Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1915)
- Date
- 1915-06-11
- Page
- Seite 282 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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schaftlichen Werke zusammen mit ihrem Mann oder auch allein; sie versah das Geschäft mit wenig Personal, reiste allein zur Messe nach Leipzig, zum Einkauf nach Tilsit. Diese Frau war emanzipiert im besten Sinne des Wortes. Ein Disput mit ihr war mir ein Hochgenuß, den ich mir in den wenigen Wochen meines Dortseins täglich verschaffte. Freidenkerin — fast Pantheistin, und dennoch religiös lebend! Mit ihren beiden Töchtern, in Jekaterinoslaw und Georgenburg lJurbcrg) verheiratet, korrespondierte sie ausschließlich französisch. In Szagarren wurde mir noch eine Rarität, eine menschliche, gezeigt. Ein armer, blutarmer Zigarrenarbeiter, klein, gelb, ausgemergelt; in einem dürftigen Stübchen hauste er mit seiner dürftig aussehenden Frau, arbeitete und las in seinen Mußestunden sämtliche Werke deutscher Dichter. Er kannte sie alle auswendig. Er deklamierte Goethe, Schiller, Wieland, Chamisso u. a. Zwei Stunden hörte ich ihm zu, kaufte ein Paket Zigaretten und ging, tief in Gedanken, aus dem niedrigen Stübchen einer kleinen Literaturgröße. O, du kleines Philosophenstädtchen! Lrirgsliterstur. Von Ludwig Geiger. IV. irdische und nichtjüdische Publikationen liegen vor. Zunächst ein \ ungarisches Gebetbuch, dessen ungarischer Titel im Büchereinlaus notiert worden ist, dessen hebräischer Titel unten folgen mag^). Es enthält einige Gebete in hebräischer und ungarischer Sprache, die ersten merkwürdigerweise auch mit ungarischen Ueberschristen. Es sind Stücke aus dem Morgengebet, das Achtzehngebet und einzelnes für die Festtage Bestimmte. Ter Umstand, daß eine zweite Ausgabe notwendig war, beweist, welcher Verbreitung und Beliebtheit sich das Büchlein erfreut hat. Ecksteins gelehrter Vortrag will beweisen?) daß der Krieg, den wir führen, ein heiliger Krieg ist, und setzt in Behandlung seines eigentlichen Themas auseinander, daß das Alte Testament im wesentlichen ein Buch des Friedens und daß der Beruf der jüdischen Religion die messtanische Verkündigung, die Andeutung eines Gottesreiches auf Erden sei. Im Anhänge wird, was im Titel nicht bemerkt ist, eine ansprechende „synagogale Rede zur Feier des kaiserlichen Geburtstages am 27. Januar 1915" abgedruckt. Während sich der eben genannte Vortrag nebst der Rede durch Schwung und Gelehrsamkeit, klare und ausdrucksvolle Sprache empfiehlt, kann man den unter einem seltsamen Titel vereinigten Reden von Lion Wolsff) das gleiche Lob nicht erteilen. Der Titel wird in der Vorrede so erklärt: „Nephidim und Sinai waren zwei Orte, wo Israel nach dem Auszuge aus Aegypten lagerte", es wird dann weiter an den am ersteren Orte geschehenen Ueberfall Amaleks (womit Albion — England — verglichen wird) erinnert. Tie von Herrn Wolfs verfaßten Predigten sind gewiß gut gemeint, aber recht banal gedacht und nicht eben befriedigend ausgearbeitet. Ich müßte das ganze Buch ausschreiben, um diese ganze Predigtweise zu charakterisieren, doch muh ich mich mit sehr wenigem begnügen. Wenn zum Beispiel in einer Predigt „Der Segen des Krieges" hinzugefügt wird „Die Siege aufzählen", so macht dies zum mindesten einen seltsamen Eindruck. Wenn aber gar im Anhang eine Betrachtung „Siegesfeier am Ende des Krieges" abgedruckt wird, so wirkt dies geradezu lächerlich. Die Andachten bei besonderen Fällen, zum Beispiel „Einsegnung einer Wöchnerin während des Krieges" sind wirklich derartig, daß man sich verwundert fragt, warum solche Stücke gedruckt werden müssen. Wenn dann zum Schluß des Büchleins eine Voranzeige gedruckt wird: „Sobald der Frieden in naher Aussicht steht, bereite ich eine Schlußserie meiner patriotischen Predigten vor, und zwar für die Friedensfeier, die mit Gottes Hilfe eine Siegesfeier sein wird, und eine Seelengedächtnisfeier sowohl für ') K22n ’trjxb rtbsn no. 2. Auflage. Budapest. 