Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-06-11 · Heft 24 (11.6.1915) · p. Seite 283

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 24 (11.6.1915)
Date
1915-06-11
Page
Seite 283 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229202--71385-3283722
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

283 manchmal erfreut ein poetischer Klang, wie in dem allerdings auch nicht ganz einwandfreien „Heldenblut", .das folgendermaßen lautet: Hörst du die Bäche rieseln zur Nacht? Das ist das Blut, das heimwärts rinnt Von feindlichen Bergen nach stürmischer Schlacht, Wo die Helden des Volkes gefallen sind. Es fließt, im Mond, von Helm und Stahl, Bis Bächlein sich in Bächlein schlingt; Von Prinzen und Bauern, Rekrut, General Das Herzblut wandert zusammen und singt. Bald sind alle Wurzeln rot im Land, Und heiligen Boden fühlt der Fuß. Die Witwen tragen kein Trauergewand, Und die sich nicht kannten, tauschenden Gruß. Die gaben den Gatten; die gaben das Kind, Ihr Blut kreist mit durch Volk und Land . . . Es rinnt durch die Adern des Reiches und rinnt. Pulst Haus an Haus und Wand an Wand . . . Da nun leider auch Italien sich zu unseren Feinden gesellt hat, so sei j .'ine Karte des italienischen Kriegsschauplatzes empfohlen?) Wir sind gewiß Gegner eines jeden Krieges und nicht blutdürstig und! grausam, aber den Italienern, so sehr wir sie liebten, gönnen wir die wuchtigsten Schläge, und wir würden uns, obgleich wir von Barbarensinn weit entfernt sind und trotz aller unauslöschlichen Sehnsucht nach dem herrlichen Lande, freuen, wenn es nun die gründlichste, empfindlichste und u Jahrzehnten nicht gut zu machende Strafe erhielte, die es verdient.! Zum Schluß sei eine gute Zusammenstellung von Gedichten! Ernst v. Wildenbruchs7) durch dessen Witwe -erwähnt. Das j mar ein wahrhafter Patriot und seine edle Gestalt wächst! gerade in diesen Zeiten ins Riesengroße. Man kann gewiß! nicht alles loben, was er schrieb, und so haben mich gerade : seine Schlachtgesänge, z. B. die Bruchstücke aus seinem großen; Epos „Vwnville", außerordentlich enttäuscht; das sind Zeitungs- : berichte in Versen, und zwar in solchen, die teilweise gar nicht - gut sind. Aber sonst hört man diesen feurigen Patrioten, diesen I Rufer im Streit, der — man kann geradezu sagen — die Stellung j eines Apostels einnahm, wie es wenigen Dichtern in Deutschland! jemals gegeben war, immer gern an. In dieser Beziehung geradezu j wunderbar ist das schöne Gedicht „Wir haben ihn noch", gedichtet j iit Kaiser Wilhelms 90. Geburtstage am 22. März 1887, entstan- Den zu der Zeit, da sich ein Angriff Frankreichs und Rußlands gegen j Deutschland vorzubereiten schien. Auch die prachtvolle Charakteristik > Kaiser Wilhelms Tod" soll nicht unerwähnt bleiben. Zur Probe j mögen die fast prophetischen Verse hier stehen aus dem Gedicht > Deutschland und die Welt", das, März 1899 entstanden, dem deutschen Schulverein gewidmet war: „Du hast es ja ertragen, Was nie ein Volk ertrug. Daß dreißig Jahr die Geißel! Des Krieges dich zerschlug. Tränen, wie du sie weintest. Hat nie ein Volk geweint. In solchem Todesjammer Ward nie ein Volk versteint. Doch mitten in dem Jammer, In Todesnot und Graus Nie losch das Licht der Sterne In deinem Herzen aus. Aus allen Schrecken hob sich Dein süßes Angesicht, Umspielt vom Kindeslächeln Der heiligen Zuversicht. <;) FUlNlUlngs Karte des italienisch-österreichischen Kriegsschauplatzes: Rord- und M-ttel-Jtalien. Herausge-geben von Pros. Dv. I. Kettler. Preis 1 Mark. Carl Flemming, Verlag, A.