Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-06-11 · Heft 24 (11.6.1915) · p. Seite 281

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 24 (11.6.1915)
Date
1915-06-11
Page
Seite 281 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229202--71383-3283720
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

281 Dann ging es wieder fort in den Pakowsee hinein, der einen Teil des Peipussees bildet, bis Pskow (Pleskau). Nach siebenstündiger Schlittenfahrt fuhren wir mit der Bahn von Pleskau wieder nach Dorpat zurück. Schön sind die Sommerabende aus dem Domberg! Durch die gutgepflasterte breite Rathausstraße gehlls die Gartenstraße hinauf zum „Dom". Ein breiter antiker Bogen mit der Inschrift: „Otium reficit vires“ empfängt gleichsam einladend die Besucher. Wenn ich mit meinen Angehörigen durch die hohen Baumreihen wandelte, dazu die hochragenden Gestalten des liv- und kurländischen Adels und die zahlreich anwesenden Musensöhne im Mondschein durch die Alleen und Bosketts gleiten sah, war dies ein unvergeßliches Bild, das sich mir für immer einprägte. Wie anders als in Deutschland! Da wären solche Enakskinder kaum in vereinzelten Exemplaren zu sehen, hier in ganzen Reihen. Man unterhielt sich nur flüsternd. Die Sommernächte waren so hell, daß man bequem dabei lesen konnte. Das Nordlicht leuchtete. Oder wenn man, auf der Terrasse des weitberühmten Observatoriums stehend (auch auf dem Domberge), an der Stätte weilte, wo Struve und Mädler gewirkt, und den leuchtenden Horizont absuchte. Die Sterne flimmerten nur matt durch die lichte Atmosphäre. Am Tage sah man vorn Observationsturme bis nach Wesenberg, Windau, Pernau, deren deutsche Turmspitzen in dem Luftmeer auftarrchten. Ich hörte dort bedeutende Gelehrte, welche an der Universität wirkten, wie Professor Brückner, den Historiker, über rrrssische Geschichte in der Universitätsaula sprechen. Der kleine bewegliche Mann fesselte sein arrserlesenes Arrditoriirm durch die Kunst seines Vortrages. Professor v. Oettingen trug Goethes „Faust" vor. Professor Weil und Professor Runge hielten Vortrüge. Später setzte die Russifizierung der Universität Dorpat ein, und die Universität ging z u r ü ck. Von Gats ch i n a n a ch P s k o \v — M i t a u. Ich reiste von Dorpat über Gatschina, der damals kaiserlichen Residenz, heim. Leider mußte ich sechs Stunden im Wartezimmer ausharren, dann ging's nach Pskow weiter. Das Gouvernement Pskow (Pleskau) hat 44 209 Ouadrattilometer und 980 182 Einwohner. Russen, Finnen, Letten, Esten; Juden sind zwar in größerer Anzahl vorhanden: meist Händler, die Flachs, Häute, Fische mt'ö andere Produkte nach Deutschland exportieren, aber nicht domizilierende, nur einzelne Kaufleute erster Gilde. Im Jahre 1888 hatte das Gouvernement 575 griechischkatholische Kirchen, dem protestantischen und römisch-katholischen Kultus dienten zusammen neun Kirchen. Das Klima ist rauh. 31,1 Prozent Wald sowie 27,3 Prozent Ackerboden und 22,6 Prozent Wiesen enthält das 44 209 Quadratkilometer mnfassende Areal. Als ich nach einigen Stunden Aufenthalt Pleskau verließ (die Stadt Pskow (Pleskau) zählt nur 24 000 Einwohner), hatte die scheidende Abendsonne die goldglanzenden Zwiebeltürme der russischen Kirchen in ein magisches Licht getaucht. Die Glocken läuteten das Ave Maria ein. Es war ein eigenartiges Panorama, das ich von der scheidenden Stadt gewann: dieses harmonische Geläute vieler Glocken im goldenen Abendsonnenschein und viele blitzende Strahlen von den märchenhaft glänzenden Türmen. ... Mitail ist eine nette, saubere Stadt; nicht anders wie eine deutsche Mittelstadt. Außer dem prächtigen Gouvernementsschloß besitzt Mitau drei lutherische, eine reformierte, eine griechisch-russische und eine katholische Kirche; drei Synagogen genügen dem jüdischen Kultus. Es ist eine starke jüdische Gemeinde daselbst, denn die Juden bilden, nach den Deutschen, 24 Prozent der Bevölkerung. Die Stadt hat 30 