2) Der Völkerkrieg und das Alte Testament. Ern Vortrag von- Rabbiner Dr. Eckstein. Kvmm.-Verlag der Friedr. Kornscherv Buchhandlung, Nürnberg. Der Reinertrag wird der Kriegs- und Juvalidenfürsorge M gewendet. 0) Nephidim und Sinai. Kriegspredigten von Lion Wolfs. Prediger der Synagogen gemeinde Tempelburg. Tempelburg i. P., Druck und Verta g von Eli gen Manig. spezielle Fälle wie für sämtliche gefallenen Krieger", so muß man eine solche Buchmacherei als höchst unwürdig verurteilen. Auch mannigfache Gedichte haben unsere Glaubensgenossen erscheinen lassen. Eine höchst erfreuliche Sammlung rührt von Fritz Engels her. Sie ist Hunderttausenden von Lesern des- „Berliner Tageblatts", das heißt seiner Beilage der „Ulk", wohlbekannt. Das vierte Bändchen, das die Gedichte vereinigt, wird sich aber gewiß viele neue Freunde erwerben und den zahllosen Lesern in Erinnerung an das bereits Bekannte höchst interessant sein. Humoristisches und Satirisches wechselt mit Ernstem und gediegen Patriotischem ab. Besonders schön sind die Gedichte, in denen das rein Menschliche zum Ausdruck kommt, zum Beispiel „Licht im Dunkel", „Trostspruch für einen blinden Krieger". Wir müßten zahlreiche Gedichte nennen, wenn wir all das Schöne, das sich in dem Büchlein findet, unseren Lesern andeuten wollten. Wir begnügen uns daher damit, das herrliche Schlußgedicht „An Soldatengräbern" mitzuteilen, das stimmungsvoll bu Empfindung derer, die zu Hanse bleiben müssen, zum Ausdruck bringt. Es lautet folgendermaßen: „Ihr stürmtet hin zum Berg, ' Ihr sänket jäh hinab, Und euer ward das Werk, Und euer ist das Grab. Und wenn der Tau sich gießt Der Liebe heiß herauf. Die Blume Leben sprießt Aus dieser Nacht nicht auf. Wie auch der Freund verlangt Nach eurem Freundeswort: Nicht einmal, daß er dankt. Erreicht noch euren Ort. So tief ist unser Leid — — Und wird sich doch befrei»: Ihr, die ihr nicht mehr seid, Ihr werdet, werdet fein! Die Zeit reicht euch die Hand Und führt euch stolz hervor. Aus eurem Schattenland Rauscht eure Tat empor. Und von Walhalla her Aus reichem Heldenglanz Fließt durch das Wolkenmeer Ein goldner Strahlenkranz, Ter fernsten Tagen spricht Bon eurem Münnertum Und webt um euch das Licht Vom großen deutschen Ruhm, Von einem hohen Recht, Von einem edlen Ziel, Vom würdigsten Geschlecht, Das stieg, indem es fiel. O köstlicher Gewinn Und Glück dem Vaterland . . . Wir aber schwinden hin, Ruhmlos und ungenannt." Auch Leo Sternberg, der Verfasser der drei Flugblätter^), ist seiner Abstammung nach Jude. Seine Verse sind mir oft zu modern, aber eine ernste, heilige Gesinnung durchwebt das Ganze, und echtes Gefühl erkling! oft in wahrhaft poetischer Weise. Gar manchmal will dem Verfasser der Ausdruck nicht recht gelingen; bisweilen erschrecken unverständliche Phrasen wie namentlich in dem Schlußgedicht „Die Kriegsflammen rauchen", aber *) Und draußen ist Krieg! Don Fritz Engel. Breslau, Schlesisch,. Buchdruckerei, vorm. S. Schottlaender. Preis 75 Pfennig. 5) Mit bekränzten Kanonen. Flugblatt von Leo Sternberg. 1911 Zweite Auslage. Preis 30 Pfennig. Heinrich Staadt, Verlag-, Wiesbaden Der Reinertrag ist Kr unsere Krieger bestimmt. Von beni Volk der Ulanen. Flugblatt II von Leo Sternberg. 1915. Preis 30 Pfennig. Heinrich Staadt, Verlag, Wiesbaden. Der Reinertrag ist für unsere Krieger bestimmt. Das eiserne Zeitalter. Flugblatt III von- Leo Sternberg. 1915. Preis 30 Pfennig. Heinrich Staadt, Verlag. Wiesbaden. Der Reinertrag ist für unsere Krieger bestimmt.