Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1915)
- Date
- 1915-06-11
- Page
- Seite 280 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229202--71382-3283719- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Riga 2× ep/2781490
OCR text
280 Verbündeten in England und Frankreich aber, die Apostel der verfeinerten Kultur, die Lobpreiser der Menschlichkeit und des ntlumfasseuden Mitleids, die sich in Erzählungen über die deutschen Grausamkeiten in Belgien erschöpfen, die den Pellen auf den Ossa, erfundene Greuel auf erlogene Untaten türmen, ihnen sei das Ltudium der Heldentaten Tonischer Kosaken auf das wärmste empfohlen. Wenn englische und französische Phantasie sich einmal in der Erfindung angeblicher gegnerischer Untaten erschöpft haben sollte, dann wird ihnen russische Wirklichkeit neuen, reichlichen Einschlag geben. * Endlich sei, als sehr charakteristisch, folgender Artikel des „Berliner Tageblatts" wiedergegeben: D i e polnische Frage und di e „l i e b e n I u d e n" d e s Z a r e in Ter stets gut unterrichtete Berichterstatter des „Petit Parisieu", Elande Anet, der noch kürzlich vom russischen Kriegsminister zu verschiedentlichen Beröfsentlichungen ermächtigt war, schreibt im „Petit Parisien" vom 26. Mai folgendes aus Petersburg: „Tie Versprechungen, die bei Beginn des Krieges der Großfürst Nikolai Nikotajewitsch den Polen gemacht hat, werden noch vor Beendigung des Krieges durch ein von der Duma zu beschließendes Gesetz eingelöst werden. In der Zwischenzeit sind jedoch bereits Maßnahmen getroffen, die den llebergang in die neuen Verhältnisse erleichtern sollen. Vor allen Dingen ist der Gebrauch der polnischen Sprache amtlich anerkannt worden, auch sind polnische Schulen eröffnet. Ferner ist den Städten das Recht zuerkannt, ihre Magistrate zu wählen, wobei Vorsorge getroffen ist, daß eine polnische Me h r heit stets v o r h -a n d e n i ft. Hierbei ist die schwierige gndensrage sehr geschickt gelöst. Bekanntlich sind in Polen zahlreiche Juden angesessen, die in den großen Städten, namentlich aber in Warschau, die Mehrheit besitzen. Tie Polen sind jedoch nicht judenfreundlieh und sehen mit Mißvergnügen eine jüdische Mehrheit in den Magistraten der großen Städte. Tie russische Regierung nun, die jedenfalls auch nicht in dem Verdacht steht, eine besondere Zärtlichkeit für die Juden zu empfinden, hat mit großer Geschicklichkeit es verstanden, ihre hergebrachte Indenpolitik mit den polnischen Sympathien in Einklang zu bringen. Sie hat nämlich entschieden, daß die Inden in den Städten, in denen sie die Mehrheit haben, n u r z w e i Fünftel der Ski m m e n , auf die sie sonst Anspruch hätten, haben sollen, und daß somit auf alte Fälle die Polnische Mehrheit gesichert ist. Durch diesen geschickten Schachzng hat sich die Regierung u n t e r B e i s e i t e s e tz u n g j e d e r E r w ä g u n g d e § R e ch t s u 11 d d e r G e r e ch t i g k e i t die polnischen Sympathien erworben/ Man beachte, daß es rin Franzose ist, der so über die innere Politik des Verbündeten Rußlands urteilt. Bon jeher hat der Zarismus schonungslos ein Volk gegen das andere ansgespielt, um sich in der Herrschaft zu erhalten. Meine Keile in die baltischen Orooin?en. Von F a n n y C o h n. s war in dem denkwürdigen Dreikaiserjahr, als mich eine Besuchsreise zu meinen Angehörigen nach Dorpat führte. Ich wählte den Seeweg, weit die Landreise über Gatschina umständlicher war. Tie Bahnverbindung Riga —Dorpat — Petersburg bestand noch nicht; jetzt reist mau bequem und schnell auf dieser Strecke. Die Stadt Reval gewährt von der Leeseite aus einen pittoresken Anblick. Unmittelbar am Meeresgestade reckt sich der 88 Bieter hohe bewaldete Tomberg, dessen Spike eine Kirche krönt, empor. Die Straßen sind hügelig und das Pflaster holperig. Das ältliche Vehikel, das uns durch die Straßen zur Bahn beförderte, war federlos, und wir fühlten die Stöße nach der so gefahrvollen Seefahrt doppelt an unserem Körper. Uebrigens waren die Straßenschilder wie die Aufschriften der Geschästsschilder