-G., Berlin und Glvgau. 7) Deutschland sei wach! Vaterländische Gedichte von Ernst v. Wildenbruch, gesammelt von Maria v. Wildenbruch. Berlin, G. Grotesche Verlagsbuchhandlung. 1915. M. 1,50. Und was sie dir genommen. Eins ward dir nie geraubt, Deutschland, dir blieb die Zukunft, Weil du an sie geglaubt. So bist du auferstanden Lebendig aus dem Tod, So wirst, du jetzt bestehen Auch diese Zeit der Not. Du buhle nicht um Freundschaft Und schmeichle nicht dem Neid, Bleib du getreu dir selber Und warte deiner Zeit! Und warte, bis die Menschheit, Die heut am Alter krankt. Zurück zu ihrer Seele, Zu dir zurück verlangt. Das wird nach langen Jahren Voll still ertragener Pein Deutschlands Vergeltungsstunde An seinen Feinden fein." Anhangsweise mag ein Goethe-Büchleins angeführt werden, es ist eine kuriose Sammlung, in der aus Dramen, besonders viel aus „Des Epimenides Erwachen", aus Gedichten, besonders den zahmen Genien, dem Diwan, Dichtung und Wahrheit, Hermann und Dorothea, Kampagne in Frankreich, Benvenuto Cellini, auch aus Eckermanns Gesprächen alle möglichen Aussprüche zusammengestellt werden, in denen vom Krieg die Rede ist. Recht vieles Ungehörige ist beigebracht, aber auch manches Prophetische und vieles Beherzigenswerte. Aussprüche wie die folgenden muten uns etwas eigentümlich an zu einer Zeit, da so viel von der Roheit des Kriegers und von der Verspottung des Feindes die Rede ist. Der eine lautet: „Und wo sich die Völker trennen, gegenseitig im Verachten, keins von beiden wird bekennen, daß sie nach demselben trachten." Der zweite: „Die größten Vorteile im Leben, überhaupt wie in der Gesellschaft, hat ein gebildeter Soldat"; der dritte: „Nicht größeren Vorteil müßt' ich zu nennen. Als des Feindes Verdienst erkennen". Wozu freilich der an sich herrliche Spruch: Doch er stehet männlich an dem Steuer; Mit dem Schiffe spielen Wind und Wellen, Wind und Wellen nicht mit seinem Herzen; Herrschend blickt er aus die grüne Tiefe Und vertrauet, scheiternd oder landend Seinen Göttern." mitgeteilt wird, ist nicht einzusehen, denn diese wunderbaren Verse, bekanntlich an den Herzog Karl August gerichtet, enthalten eine für alle gültige Lebensmahnung, aber haben mit Krieg nicht das allergeringste zu tun. Der Verfasser hätte sich etwas mehr beschränken, seinen Stoff klarer disponieren und alles U eberflüssige ausscheiden sollen. Schade, daß die Sammlung vor der italienischen Kriegserklärung gemacht oder erschienen ist, sonst hätten die in manchen Zeitungen aus den venezianischen Epigrammen mitgeteilten Stellen gegen Italiens Doppelzüngigkeit und Treulosigkeit noch einen Platz finden können. Sitzung des Gelamtsuslchullrs des Verbandes der Deutschen Juden. ^^^e r V e r b and d e r Deutschen Juden hielt >mu 30. Mai in Berlin eine Sitzung seines Gesimrtausschusses ab. Es war dies die erste seit dem Ausbruch des Krieges, da mit Rücksicht auf die durch die gegenwärtigen Verhältnisse gesteigerten Schwierigkeiten und die mit einer solcher! Versammlung verbundenen nicht unerheblichen 8) Der feldgraue Goethe. Goethe-Worte über den Krieg. Breslau-, Vertag von PrivbcrtschS Buchhandlung. Preis 30 Pf.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.