heute so selig zumute, wie lange nicht. Den.13. Heute beim Abendessen erzählte Mama sehr ausführlich, sehr drollig von meinem Marktgang, wie ich mit vor Eifer und Aufregung ganz roten Backen heimgekommen sei — und sie kam auf die Kosten —, Max war ganz entzückt und amüsierte sich köstlich über meine hausfrauliche Strebsamkeit. Er behauptete, so gute Hechte überhaupt noch nicht gegessen zu haben. Als Mama hinausgegangen war und Papa und Erna lasen, erzählte ich ihm leise von meiner Begegnung mit Frau Djaloszinski, und da war er ganz gerührt. „Du bist viel zu bescheiden, viel zu dankbar, Schatz," sagte ich ihm. „Eigenüich müßte es dich doch kränken, daß Mama niemals deinen Freund einlädt. Fische äße er doch bei uns. Nimmst du das gar nicht übel?" „Aber, Herzblatt!" Ganz erschrocken sah er aus. Ich hatte eine Dummheit gemacht. Wozu ihn aus etwas aufmerksam machen, was er noch gar nicht einmal geinerkt hatte? Aber schon strahlte wieder sein hübsches Gesicht. Er erzählte laut einen Witz von einem Schnorrer, der von einem reichen Mann zum Abendessen geladen worden ist. Als die Familie sich zu Lisch setzen will, kommen statt des einen aufgeforderten zwei. „Wie haißt?" sagt der Hausherr, „ich habe doch nur Euch aufgefordert und nicht den da!" Und der Schnorrer lächelt und sagt, auf seinen Begleiter weisend: „Das ist mein Schwiegersohn. Der eßt alle Freitag abend bei mir." Zum Glück war Mama wieder ins Zimmer getreten und schüttelte sich vor Lachen, als höre sie die Geschichte zum erstenmal. Dreimal hat sie mein Max nun, glaube ich, erzählt. Auch Papa und Erna lachten. Max sah sehr befriedigt über die Wirkung von einem zum anderen. Mich hatte er im Arm und sah deshalb nicht, daß ich nicht lachte. Siehst du, mein Max, so bist du nun. Wenn man zittert, es könnte sich ein Zwiespalt in dir auftun — ich könnte mir denken, daß es dich unendlich quälen müßte, wenn man deinem Intimus im Elternhause deiner Braut nicht die genügende Ehre erwiese —, da hilfst du dir mit einem Witz. Irgendein Witz stellt sich immer ein, wo etwas Unklares, Schiefes Beklemmung bringen könnte. Ein Andersgläubiger, ein Wohlwollender soll einmal von uns Juden gesagt haben: „Ein Volk, das selbst so viel über seine Schwächen spottet, kann nicht schlecht sein." Ich könnte als Fremder nicht zu diesem Ergebnis kommen. Ich finde, es ist ein Mangel an Selbstachtung, fast eine gewisse Würdelosigkeit, sich immer und immer zu verspotten. Eigenschaften, die, von einem Antisemiten uns nachgesagt, jeder einigermaßen charaktervolle Jude einpört von sich weisen würde, belacht er wohlwollend, wenn irgendein Schlaume oder Jtzig sie im Witzblatt in drastischer Weise aufweist. Gut, für uns ist es Schlaume oder Jtzig, über denen wir hundert Meilen stehen wollen. Für die Welt aber sind es die „Juden", und unsere verfeinerten Manieren schützen uns nicht vor der Vermengung mit denen. Seit ich mich in die ernste Geschichte unseres Volkes vertiefe, habe ich das Gefühl: „Wir sind zu gut dazu." Wie kann mein Max, der sie so viel besser kennt als ich, sich so harmlos über diese Späßchen freuen?! Mein Maxel freut sich ja über alles. Er, der aus einem streng rituellen Haushalt stammt, freut sich auch, daß wir Freitag abend Fische und Mohnstriezel essen und auch sonst alles, was fromme Gebräuche mit sich bringen, wenn es gut schmeckt. Nun sieht er, der an allem Jüdischen hängt, auch darin ein Teilchen „Jüdischkeit". Das ist nun alles bei uns „fast wie bei seinem alten Muttchen". Das scheint nämlich

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