deutsch. Post- und Bahnhvfsbeamte sprachen Deutsch; man fühlte sich recht heimisch, fast wie in einer mittleren deutschen Seestadt. Rach vier Stunden brachte uns der Zug — mein Reffe l)atte mich beimLanden inReval abgeholt — nach Dorpat. Dort sah ich meinen Bruder (mütterlicherseits) samt der ganzen Familie zum erstenmal. Mein Bruder war seit mehr als vier Dezennien dort wohnhaft und seit dreißig Jahren Vorsteher der Torpater Synagogengemeinde, die ungefähr 50 Familien umfaßte. Einen Friedhof besaß sie nicht. Als mein Bruder 1898 starb, wurde er in Riga bestattet. Während seines Weilens in der Universitätsstadt stand er mit dem dortigen Bürgermeister in einem freundschaftlichen Verhältnis, ebenso mit dem umwohnenden Adel. Auch bei der Regierung sehr gut angeschrieben, fühlte er sich dort sehr wohl. Als Bürger konservativ gesinnt, in religiöser Beziehung ebenfalls konservativ, erzog er seine Kinder dennoch in liberalem Sinne. Neben reichem talmudischen Wissen mit einer tüchtigen profanen Bildung ausgestattet, schrieb er viel für Petersburger jüdische Blätter in hebräischer Sprache, hie und da auch für eine russische Zeitung. Die Universität befand sich in den Jahren 1885—1888 in ihrer höchsten Blütezeit. Bon den 2000 akademischen Bürgern gehörte die Mehrzahl den kur- und livländischen Adelskreisen an, gemischt mit einer Wenigzahl bürgerlicher deutscher Elemente, der Oberschicht; Pastorensöhne, Beamten-Inden sprößlinge mit eingerechnet. Die zurzeit dort studierende jüdische Jugend zählte etwa 200 Köpfe. Sie kamen ans Wolhynien, Witebsk, Wilna, Schawle (Schaulen und anderen Städten). Auch mehrere Reffen und Vettern von mir studierten dort. So herrschte denn ein recht anregender Verkehr im Hause meines Bruders. Dorpat besitzt, ebenso wie Reval seinen Domberg. Auf dem höchsten Punkte desselben ist noch die stattliche Ruine des ehemaligen Domes vorhanden. Auch der jetzt als Universitätsbibliothek ausgebaute ehemalige bischöfliche Palast hat eine wundervolle Lage auf dem Domberg, der als Stadtpark dem Stadtwie dem akademischen Bürger zugänglich ist. Dorpat breitet sich zu beiden Seiten des Embach ans. Die Balten nennen die Stadt Jargew, doch wird sie amtlich (russisch) Dorpt genannt. Vom Domberge ans gesehen, erscheint die Stadt wie ein einziger großer Garten: so reich ist der sie umgebende Parkgürtel. 78 Dozenten, darunter viele Deutsche, wirkten zurzeit an der Universität. Es herrschte eine frohe Stimmung unter den Studierenden; sie hatten neben den Borlesungen den Besuch der Museen, Laboratorien, der Klinik, des Anatonikums, des Observatoriums und die reichhaltige (180 000 Bände) Universitätsbibliothek zu ihrer Verfügung. Gymnastische Hebungen, der Fechtboden nnb die Reitschule boten Bewegungsfreiheit. Gesellschaftliche Bedürfnisse wurden durch die akademische M ns e mit allen solchen Anstalten eigenem Zubehör'befriedigt. Ferner bestehen Lesekabinett Billard- und Tanzsaat. Schließlich gehörten Dampferfahrten ans dem sehr breiten und 260 Kilometer langen Embach, der in den Peipussee mündet, mit zu den akademischen Vergnügungen. Oftmals wurden Taps, Pernau, Wesenberg und Tncknm besucht. Ties sind alles deutsche Städte mit zum Teil estnischer Bevölkerung. Wundervoll war auch eine Schlittenfahrt ans dem 178 Kilometer langen und 3610 Quadratkilometer umfassenden Peipussee. Ich machte einmal im Winter diese; Fahrt mit meinen Neffen in mehreren Kibitken. Es waren i über 88 Grad Roamnur, und unsere dicken Pelze, welche wir trugen, sowie die strohgefütterten und reich mit Fuchspelzdecken versehenen Schlitten schützten uns kaum. Dazu strahlender Sonnenschein bei dem schneidenden Frost — die jungfräuliche Schneedecke des Sees glitzerte gleich Myriaden Diamantsplittern; der Himmel war wolkenlos; eine heilige Stille war über der Natur ansgebreitet. Auf einer kleinen Insel im See stand eine Kretschma, wo der Samowar brodelte und wir uns mit dem mitgenommenen Proviant den Hunger und Durst stillen, die erstarrten Glieder am riesigen Kachelofen erwärmen konnten.