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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-06-11 · Heft 24 (11.6.1915) · p. Seite 285

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 24 (11.6.1915)
Date
1915-06-11
Page
Seite 285 (sequence 9)
Language
German
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B ingenenterinm^ hingewresen worden, nach dem Rabbiner besonderer „Erlaubnis" seitens der Militärbehörde zu solcher Seelsorgetätigkeit nicht bedürfen. 6) Der Rabbiner, der in den interkonfessionellen Ausschuß für Gesangenenseelsorge gewählt worden ist, wurde vom Verbände mit Material über verschiedene für die Seelsorge an jüdischen Kriegsgefangenen erhebliche Fragen, insbesondere auch über die Frage der ..Indenmission", versehen. a) Die Tätigkeit der „In den Mission" gab zu folgenden Maßnahmen Anlaß. Der Zentralverein wurde aus eine gegen die Wirkmmkeit eines Judenmissionspredigers und deren Duldung in einen: Gefangenenlager gerichtete Eingabe von dem zuständigen stellverretenden Generalkommando ohne Antwort gelassen. Ta Meldungen über Missionsversuche des gleichen Predigers an jüdischen Gefangenen nlch ans anderen Gefangenenlagern im gleichen Kommandobereich amen, richtete nunmehr der Verband an das stellvertretende Generalkommando ein Ersuchen, zu veranlassen, daß die Ausübung agendwelcher Missionstätigkeit an Inden in seinem Kommandoereich nicht geduldet werde, erhielt aber einen Bescheid, in dem die vlissionstätigkeit als Ausfluß der vom Verbände betonten Beenntnisfreiheit in Schutz genonunen und ihr Verbot abgelehnt ourde. Der Verband wandte sich demgegenüber an das Kriegsainisterium, welches erwiderte, daß es „allen Bestrebungen, an Kriegsgefangenen Bekehrungsversuche zu unternehmen, ablehnend?egenüberstehe", und daß das zuständige stellvertretende Generalommando „nunmehr die dem Prediger . . . erteilte Erlaubnis zum 'besuch der Lager zurückgezogen habe". Der Jahresabschluß über das Geschäftsjahr April 1914/15 wurde ach dem Bericht der Kassen Prüfer genehmigt, ebenso der vom Gechäftssührenden Ausschuß vorgelegte Voranschlag für das neue Gehäftsjahr. Eingehend erörtert wurden sodann eine vom Verbände n jüdischen Lehrervereine in Deutschland angeregte Eingabe bereffend die Ablegung der zweiten Lehrerprüfung durch jüdische olksschullehrer, Maßnahmen wegen: der Ausführung des Neichsaatsangehörigkeitsgesetzes in Preußen, eine Eingabe an den preuisehen Justizminister und von den mit dem Kriege im Zusammenang stehenden Angelegenheiten insbesondere die Fragen der jüi sehen Feldseelsorge. Mgrom in Kolm. Bon I o a ch i m Friedentha l. (Schluß aus Nr. 18.» H "fr ni> während der erste Satz noch von den Fragen und Rufen zerrissen war, hörte man die übrigen in Stille an. . enn die Worte kamen ihnen von einem Manne, den sie wie »en Heiligen verehrten, da er voll der Weisheit des Talmuds »r und unter ihnen wirkte wie einer der biblischen Richter;; Israel. Schon hatte Reb Chajim. aus den Wink des Rabbi hin, i> geräuspert, seine Stimme in melodische Fassung gebracht >d den betenden Gesang einen Ton tiefer ausgenommen da, o er unterbrochen war — schon sielen, unsicher noch, verstört j abgelenkt, die Antworten der Gemeinde ein —, da donneri n Kolbenstöße gegen das Tor. Das war der Donnerschlag ■■3 Jüngsten Gerichts. Keine Gnade war! Keine Gnade! — > PPen erstarrten im Wort. Augen traten weit heraus. Kein »i aber ward gehört. Nicht einmal die Köpfe wandten die! änner, denn schon in der Wendung konnten sie fallen. Aber in der aufgerissenen Tür klirrten schon Bajonette, jrahten Kosaken sich Mann an Mann zur Kette. Und einer 'chritt mit anderen vor, in den breiten Mittelgang, zum Altar bin. Im Schreiten rief er. der Hauptmann, ob das da oben v verfluchte Verräter, der