Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1915)
- Date
- 1915-06-11
- Page
- Seite 286 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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286 ■ i-m i! M %! A ff; als dieses letzte frommer Juden: „Höre Israel . . Eine Totenklage (das große Sterbegebet), so fürchterlich und so im Blute weihevoll, Hub darauf an, daß Herzen nicht menschlich mehr und sonder Inbrunst und Mitleidens sein mußten, um nicht erfaßt zu werden von dieser banden Gewalt. Aber die Mörder stampften auf dem War herum und sie brachen den heiligen Schrein auf, warfen die geweihten Thorarvllen lachend hinaus auf die Erde, suchten und klopften in dem Schrein herum, ohne etwas zu finden, und raubten statt dessen das Gold- und Silbergerät. Immer noch beteten die Juden verzweifelt das große Tterbegebet für die elf Gehängten. Da gebot der Hauptmann aufs neue Stille: sie sollten jetzt dem Befehl folgen und die Stadt verlassen, die sie dem Feind verraten hätten. Auf der Stelle, so wie sie seien (Kosaken wieherten vor Lachen), sollten sie ausziehen, Männer und Frauen und Kinder, keiner solle wagen, zu fliehen oder sich zu verstecken. Bitten rangen auf, Fragen: Ob sie nicht erst nach Hause dürften. Frauen riefen herunter, sie hätten Unmündige in der Wiege und Kranke daheim; andere, daß sie seit gestern abend den Tag über gefastet hätten, ohne Bissen, ohne Schluck Wassers, und Nahrung niitnehmen wollten, auch einiges Hab und Gut ... da lachten die Kosaken höhnischer noch: Sucht euch's nur, alles verbrannt, alles weg! Und sie stießen die wehklagenden Juden mit den Kolben zu Scharen aus dem Tempel. Ungegessen, ungetrunken, in Sterbehemden, wie es ihnen angemessen war, stießen und trieben sie die Juden durch die Stadt, vorbei an ihren brennenden und ausgeplünderten Häusern. Und sie begegneten vielen Scharen, gleich ihnen, in Sterbehemden, aus den anderen Tempeln getrieben, an den Toren der Stadt. Gegen zehntausend Juden, Männer und Frauen und kleine Kinder, wurden an diesem Versöhnungstage ans der Stadt vertrieben. Des Klagens und Weinens war auf viele Meilen kein Ende. Unübersehbar wälzte sich stöhnend der Zug der Flüchtlinge in die Nacht herein. Zur Weichsel zu, hatte man ihnen befohlen, als man sie am Stadttor höhnend verließ, zur Weichsel zu aufs linke Ufer, oder am besten in den Fluß hinein. Ein Rabbiner aus einem anderen Tempel hatte sich, die gerettete Thorarolle im Arm, an die Spitze des Zuges gesetzt und leitete so den neuen, den schlimmeren Auszug der Kinder Israel. Gespenstisch anzusehen, unsagbar grauenhaft war dieser Zug der Juden in Totenhemden; gleich als wandelten, auferstanden, wie sie begraben schienen, leibhaftig alle Leiden dieses Volkes aus Jahrtausenden. Gegen zehntausend lebendige Leiden wandelten so in die Nacht. Und nicht zu zählen waren die, die mit jedem Schritte neu erstanden. Eine irrgewordene Stimme, jene, die im Tempel der Gehängten einen Wall austürmen wollte gegen die Henker — eine irre Stimme allein wußte den zehntausend wandernden Leiden der Juden markerschütternden Klang zu geben. Sie schrie, von Zeit zu Zeit, über alles Wimmern und Stöhnen und Weinen hinweg, über viele Meilen hin in die finstere Nacht — nicht wie aus Menschenkehle, nicht wie zum Gebet: „Höre Israel, der Ewige unser