000 Einwohner. Eine Gesellschaft für Literatur und mehrere deutsche Bibliotheken sorgen für Ausbreitung deutscher Bildung. Meine verstorbene Mutter ist ein Kind dieses „Gottesländchens", und ich beschloß, es in verschiedenen Richtungen kennen zu lernen. Da ist zunächst, vier Stunden von Mitau j entfernt, das fürstliche Schloß der „Narischkin". Das ist ein! altes Geschlecht, älter als das der Romanow. Tie weibliche > Linie herrscht heute noch auf dem russischen Thron.! Die Narischkins stammen aus dem neunten Jahrhundert | und sind stolzer als die Beherrscher aller Reußen. Deshalb! nehmen sie auch keine Standeserhöhung von dieser Seite an.! Ein Nachkomme dieses alten fürstlichen Geschlechts hat die j einzige Tochter des kürzlich verstorbenen Grafen Witte ge-! heiratet. Deren Mutter ist bekanntlich jüdischer Abkunft. Die ' Gräfin Witte hatte lange keinen Zutritt bei Hose; zuletzt, nach j der großen Finanzoperation, wurde die Gräfin in Anbetracht i der wertvollen Dienste ihres Gemahls um den Staat hofl fähig. Das Schloß der Narischkin, zwischen Mitail ilnd dem sehr alten, halb russischen, halb kurländisthen Städtchen Szagarren gelegen, erreicht man in einer halben Stunde zu Fuß von Szagarren; es ist imLandhausstil erbaut. Es hat einen Hellen Anstrich, besteht aus einem langgestreckten, einstöckigen Mittelbau und zwei Flügeln im Anball. Ein prächtiger, gutgepflegter! Park umgibt das Gebäude. Einfach und vornehm liegt es da.; Die Landschaft ist reizlos. Sehr viel Morast, flache Felder, Aecker. Ich konnte nicht das Innere des Schlosses besichtigen, | weil ein Mitglied der Familie anwesend war. In Szagarren, das fast ausschließlich eine jüdische Bewohnerschaft besitzt, wenige russische Beamte und kurische Barrern ausgenommen, besuchte ich zunächst den Friedhof. Dieser ist sehr alt, wie das 4000 Einwohner zählende Städtchen auch; viele ringesunkene große und kunstvolle Grabmonmnente lassen erkennen, daß bedeutende Gelehrte, berühmte Tal-! mlldisten, zll denen auch ein noch damals dort wohnender Onkel von mir, Reb Schalem Wolf Jaffe, zählte, früher dort gelebt haben. Seine Eltern, meine Großeltern, ruhen aus diesem eingesunkenen Friedhof; mm auch er und sein älterer Bruder, Herr Abbe Jaffe. Dieser Onkel hat sein ganzes Ber-; mögen dem Beth Hamidrasch dort vermacht. Er ließ sich nur eine bescheidene Rente zum Leben; da er kinderlos war, lebte er mit seiner hochbetagten Gattin einfach und bescheiden in; seinem Hause, welches Nichten und Neffen noch zur Wohnllng diente. Auch diesen Achtzigjährigen traf ich zurzeit noch am Leben. Als ich schied, war es ein Abschied für ewig von beiden Onkeln. —- Ein Vorfahr von mir, Reb Schimon von Szager ' einfach benannt, soll sich wegen seines talmudischen Wissens un-d seiner großen Wohltätigkeit besonders rühmlich hervorgetan haben. Ein entfernter Verwandter, Reb Ehaim Sack, ist eine Persönlichkeit gewesen, welche ich noch kurz erwähnen muß. Er war kurz vor meinem Eintreffen gestorben. Sein ganzes Leben hindurch hat der pekuniär gilt gestellte Mann j mit dem Studium der Philosophie zugebracht. Er kannte ein-! schlägige Literatur darüber, von Maimon angefangen bis zu Kant, Hegel, Schelling, Fichte. Er schrieb große Werke in i hebräischer Sprache hierüber, versah die genannten Philo-! sophen mit Kommentaren, aber — er ließ nichts drucken, alles; blieb Manuskript, sollte so bleiben. Herr Sack lebte traditio-! nell. Er besaß ein gutgehendes Kurzwaren-Engrosgeschäst;! dieses überließ er völlig seiner Frau und kürnmerte sich nicht! weiter darum. Und sie war auch die beste Vertreterin, die er j finden konnte. Noch mehr. Frau Hinde Gite Sack war ein j noch größeres Unikum als ihr Gatte. Sie sprach fließend Französisch wie Deutsch, aber auch Hebräisch; das war seinerzeit, wo es noch keinen Zionismus gab, bei Frauen etwas Unerhörtes. Ebenso verstand sie auch Jargon. Sie las die wissen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.