Rab— „Höre, Israel, der Ewige unser Gott, der Ewige ist einzig!" in Todesangst irre Stimme würgte so dem Hauptmann das Wort ab, bevor er es zu Ende sprechen konnte; aus dem Hintergrund kam sie und erfüllte den Raum ganz mit solch einer wehen, nie gehörten Klage, das; alle jetzt erst aus ihrer Starrheit tief erzitterten, und alle insgesamt riefen der irr klagenden Stimme das Schlußwort nach: „Der Ewige ist einzig!" Und es war, um eine letzte Maiier aufzurichten, gegen das Fürchterliche. Wütend aber gebot der Hauptmann Stille. Und die irre Todesklage erstickte und verzitterte nur noch ans krampfhaft sich bewegenden Lippen. Der Rabbiner sagte: Herr, sie beten, ob er vielleicht nicht wisse, daß heute der höchste Festtag der Juden sei. — Der Offizier entgegnete: Das sei ihm gleich, für Verräter gewähre er keinen Festtag. Er, der Rabbiner Zaddik, sei angeklagt, die österreichischen Truppen begünstigt zu haben. Er sei ihnen vor vierzehn Tagen vor ihrem Einzug entgegengegangen und habe ihnen allerhand Aufklärungen gegeben. Das genüge. Der Rabbiner erwiderte mit rührender Fassung: Er sei wohl den verbündeten österreichischen und deutschen Truppen entgegengegangen, aber zusammen mit dem polnischen Propst und angesehenen Bürgern der Stadt; eS sei geschehen, wie er wohl wisse und erfahren habe, allein, um die Truppen um schonende Behandlung der Einwohner zu bitten. — Lüge, tat der Offizier die Worte ab, die Begünstigung sei erwiesen und er verurteilt, auch sei ein geheimes Telephon dort oben im Altarschrank; mit dem Posaunenruf eben, deutlich hätten sie es gehört, wollte man dem Feind ein Zeichen geben. „Packt ihn! Der Rabbiner wird gehängt, und elf andere dazu, von den Angesehenen, dort aus den vordersten Reihen, damit das Dutzend voll ist. Und ihr anderen werdet sortgejagt, ihr Hunde, hier ist der Ausweisungsbefehl vom Gouverneur." Ein Wehgeschrei von solcher Wildheit erhob sich, daß man nicht glauben konnte, er könne aus menschlichen Kehlen kommen. Die Kosaken waren schon beim Befehl „Packt ihn!" mit plumpen Stiefeln auf den Altar gesprungen, rissen nun den Rabbiner zusammen, andere den Vvrbeter, andere griffen blind, wahllos, nach links, nach rechts — mit einem jähen Ruck hatten sich die Männer in den vordersten Reihen zur Seite geworfen, übereinander hin. „Erbarmen, Erbarmen — nicht mich — ich bin unschuldig — weh, mein Mann Vater Jakob —" wirr schrien so Männer und Frauen durcheinander. Der Hauptmann zählte: Einer, zwei, drei, vier, fünfdie Stricke her! — da gellte eine wahnwitzige Frauenstimme (elf zählte der Hauptmann gerade) von oben dazwischen: „Ich hol' schon die Stricke! Ich hol' schon die Stricke!" — Man sah einen Augenblick weit ausgerissene, irre Augen, einen über die Brüstung schwingenden Körper mit flehentlich ausgerichteten Armen — dann ein dumpfer Fall mitten unter die Männer ans den Steinboden. Frau Riwkeke Kalischer röchelte vor ihnen: „Ich hol' schon die Stricke!" „Dann also bloß die elf," sagte der Hauptmann kurz, „aber schnell, schnell." — Und die Kosaken richteten an den acht Säulen des Altars mit geübten Händen den Galgen. Während die Frauen zum Herzbrechen weinten und unaufhörlich „Erbarmen" schrien, verhüllten die Männer, in die Ecken zusammengeweht, weiß in ihren; Sterbegewand, das Haupt ganz mit dem Gebetbuch, um nicht das Fürchterliche zu sehen. Und alles Volk rief siebenmal, nun wirklich, wie es in ihm Brauch war, zur großen Sterbestunde, ans einem Munde das Wort der Gewalt, das gewaltige Wort: „Höre Israel, der Ewige unser Gott, der Ewige ist einzig!" All ihre Rettung war es, all ihr Trost, all ihre Pflicht. Und der Schrei der Gemarterten, der erstickte Schrei der Gehängten klang mit in ihr Wort, und war auch kein anderes

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