Gott, der Ewige ist einzig! . . . Höre Israel!" •* Höre Israel und alles Volk! Ausgezeichnet habe ich diese Untaten, die in einer Novelle jetzt zu erfinden ich für verabscheuenswert hielte, nach den wahrheitsgetreuen Berichten nackter Tatsachen, wie sie der deutsche Feldrabbiner bei der Hindenburg-Armee, Dr. Arthur Levy, nach eigenen Untersuchungen in der Presse veröffentlicht hat; ich habe sie in dieser Form ausgezeichnet, aus daß wir alle nie der russischen Schmach vergessen. Der lange Lock. Roman von Anna Goldschmidt. (5. Fortsetzung.) Den.13. osua wundert sich — und dann schäme ich mich jeöt : % mal ein bißchen — über meine völlige Unwissenheit i jüdischen Dingen. Wie das komme, ich sei doch not so jung, daß der Religionsunterricht noch gar nicht so lanze zurückliegen könne. „Ach, lieber Gott, mein Religionsunterricht! Wann ha ich denn mal welchen gehabt! Meistens war ich davon di pensiert auf ein ärztliches Attest hin." „Waren Sie kränklich als Kind?" „Nein, das nicht. Etwas überanstrengt wohl höchsten . Die vielen Privatstunden, Klavier, Grazienturnen, Dekl; mation." Er sah mich an und sagte nichts als: „Sie armes Wesen." Das müßte Mama gehört haben, dieses Mitleid. Den.13. Gestern fragte ich: „Wie kommt es nur, daß Sie eine gu!?, deutsche Schule besuchen konnten, da es Ihren Eltern doch o schlecht ging?" Er lächelte. Ein gerührtes Lächeln war es. „Wissen Sr etwas, was eine gute, jüdische Mutter nicht fertigbrächte j r ihre Kinder?" Darüber muß ich so Nachdenken. Mama, bist du eine — „gute jüdische Mutter"? Du hast uns immer die teuersten Privatstunden get lassen, wir trugen schon als Kinder nur Kleider von Ste .n Söhne — aber bist du eine-„gute, jüdische Mutter"? Eine Stunde später. Noch eins: Ich fragte: „Verlangt Ihre Mutter, daß Sie si u so kleiden? Mit einem Rock, der bald so lang ist wie e Kaftan?" „Nein! Meine Mutter sagt: Geht, wie's in dem Land, :» dem ihr seid, Sitte ist, und wie's euch gefällt." „Ihre Mutter ist eine kluge Frau." „Ob sie ist!" sagte er, in seiner Sohneszürtlichkeit ganz m den Jargon seiner Heimat verfallend. Aber ich sagte es ih a nicht. Sobald er merkt, daß seine Sprache sich unbewußt geschliffen hat in Schule und Leben, kramt er den alten To: fall heraus wie den langen Rock. Er darf nicht merken, d> i> die Zeit mein lieber Bundesgenosse ist. Josua, uns beiden entgehst du nicht. Den.13. Heute morgen sagte ich: „Mama, heute möchte ich fto:t Franziskas auf den Wochenmarkt gehen. Ich muß doch ei > kaufen lernen als zukünftige Hausfrau!" „Gewiß, mein Kind," sagte Mama herzlich. Ich muß u u von meiner baldigen Frauenwürde reden, dann strahlt mich an. Sie diktierte mir den Besorgungszettel. „Fisä " schrieb ich etwas dicker, obwohl ich die wohl am wenigsten vr gesfen hätte. „Und paß ja aus die Wage auf. Die betrügen alle." „Ja, Mama, Frau Riste betrügt. Die Frau Baruch T (' lvszinskis, des Weisen, betrügt!" Eins zwei drei, war ich mit dem Obst- und Gemüseeinka >i fertig. Ob ich es leidlich gemacht habe weiß ich nicht. Fra: ziSka rümpfte über alles die Nase. Mich zog es zu den Fisch« Ich fragte nach Frau Djaloszinski. „Warum ausgerechent ■«' Djaloszinskin? Kriegen Se nich bei mir dasselbe? Ich fast Ihnen, ich wer Ihnen besser geben wie de-" Ich höm den eifrigen Konkurrenten nicht zu Ende, ich fand Frau